Kultur

Winterfest Salzburg mit Tempo-Akrobatik eröffnet

Die SN luden ihre Kunden zur Premiere der "7 Fingers". So viel Begeisterung herrschte noch nie. Und es wurde auch tatsächlich noch nie so viel auf einmal geboten wie in dem Stück "Sequence 8".

Die Sitznachbarin zückt ihr Handy: "Shazam" sagt sie. Das klingt wie eine geheime Zauberformel längst verflossener Kindheitstage. Nach damals also, als die Träume noch durch den Garten flogen - und die Kinder den Träumen hinterherliefen. Heute ist "Shazam" eine korrekte Ansage. Wer diese Applikation auf seinem Smartphone aktiviert, dem verrät sie in Windeseile, welche Musik im Raum zu hören ist. Ein paar Sekunden später nickt die Dame zufrieden - und lädt den Song auf ihr Handy. Was die kanadische Compagnie "7 Fingers" mit ihrem neuen Stück "Sequence 8" zu bieten hat, ist in vielerlei Hinsicht unerhört: Allein schon die Musik. Sie kommt zwar aus der Dose, klingt aber so unerhört gut, dass man schon wegen ihr allein ins Zelt käme. Aber da ist noch viel mehr: Die enorme Bühnenpräsenz von acht blutjungen Kanadiern etwa. Sie sind zwischen 22 und 26 Jahre alt. Auf den ersten Blick erinnert ihr Habitus an den Charme einer sechsköpfigen Boygroup mit zwei Background-Sängerinnen. Aber mit ihrem Elan und ihrer Schnelligkeit sind sie ständig mit Feuereifer am Werk, Eindrücke beim Publikum zwar aufflackern zu lassen - aber unmittelbar darauf auch schon wieder zu verwischen. Colin Davis etwa schmiert dem Publikum gleich zur Begrüßung in zuckersüß französisch gefärbtem Deutsch Honig ums Maul: "Danke, dass Sie mich sehen wollen - und die anderen auch", sagt er. "Denn ohne Publikum wären wir keine Künstler - aber auch Sie wären ohne uns kein Publikum." Da wird ein bisserl mit Sinnfragen kokettiert. Aber bevor die Selbstreflexion einsetzen kann, heißt es schon wieder: Weg damit. Denn jetzt wird zu stampfenden Beats getanzt: künstlerisch - aber nicht zu künstlerisch. Dafür stets unterhaltsam und so geschwind, dass das Auge kaum mitkommt. Dann herrscht Stille. Aber nur kurz. Davis nimmt das Mikrofon. Seine Mimik verrät, dass er gleich Großartiges mitzuteilen hat. Er hebt zu einer Ansprache an. Aber er kommt nicht zu Wort - weil alle anderen auf der Bühne urplötzlich gleichzeitig Belanglosigkeiten austauschen. Soll man darüber nachdenken? Besser nicht. Denn es geht schon wieder weiter. Mit Kletter- und Flugdarbietungen."Cirque du Soleil + Tanz + Präsenz + . . ."Christian Sattlecker, der diese Aufführung gemeinsam mit dem Winterfest-Impresario Georg Daxner ausgewählt hat, erklärt das Erfolgsrezept der "7 Fingers" kurz und bündig mit einer mathematischen Formel: "Das ist Cirque du Soleil zu seiner Anfangszeit + Tanz + enorme Präsenz + ein bisserl Poesie + eine Prise Humor + Selbstironie." Das ergibt unter dem Strich perfekte Unterhaltung. "Das ist nordamerikanischer Zirkus mit französischen Wurzeln", erklärt Sattlecker. Den Wurzeln des Nouveau Cirque huldigen die "7 Fingers" etwa bei einer Nummer, mit der sie zeigen, dass eine simple Wippe vom Kinderspielplatz jederzeit als Raketenabschussrampe missbraucht werden kann - was wiederum sehr amerikanisch ist. Anschließend unterhalten sie sich über den Sinn ihrer Darbietung: "Was wir damit ausdrücken wollten, das ist - äh: Ursache und Wirkung", sagt Maxim Laurin. Sein Kollege Ugo Dario windet sich und entgegnet: "Nein. Das war wie Surfen." Laurin: "Non, non: Ein Tanz. Ein Pas de deux." Dario: "Nein. Da war ein ständig wiederkehrender Geist." Und schon kommt etwas anderes.Keine Ruhe - und das ist gut so"Sequence 8" lässt den Betrachter nie richtig zur Ruhe kommen. Die Frage, was für die Künstler dabei am schwierigsten war, beantwortet Maxim Laurin nach der Vorstellung recht entspannt mit einem Bier in der Hand: "Die deutschen Texte zu sprechen. Mann. Das war die Hölle." Als er in Salzburg dem ersten Österreicher seinen Text auf Deutsch aufgesagt habe, da habe ihn dieser angeschaut, als sei er vom Mond gefallen. Dieser Eindruck zieht sich für das Publikum ohnehin durch die gesamte Show. Ein Circus von dieser Intensität und Perfektion war in den vergangenen zwölf Jahren beim Winterfest noch nie zu sehen. Besonders erfrischend ist das Ensemble aber immer, wenn es augenzwinkernd zur Selbstreflexion übergeht. Eric Bates vereint etwa Kraftmeierei und Geschicklichkeit, indem er drei Ziegelsteine so durch die Luft wirbelt, als ob es keine physikalischen Gesetze gäbe. Dann wird er von Colin Davis wie ein Schriftsteller interviewt. Das Publikum erfährt etwa, dass es in seinem "Buch" darum geht, dass man auch einmal loslassen müsse - um Ballast hinter sich lassen zu können. Was originell ist, nachdem Bates zuvor zwei Mal ein Ziegel durch die Hände schlüpfte.Eine Seite nach der anderen wird weggewischt Aber schon kommt der Reifen. Dieser ist zunächst ein Spiegel, dann ein Schlupfloch und später eine Art Mondschaukel für eine Frau, die der Mann mit einer Taschenlampe beleuchtet - und sich dabei als Sonnenkönig fühlt. Aber auch dieses Bild wird gleich wieder mit der nächsten Akrobatiknummer weggewischt - wie eine Seite auf dem iPad, die nichts Neues mehr verspricht.

Dann ist das Stück vorbei. Und man fragt sich: Was war am Anfang? Egal. Man kann es immer wieder anschauen. Das freut den Impresario Daxner. Er sagt, "Sequence 8" sei schon jetzt das kommerziell erfolgreichste Stück, das er je engagiert hatte.

Winterfest im Volksgarten: "7 Fingers", David Dimitri, "Forman Brothers", Rafik Schami und Spiegelzelt; www.winterfest.at

Aufgerufen am 19.07.2018 um 09:33 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/winterfest-salzburg-mit-tempo-akrobatik-eroeffnet-4212463

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