Kultur

Video: "Wir müssen mehr an uns glauben!"

Im SN-Interview spricht die Salzburger Opernsängerin Angelika Kirchschlager über ihre Liederreise, die große Opernwelt, Castingshows und eine mögliche Zusammenarbeit mit Hubert von Goisern.



SN: Haben Sie mit dem früheren deutschen Innenminister Otto Schily eine Seelenverwandtschaft? Von dem stammt das Zitat: "Wer Musikschulen schließt, gefährdet die öffentliche Sicherheit."

Kirchschlager: Herr Schily hat recht. Ich habe ja auch bereits öffentlich darauf hingewiesen, dass es ein Missverständnis ist zu denken, Musik und Kultur wären das Sahnehäubchen, wenn man eh schon alles hat. Nach dem Motto: Wenn es uns gut geht, haben wir auch noch die Kultur. Kultur ist ein Grundnahrungsmittel. Sie macht den Menschen erst aus. Sie ist eher die Kartoffel und weniger die Schlagsahne.

SN: Erste Station Ihrer Tour ist Oberschützen. Es gibt viele Künstler, die treten in Oberschützen auf und träumen davon, irgendwann auf großen Bühnen zu stehen. Sie drehen das Spiel um, warum?

Kirchschlager: Oberschützen war mir beinahe zu berühmt und zu kulturbelastet. Zu meiner Studienzeit sind viele Kollegen dorthin zu Kursen und Workshops gefahren. Es schließt sich ein Kreis.

SN: Gibt es denn im Opernfach nichts mehr, dass Sie reizt?

Kirchschlager: Wenn überhaupt, dann möchte ich in Zukunft lieber nur mehr die kleine Oper machen. Diese Opern, die ich jetzt singen möchte oder die mich interessieren, sind für das Repertoire eher nicht so geeignet. Die macht man dann mehr auf Festivals oder zum Beispiel am Theater an der Wien. Aber dieser ganze große Opernbetrieb ist für mich ausgereizt. Weil das ist anstrengend (lacht).

SN: Warum?

Kirchschlager: Ich habe die Oper immer geliebt. Da war ich auch noch jünger. Man versucht, als junger Sänger weiterzukommen und alles auszureizen. Aber wenn man dann einmal an der Met war und an der Scala und zum fünften Mal in Paris oder in London und auch diese und jene Partie schon gesungen hat, wird das mit dem Alter nicht unbedingt erstrebenswerter, wieder sechs Wochen irgendwo allein zu sitzen, um etwas zu tun, was man eh schon gemacht hat. Und da gibt’s halt zum Beispiel diese Liederreise, die ich mir selbst ausgedacht habe. Vor zwei Jahren schon und die mich sehr glücklich macht und zu meinem jetzigen Leben viel besser passt.

Es ist schon so: Wenn man nicht unbedingt in der großen Opernwelt sein will, dann kann man es auch nicht. Man kann dort nur glücklich sein und bestehen, wenn man es mit ganzer Kraft will - weil es schon eine extreme Sportart ist.

SN: Sie reisen künftig nur mehr mit kleinem Gepäck? Mit Klavier, ohne Orchester?

Kirchschlager: Auf dieser Tour nur mit Klavier. Mit einem aufblasbaren Klavier (lacht).

SN: Das Programm trägt ausschließlich ihre Handschrift?

Kirchschlager: Es wurde gemeinsam mit Robert Lehrbaumer, der mich am Klavier begleitet, erarbeitet. Wir planen diese Tour zusammen schon seit zwei Jahren. Die Grundidee war: Was gibt es für klassische Lieder, die ohnehin jeder kennt? Wahrscheinlich werden viele denken, "Am Brunnen vor der Tore’ " ist ein Volkslied - und werden dann erfahren, dass es von Schubert ist, oder ein anderes von Brahms oder Schumann. Die Gemeinden sind dazu eingeladen, ein Lied aus ihrer Gegend einzureichen, dann würde ich das als Zugabe singen.

SN: Die Dimension der Konzerträume ist begrenzt?

Kirchschlager: Wir legen es auf etwa 300 an. Das ist eine optimale Größe, weil das klassische Lied, das Kunstlied, das wir versuchen zu entmystifizieren, ja eigentlich aus dem Wohnzimmer kommt. Das wurde früher, vor 150 Jahren, immer im privaten Rahmen aufgeführt und ist dann irgendwann auf das Konzertpodium gekommen. Wir versuchen, es in einen kleineren Rahmen zurückzubringen.

SN: Hubert von Goisern hat im Vorjahr eine Konzertreise mit dem Titel Wirtshaustour gemacht. Offenbar um wieder mehr Nähe zum Publikum zu haben. Ist es wirklich so, dass man aus der Nähe zum Publikum Kraft schöpfen kann? Auf einer Opernbühne blickt man ja eher in ein schwarzes Nichts.

Kirchschlager: In der Oper schon, da habe ich keinen Einfluss auf das Licht. Aber wenn ich Konzerte gebe und vor allem Liederabende, bestimme ich, welches Licht ich haben will. Ich will es so haben, dass das Publikum für mich zu sehen ist. Ich wäre ja auch gern durch die Wirtshäuser getourt, aber ich bin ja eine klassische Sängerin, deshalb hab ich mir gedacht, für mich passen die Kirchen besser (lacht). Aber die Idee ist die gleiche. Ich kenne den Hubert gut. Der will auch auf die Menschen zugehen. Der ist ein sehr offener Mensch, dem die Menschen wichtig sind und mir auch. Wir haben uns schon einmal überlegt, ob wir etwas zusammen machen. Vielleicht ist das dann die nächste Tour.

SN: Was könnte das sein?

Kirchschlager: Puh. Es ist wirklich alles offen und möglich. Man trifft sich dann irgendwo in der Mitte. Oder schaut einmal, wo man sein will.

SN: Es gibt viele Castingshows derzeit. Die Musik, die es zu hören gibt, ist aber eher Lärm als Musik.

Kirchschlager: Ich werde mich hüten, als klassische Sängerin gegen die Popmusik loszuziehen. Ich finde, es gibt wunderbare Nummern. Und um ehrlich zu sein: Es gibt viel schlimmere Dinge, als wenn Menschen sich hinstellen und in aller Öffentlichkeit singen. Ich finde das als das Wichtigste daran. Ob die jetzt berühmt werden oder einen Plattenvertrag bekommen, das ist für mich dann gar nicht mehr so wichtig. Entscheidend ist, dass sich Menschen hinausstellen. Diese Shows gibt es ja wirklich in jedem Land, in dem ich auftrete. Ich habe gerade die Castingshow in Finnland gesehen und die von Japan. Was überall gleich ist, sind diese Emotionen, und ich bin schon berührt, dass jemand, der noch nie in der Öffentlichkeit gesungen hat, egal ob er jetzt gut oder schlecht singt, plötzlich so viel zu sagen hat, dass die sich so ausdrücken, aber normalerweise in ihrem kleinen Leben so herumtümpeln. Da frage ich mich dann schon, wie viele Menschen gibt es da noch um mich herum, die so viel zu sagen hätten und auch nur so herumtümpeln, weil ihnen niemand zuhört?

SN: Es macht Sinn, Menschen zum Singen zu ermutigen?

Kirchschlager: Das ist der positivste Aspekt von diesen Shows, dass Menschen sich denken, "Das kann ich auch!". Das gebe ich auch meinen Studenten weiter, ich sage ihnen: "Ihr könnt viel mehr, ihr müsst es machen." Das ist es, was mir generell auf der Welt fehlt, dass die Menschen Mut haben und sie aufstehen und daran glauben, dass auch ihre Stimme zählt.
Alle Daten zur Tour finden Sie unter www.liederreise.at

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