Kultur

Video: "Wir verkaufen die Schönheit um ein paar Cent"

Tarek Leitner kämpft gegen die Verschandelung Österreichs. Die Salzburger Nachrichten fragten nach, was sich seit der Veröffentlichung von seinem Buch "Mut zur Schönheit" getan hat.



Zeit im Bild-Moderator Tarek Leitner nennt seine Publikation eine Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs. Das Buch erschien im Herbst. Titel: Mut zur Schönheit (Verlag Brandstätter).

SN: Wie oft kam die Frage: Jetzt bist so gscheit in deinem Buch. Sag uns du wie es geht?

Leitner: Sie wird mir immer gestellt. Wir müssen uns als Gesellschaft darüber bewusst sein, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir alle Lebensbereiche ökonomisiert haben. Alles unterliegt wirtschaftlichen Kriterien. Auch, wie wir unsere Landschaft gestalten. Wir lassen uns die Schönheit um ein paar Cent abkaufen. Dieser erste Schritt des Bewusstmachens ist wichtig. Und dafür kämpfe ich.

SN: Wie war die Reise hierher?

Leitner: Die Reise entlang der Autobahn ist ein Teil dessen, was in meinem Buch vorkommt. Da ist eine teils unglaubliche Verschandelung passiert, weil wir offenbar übereingekommen sind, entlang der Autobahn ist eh schon alles wurscht. Das macht mich traurig, weil es sehr viele schöne Blicke gab, die ich noch kenne, vor denen jetzt aber große Wellblechhallen stehen.

SN: Haben sie die Eröffnungsfeier der WM in Schladming gesehen? Es gab einen Film über Österreich. Zu sehen war eine Unberührtheit des Landes, die es so nicht mehr gibt. Warum blenden wir aus, was nicht in Ordnung ist?

Leitner: Filme und Bücher, die diese Sicht präsentieren, boomen, weil wir dieses Surrogat, diesen Ersatz der Schönheit brauchen. Wir reden uns ein, es sei eh noch sehr schön. Das heißt, wir haben den Glauben daran, dass wir in einem schönen Land leben - in Wirklichkeit gibt es das alles aber so nicht, ohne dass man eine sehr verengte Perspektive hat, ohne, dass man mit einem Teleobjektiv auf die schönen Sachen draufschaut.

Tatsache ist, dass die Schladminger etwa eine Kongresshalle mitten in ihren pittoresken Ort gestellt haben, von der ich ihnen wünsche, dass sie sie nachher noch wirklich brauchen können. Es ist eine Halle, wie sie in jedem Einkaufszentrum auch stehen könnte. Also das ist keine Visitenkarte.

SN: Mehr Narben lässt der Alltag zurück. Der ästhetische Bankrott in den Dörfern ist fast flächendeckend.

Leitner: Da gibt es eine merkwürdige Entwicklung. Wir haben Dörfer. Die bauen wir in ihrer Funktionalität noch einmal nach. An den Umfahrungsstraßen, die es seit zwanzig Jahren gibt und die Sinn haben, weil man den Schwerverkehr aus den Orten brachte. Aber an diesen Umfahrungsstraßen bauen wir die selben Orte noch einmal. Mit der gleichen Funktionalität. Nicht nur die Diskonter und Autohändler, die viel Platz brauchen. Sondern Einzelhändler, Optiker und auch der Arzt, siedeln da hinaus. Das ist viel raumgreifender, viel Ressourcen verschwendender und viel viel hässlicher.

SN: Ihr Buch erschien 2012. Wir waren die Reaktionen?

Leitner: Überraschenderweise trifft es auf sehr viel positive Resonanz. Ich hab mir das nicht gedacht. Ich habe mit großer Überraschung festgestellt, dass viele Leute so empfinden wie ich. Da stellt sich die große Frage, wie die Bürgermeister es positiv kommunizieren können, wenn sie den Leuten sagen: Ich bringe euch nicht fünf solche Einkaufszentren, ich verschone euch davor - und, dass der Bürgermeister dann trotzdem die Wahl gewinnen kann.

SN: In England gibt es eine Vereinigung Freiwilliger, die sich um historische Bauten und Naturschutz annehmen. Wäre das ein Weg?

Leitner: Ich trete nicht dafür ein, dass alles Historische konserviert wird. Es geht darum, dass uns das Alte vielfach besser gefällt. Als Touristen zieht es uns in die Altstädte. Kein Wien-Tourist fährt in die SCS Kaffee trinken. Wir müssen uns anschauen, warum wir uns von den Altstädten angezogen fühlen. Es ist nicht bloß die Historie und was sich daran knüpft. Es hat mit der Kleinteiligkeit zu tun und mit dem Aktionsradius, den wir als Menschen haben. Der ist ganz anders, als in den Gewerbeparks, in denen er unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit definiert wird. Wenn wir uns bewusst machen, warum wir in diese alten Orte gehen und warum wir gerne dort den Kaffee trinken, wissen wir auch, wie wir die neuen Dinge gestalten können und wie sie uns eine angenehme Lebensumgebung bieten.

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