Kultur

"Wut": Jelineks jüngstes Stück im Schauspielhaus Salzburg

Von einem "Stück" im engeren Sinn kann ja bei Elfriede Jelinek nicht die Rede sein. Was sie den Theatern überlässt, sind "Textflächen", und die Bühnen sollen dann sehen, wie sie damit zurechtkommen. Es funktioniert. Die Theater greifen gerne danach, und einige Regisseure sind begeistert, denn es gibt keine einengenden Vorgaben, sie haben freie Hand und können ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.  SN/APA/ROLAND SCHLAGER
Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

Auch im Schauspielhaus Salzburg hat es, wie man bei der Premiere am Samstag beobachten konnte, funktioniert. Zwei Stunden lang verfolgte das Publikum regungslos, was Regisseurin Anne Simon zur "Wut" eingefallen war.

Auslöser war für Elfriede Jelinek der Überfall auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris gewesen. Ja, die Schriftstellerin lässt sich immer wieder vom Zeitgeschehen inspirieren. Freilich hinkt sie ihm, wie sie selbst bedauernd feststellt, hinten nach, das Theater ist eben im Vergleich zu anderen Medien nicht so flink mit seinen Reaktionen. Dafür holt Elfriede Jelinek viel weiter aus. Auch hier wieder. Sie konzentriert sich nicht etwa auf die Ereignisse in Paris, sondern stellt eine Fülle von Bezügen her. Es ist immer wieder erstaunlich, wie kühn sie mit den Zeitebenen umspringt. Verwirrend ist es mitunter auch.

Sie bringt gleich einmal die griechischen Götter ins Spiel. Schon bei ihnen ist es drunter und drüber gegangen. Zeus kommt vor - der eher kahlköpfige Olaf Salzer wurde dafür mit reichlich Haar ausgestattet - ebenso Jesus, der in Gestalt von Alexandra Sagurna ein bisschen an Conchita Wurst erinnert. Buddha (Ute Hamm) sitzt im Rollstuhl. Magnus Pflüger gibt als düsterer Despot ständig unwirsche Kommentare von sich. Mohammed macht sich Sorgen darüber, welches Bild man von ihm zeichnen könnte. Christiane Warnecke ist das Opfer schlechthin. Daher liegt sie meist auf dem Boden. Für die Autorin (Ulrike Arp) - nicht zum ersten Mal hat die Jelinek ihre eigene Rolle - hat man einen Platz in einem Glaskäfig vorgesehen. Dort lamentiert sie unter anderem über ihre Nöte mit der Sprache. Die betrachtet sie ja, wie man längst weiß, als eine widerwillige und eigensinnige Genossin.

Die Bühne hat die Anmutung einer Fleischbank (Ausstattung: Agnes Hamvas). Mit Messern wird ja ausgiebig hantiert. Durch eine Lücke in der Fliesenwand kriechen Bootsflüchtlinge und Gefangene. Für sonstige Auftritte und Abgänge eignet sich diese Lücke nur bedingt.

Der Regisseurin scheint es mehr daran gelegen zu haben zu zeigen, wie verzweifelt und voller Vorwurf die Autorin in diesem Text die Religionen nach ihrer Rolle befragt und nach ihrem Anteil an der Gewalt in der Welt. Das geschieht vor allem mit Mitteln der Ironie, die Religionsführer sind durch und durch lächerliche Figuren. Das ist nicht hilfreich. Dennoch ist dieser Ansatz ein Verdienst dieser Aufführung. Das Publikum hätte es aber gewiss geschätzt, wären einzelne Motivstränge deutlicher herausgearbeitet worden. Es wird mit drastischen Mitteln gearbeitet, aber wie beeindruckt soll man angesichts von Spielzeugwaffen sein?

Quelle: APA

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