Politik

"Die Zwei-Klassen-Medizin gibt es auch in Salzburg"

Ärztekammerpräsident Karl Forstner schließt "Kuvertmedizin" nicht aus und will mehr Geld fürs Gesundheits- system. Wenn nicht, müsse die Politik dafür geradestehen, sagt er.

Karl Forstner SN/robert ratzer
Karl Forstner


Gibt es auch in Salzburg eine Zwei-Klassen-Medizin?
Forstner: Ich verkenne nicht, dass es bei uns auch für Patienten sehr bedauerliche und wahrnehmbare Unterschiede gibt: Es macht einen Unterschied, ob jemand eine künstliche Hüfte als Ersatz nach drei Wochen oder nach sechs Monaten bekommt.

Was sind die Gründe dafür? Ob jemand privat versichert ist oder nicht?
Das kann ein Grund sein. Aber ich kenne das Gesundheitssystem der USA: Da geht es nicht um die Frage, wann man eine medizinische Leistung bekommt, sondern ob man sie überhaupt bekommt. Daher sollte man differenzieren, was man mit Zwei-Klassen-Medizin meint: Dass man dann, wenn jemand eine Leistung überhaupt nicht bekommt, ein anderer aber schon, Zwei-Klassen-Medizin vorliegt, steht außer Frage.

Aber wie ist es bei uns in Salzburg? Haben wir dann eine mildere Form davon Wenn man es quantifizieren will, ist es bei uns eine mildere Form von Zwei-Klassen-Medizin.

Was wären weitere Gründe für eine Zwei-Klassen-Medizin? Ob jemand den Primararzt persönlich kennt?
Das glaube ich nicht, dass das eine Rolle spielt. Ich glaube, dass in erster Linie die Möglichkeit, in den privaten Bereich auszuweichen und sich hier behandeln zu lassen, der entscheidende Punkt ist, wenn man von Zwei-Klassen-Medizin redet. Denn hier gibt es andere Angebote: Man kommt schneller dran und kann sich den Arzt aussuchen. In den öffentlichen Krankenhäusern ist eine schnellere Behandlung ausgeschlossen, es sei denn, sie ist medizinisch indiziert. Da sind Transparenz-Listen der Krankenhäuser vorgesehen, dort kann man einsehen, wie lange die Wartezeit ist. Aber es gibt insgesamt eine gewisse Heuchelei im Gesundheitssystem, die auch die Spitäler betrifft.

Was meinen Sie damit?
Einerseits heißt man es gut, dass Leute Zusatzversicherungen abschließen. Andererseits nimmt man an, dass diese Leute nichts dafür wollen. Das ist ja nicht ernst zu nehmen. Wenn man weiß, dass öffentliche Krankenhäuser über Sonderklasse-Versicherte Geld lukrieren, werden die sich damit auseinandersetzen, wie man zu solchen Patienten kommt. Denn das Gesundheitssystem kann nicht einfach Extra-Geld verlangen, dafür aber keine Extra-Leistung bieten. Die Konsequenz ist: Wenn ich das Prinzip, das der (frühere, Anm.) Gesundheitsminister Alois Stöger hier suggeriert, konsequent durchziehe, habe ich bald keine Sonderklasse-Patienten mehr in öffentlichen Spitälern. Aber deren Geld wird fehlen. Und das ist eine erkleckliche Summe.

Kann man in Salzburg inoffiziell mit Geld einen früheren OP-Termin erkaufen - Stichwort: Kuvert-Medizin?
Ich kann das in einzelnen Fällen nicht ausschließen. Aber ich weiß mit Sicherheit, dass das in Salzburg kein System hat. Aber man weiß auch nicht, ob ein Arzt früher Bankräuber war (lacht).

Was tun Sie, um diese Klassen-Unterschiede zu bekämpfen? Oder lassen Sie sich nur noch mildern?
Als Ärztekammer haben wir keine Möglichkeit, hier einzugreifen. Was wir tun, ist, darauf hinzuweisen, was passiert, wenn man das öffentliche Gesundheitssystem nicht mit den Ressourcen ausstattet, die es braucht. Das mit der Zwei-Klassen-Medizin wird dadurch nicht besser. Wenn ich im öffentlichen System Wartezeiten verlängere, öffne ich das Spannungsfeld zu den privaten Anbietern weiter. Wenn man das nicht will, braucht es mehr Geld für das öffentliche Gesundheitssystem. Der Kostendämpfungspfad, der von der Regierung ausgegeben wurde, wird das noch verschärfen. Denn man kann sich ausrechnen, wie viele zusätzliche Mittel das System pro Jahr mehr braucht, wenn es sich mit der gleichen Dynamik weiterentwickeln soll. Denn der medizinische Fortschritt verändert sich, die Bevölkerung wächst und wird älter. 2012 wurde eine Bremse eingezogen - mit einer Deckelung der Steigerung auf 3,6 Prozent pro Jahr. Ab 2017 dürfen es nur mehr 3,2 Prozent sein. Wenn man diese Dynamik abbremst, führt das zum Einbremsen von Leistungen.

Wer könnte etwas gegen Zwei-Klassen-Medizin tun?
Die Patientenanwaltschaft, aber auch die Landeskliniken und die Gebietskrankenkasse. Die Salzburger GKK wirtschaftet aber gut und vermeint, mit ihren Mitteln auszukommen. Aber gerade bei niedergelassenen Ärzten muss man Angebote weiterentwickelt.

Ist es nicht primär nötig, genug niedergelassene Ärzte zu finden?
Es geht nicht nur um die Kopfzahl sondern auch darum, deren Möglichkeiten so zu gestalten und zu honorieren, dass sie die Spitäler entlasten können. Sonst wird das nie passieren. Denn die Medizin entwickelt sich weiter. Es gibt neue Arzneimittel. Wir brauchen mehr niedergelassene Psychiater. Die Ärzte müssen Zeit haben für ihre Patienten etc.

Was sind da Ihre Erwartung an die Politik?
Es gibt das Versprechen der Politik, dass jeder die modernste Medizin, die sinnvoll verfügbar ist, bekommt. Es geht aber um die finanzielle Bedeckung dieser Zusage. Wenn die nicht garantiert ist, ist das wie ein ungedeckter Scheck. Die Verantwortlichen müssten, wenn sie Geld kürzen, auch das Versprechen abändern. Dazu hat aber niemand den Mut.

Wie stehen Sie persönlich zur Zwei-Klassen-Medizin?
Die Politik wird entscheiden müssen, ob sie die qualitativ höchstwertigen Angebote in der Medizin weiter für alle aufrechterhalten kann. Das kostet. Wenn man das nicht will, wird es eine Versorgung geben für alle, die auch gut sein kann, und eine, die noch höher anzusetzen ist. Wer die will, muss selbst zahlen. Das ist nicht mein Wunsch, aber die Konsequenz, wenn man das Gesundheitssystem nicht mit ausreichend Mitteln versorgt. Eindringlicher kann man einen Riss in der Gesellschaft nicht mehr sichtbar machen, als wenn ich als Angehöriger erleben muss, dass jemand eine medizinische Leistung nicht mehr bekommt, weil er sie nicht zahlen kann.








Zwei-Klassen-Medizin: Was sagen GKK , Landeskliniken und das Land?

GKK-Obmann Andreas Huss ortet in einem anderen Teilbereich Zwei-Klassen-Medizin: "Im Spital kann es einen Unterschied bei den Wartezeiten auf Operationen - wie beim Grauen Star oder bei Hüft-OPs - weil es bei den Sonderklasse-Betten nicht so großen Andrang gibt. Ich weiß, dass es für Sonderklasse-Patienten öfter zu Bevorzugungen kommt, die nicht sein dürfen." Daher fordere die GKK seit langem eine transparente, im Internet einsehbar Wartezeitenliste. "Die gibt es aber immer noch nicht. Dabei ist das gesetzlich vorgeschrieben."

Christian Stöckl (ÖVP) widerspricht hier in seiner Eigenschaft als Landes-Spitalsreferent: "Mir versichern die Krankenhäuser, dass es keine Zwei-Klassen-Medizin gibt." Er räumt aber ein, dass es passieren könne, dass aufgrund eines freien Bettes "in der Sonderklasse die Wartezeit auf die Behandlung kürzer ist." Bei den Wartelisten seien aus Datenschutzgründen nur "Zusammenfassungen, wie lange man wo auf welche Operation warten muss" möglich.

SALK-Chef Paul Sungler wehrt sich ebenfalls gegen den Vorwurf einer Zwei-Klassen-Medizin. Er sagt, dass Wartezeiten von bis zu einem Jahr nicht die Realität widerspiegeln würden: "Für Hüft-, Schilddrüsen- oder Augen-OPs machen Betroffene oft selbst monatelang Termine im voraus aus."




Quelle: SN

Aufgerufen am 16.11.2018 um 01:02 auf https://www.sn.at/salzburg/politik/die-zwei-klassen-medizin-gibt-es-auch-in-salzburg-528238

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