Kultur

Virtuelle Gedenkwanderung erinnert an Flucht über die Hohen Tauern

Im Sommer 1947 flüchteten 5000 Juden über einen Gebirgspass vom Salzburger Pinzgau nach Italien. "Alpine Peace Crossing" heuer Corona-bedingt abgesagt.

Symbolbild. SN/stockadobe.com
Symbolbild.

Seit 2007 findet stets am letzten Juni-Wochenende die Gedenkwanderung über den Krimmler Tauern statt. Das "Alpine Peace Crossing" vom Salzburger Pinzgau ins Südtiroler Ahrntal erinnert an die Flucht von 5.000 Juden im Sommer 1947 nach Italien und weiter nach Palästina. Weil der Fußmarsch über den Pass heuer den Corona-Maßnahmen zum Opfer fällt, beschreiten die Organisatoren dieses Jahr neue Wege.

"Im Freien wäre die Durchführung zwar leichter möglich gewesen, wir haben aber der Sicherheit Vorrang gegeben", sagt Robert Obermair. Der 31-jährige Historiker ist seit vergangenem Herbst neuer Obmann des hinter der Wanderung stehenden Vereins. "Wir wollten die Veranstaltung aber nicht ganz ausfallen lassen, weil wir es für wichtig halten, dass es eine Erinnerung an die Ereignisse gibt."

Im Vorjahr nahmen rund 250 Personen bei der Wanderung über den 2.634 Meter hohen Gebirgsübergang teil. Immer wieder sind auch Gäste aus Israel und den USA anwesend. "Viele sind Nachkommen von Jüdinnen und Juden, die damals geflüchtet sind", sagt Obermair. Speziell für sie, die heuer auch wegen der aktuellen Reisebeschränkungen verhindert gewesen wären, haben er und seine Vorstandskollegen Mitte Juni vor Ort kurze Video-Beiträge gedreht, Fotos gemacht und Textbeiträge verfasst. "Die Menschen sollen einen Eindruck bekommen, wie die Route im Jahr 2020 aussieht." Die virtuelle Gedenkwanderung wird der Verein ab 26. Juni auf der Homepage und über seine Kanäle in den Sozialen Medien zugänglich machen.

Zugleich hat der Vorstand ein Magazin ins Leben gerufen, das sich Jahr für Jahr einem anderen Schwerpunkt widmen soll. "Für die erste Ausgabe der Zeitschrift haben wir gezielt das Thema Antisemitismus in den Mittelpunkt gestellt. Mit ganz konkretem Bezug zur Region, zu den Bergen und zu Salzburg, aber nicht nur", erklärte Obermair. Für die "Alpendistel - Magazin für antifaschistische Gedenkkultur" haben Autoren wie Danielle Spera, die Direktorin des jüdischen Museums Wien, oder Ex-EU-Kommissar und Forum-Alpbach-Präsident Franz Fischler Beiträge verfasst.

Wie aktuell das Thema Antisemitismus auch 73 Jahre nach der Flucht über den Krimmler Tauern noch ist, zeigen zwei weitere Artikel in der Zeitschrift: "Sie beschäftigen sich mit der Frage von Verschwörungsfantasien in Zeiten von Corona und speziell damit, wie hier alte antisemitische Stereotype hervorgekramt werden", berichtete Obermair.

In den Jahren 1945 bis 1948 haben 250.000 bis 300.000 Juden und Holocaust-Überlebende aus Osteuropa in mehreren Wellen ihre alte Heimat verlassen. Sie waren vor allem vor neuerlichen Pogromen in Polen geflohen. Ein Teil des Flüchtlingsstroms lief über Salzburg, wo es mehrere Auffanglager für sogenannte "Displaced Persons" gab - unter anderem in Saalfelden im Pinzgau. Die Lager waren notwendig, weil sich die Weiterreise der Menschen oft um Monate verzögerte. Organisiert wurde die Flucht von der jüdischen Fluchthilfeorganisation "Bricha" - in der auch Marko Feingold, der im Vorjahr im Alter von 106 Jahren verstorbene langjährige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, aktiv war.

Ziel war es, die Flüchtlinge über Tirol und weiter über den Brenner- oder Reschenpass nach Italien zu schleusen. Ende 1946 ging die französische Besatzung in Tirol aber rigoroser gegen die illegalen Flüchtlingstransporte vor - und schickte die Gruppen zurück in die amerikanische Besatzungszone. Die Bricha fand darauf einen neuen, weitaus beschwerlicheren Weg - über den Krimmler Tauern.

In Gruppen von rund 200 Personen wurden damals spätabends die Flüchtlinge vom DP-Lager in Saalfelden nach Krimml gebracht. Gegen 2.00 Uhr nachts brachen sie zu Fuß über die Wasserfälle zum Krimmler Tauernhaus auf. Dort gab es einige Stunden Rast. Am Nachmittag machten sich die Menschen erneut auf den Weg. Der nächtliche Marsch über den Krimmler Tauern dauerte für manche bis zu zehn Stunden.

Heute erinnern mehrere Pyramiden aus Metall am Weg an die beschwerliche Flucht. Der neue Vereinsvorstand denkt dabei intensiv über langfristige Kooperationen mit anderen Stationen der jüdischen Flüchtlinge nach. "Die Menschen starteten ja nicht einfach in Saalfelden, sondern kamen von irgendwo her", so Obermair. Zugleich war das Ahrntal nicht der letzte Ort der Flucht: In Meran gab es ein großes Sammellager, in Genua legten die Schiffe nach Palästina ab, auf Zypern legten sie Stopps ein, in Haifa kamen sie an. "Wir wollen hier in Zukunft lokal mit engagierten Gruppen zusammenarbeiten, um die Flucht über den Krimmler Tauern in einen größeren Zusammenhang zu stellen", sagte Obermair.

Quelle: APA

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