Kultur

"Weißes Rössl" am Landestheater: Spreewasser statt Seewasser

Der Wolfgangsee-Dampfer bringt ein etwas anderes "Weißes Rössl" ins Landestheater: nicht Heimatkitsch, sondern nassforsche Revue-Unterhaltung.



Es muss was Wunderbares sein, von Dir geliebt zu werden: Das ist von Anfang an die Sehnsucht des Zahlkellners Leopold nach der Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber. Drei Stunden lang dauern Abweisung und Annäherung und letztendlich der Übertritt vom Kellner- ins Chefdasein für den stürmisch Begehrenden.

Es müsst' was Wunderbares sein, hätte Andreas Gergen, Operndirektor des Salzburger Landestheaters und Regisseur der am Sonntag herausgekommenen Produktion des "Weißen Rössl", mehr als nur vier mit Dauerkostümwechsel stark ausgelastete Tanzpaare zur Verfügung. Und mehr Chor, der bei der Premiere stark damit beschäftigt war, keine der exakt einstudierten Bewegungen zu verspielen, der es darüber aber (noch) an Pfiff und Durchschlagskraft und Pünktlichkeit im Vokalen vermissen ließ.

Denn Andreas Gergen hat die hierzulande oft zum billig sentimentalen Heimatkitsch verkommene Chose nicht als gemütliche klassische Operette angelegt, sondern - ihrer Herkunft gemäß - als rasante Revue aus dem Berlin der 1930-er Jahre: vom Schwank kommend, der peußische Trikotagen- und Rechtsvertreter samt heiratsfähigem Töchteranhang einen Blick aufs trachtig-exotische Älplertum tun lässt - ironisch, sarkastisch, parodistisch, frivol, erotisch, frech und unverblümt. Da fließt gehörig Spreewasser durchs Wolfgangseewasser. Schmissig, aber mit dem nötigen Quantum Gefühl Die erst 2008 aufgetauchte musikalische "Rekonstruktionsfassung" dieses einstigen metropolitanen Kassenschlagers streut da den richtigen Pepp, und das Mozarteumorchester ist unter Peter Ewaldt auf dem ebeno richtigen Weg, das schmissig, aber auch mit dem nötigen Quantum Gefühl umzusetzen. Freilich: Auch ihm wie der gesamten Aufführung hätten ein paar Einspielvorstellungen vor der Premiere ganz gut getan. Noch hakt der angedachte Schwung, um das vorhandene Potenzial auszuschöpfen.

Apropos Potenzial: Warum eigentlich liebt es der Regisseur, der auf diesem Gebiet ein Könner ist, die Bühnentiefe nur zur Hälfte zu nutzen? Den Kitsch vermeidend, setzt Bühnenbildner Stephan Prattes klug und zeichenhaft auf abstrahierende Elemente: Schriftzüge, andeutende Versatzstücke, coole Dekorelemente auf leerer Drehbühne und Revuevorhang, der freilich den Spielraum unnötig begrenzt. Der Effekt: Das üppig und groß Gedachte wird allzu kleinmütig, ja provinziell an der Rampe zusammengeschmurgelt. Bgeleiterscheinung: Gerade die Massenszenen wirken nicht nur mangels Masse noch viel kleiner. Gepfefferte Unterhaltung Die Aufführung verdiente bessere Mittel, weil sie Richtiges will. Sie bietet gepfefferte Unterhaltung aus dem Geist der Entstehungszeit. Sie traut sich, Klischees aufzubrechen (diesbezüglich spielen die Kostüme von Regina Schill bestens mit), Erwartungshaltungen mit Witz zu unterlaufen. Der Kaiser tritt als Puppe auf, die von "Ketterl" Georg Clementi geführt und gesprochen wird. Seine Mahnung zur Bescheidenheit bekommt sogar eine ganz eigene Note. Rührend auch der Auftritt des Prof. Dr. Hinzelmann (Werner Friedl), der in Einstein-Maske das Lob der Bescheidenheit singt.

Es sind diese stillen Momente, die die oft übergrelle, hochtourige Motorik der Aufführung zur Ruhe bringen. Und es sind auch die herberen Töne, die Franziska Becker als ein hartes Regiment führende Rössl-Wirtin und den wienerisch schlauen, mit Nestroy-Couplet-Attitüde singenden Sascha Oskar Weis als Leopold deutlich über Operettenalltag hinausheben. Zu einem solchen gehört auch nicht die Jodlerin (Renata Vaithianathan), die artifiziell in die Akte einstimmt. Prachtbariton aus Berlin Die angereisten Berliner (Norbert Lamla als Giesecke, Simon Schnorr mit Prachbariton als Rechtsanwalt Siedler, die reizend lispelnden oder selbstbewussten Kinder Hanna Kastner und Lucy Scherer und der wie immer tolle Buffokomiker Marco Dott als schöner Sigismund) sind, weil man sie komisch ernst nimmt, keine Karikaturen, der Piccolo des Dominik Tiefgraber ist eine bemerkenswerte Begabung.

Dass aus der Proszeniumsloge ein leibhaftiger Geräuschemacher agiert, ist noch ein weiteres Apercu einer unkonventionellen Operettenaufführung, der man jetzt gutes Gedeihen wünscht.

Operette: "Im Weißen Rössl", Salzburger Landestheater, Aufführungen bis 9. April 2015.

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