Politik

Experte sieht dichtere Verbauung der Stadt Salzburg positiv

Stefan Netsch hat 22 Bauprojekte analysiert und lobt ihre Qualität: "Salzburg verkauft sich unter Wert. Vielleicht leidet es aber unter dem barocken Image."

Zentrum Herrnau. Stadtwerk Lehen. Die General-Keyes-Siedlung. Das sind drei in Salzburg teils umstrittene Bauprojekte. Aus Sicht von Stefan Netsch sind sie aber allesamt gut gelungen. Netsch ist Architekt und Stadtplaner und lehrt an der FH in Kuchl. In den vergangenen Monaten hat der 46-Jährige mit seinen Studenten 22 Nachverdichtungs- und Stadtentwicklungsprojekte, die seit 1994 in der Landeshauptstadt gebaut worden waren, analysiert. Zudem wurden sie für eine Ausstellung dokumentiert. Sein Resümee: "Die architektonische und städtebauliche Qualität sind sehr hoch. Da verkauft sich Salzburg schon unter Wert." In Architekturzeitschriften kämen die hiesigen Projekte wenig vor: "Dabei können sie im internationalen Vergleich gut mithalten." Nachsatz: "Aber vielleicht leidet die Stadt auch unter ihrem barocken Image, wie andere schon gesagt haben", so der Experte, der am Karlsruher Institut für Technologie dissertiert hat, in Amsterdam in Planungsbüros sowie für die Stadt Stuttgart gearbeitet hat.

Heute, Dienstag, diskutieren Experten über Nachverdichtung: Das sind Wohnbauprojekte, mittels derer die Bebauungsdichte auf einem Areal erhöht wird: Die Strubergassen- oder die General-Keyes-Siedlung sind Beispiele dafür in der Stadt Salzburg. Gleichzeitig wird damit oft eine "Innenentwicklung" verknüpft - wie etwa in der Riedenburg: Dort wurde aus einer Kaserne ein gemischtes Wohngebiet. Die Königsklasse sei die "doppelte Innenentwicklung", sagt Netsch. "Dabei werden neben Wohnungen auch Infrastrukturen geschaffen wie ein Kindergarten, Geschäfte oder Kultureinrichtungen, die im Stadtteil gebraucht werden." Als Beispiel dafür nennt er etwa die Neue Mitte Lehen. Aus seiner Sicht ist eine Nachverdichtung gut gelungen, wenn der Nutzungsmix stimmt. Positivbeispiel sei hier das Stadtwerke-Areal: "Hier hat man die Erdgeschoßzone gut mit Geschäften und Dienstleistern gefüllt, die den Bewohnern im Quartier nützen" - vom Jugendtreff über Geschäfte und Bildungseinrichtungen bis zur Gastronomie. Auch das Zentrum Herrnau sei ein Vorzeigeprojekt - wo es auch Ärzte und eine Bank im Haus gebe. So seien alle Wege für Dinge des täglichen Bedarfs fußläufig erreichbar, sagt Netsch. Aber, so seine Kritik: "Nur sechs der 22 untersuchten Projekte hatten eine echte Nutzungsmischung." Diese zu schaffen sei oft auch mit viel Arbeit und Konflikten verbunden: "Wenn man einen Wirt im Parterre hat und drüber wohnt jemand, kann man sich vorstellen, zu welchen Debatten das führt." Selbiges gelte für lärmempfindliche Nachbarn neben dem Kindergarten oder den Supermarkt, der um sechs Uhr morgens beliefert werde - samt piepsender LKW-Rückfahrsirene.

Wie kann man diese Konflikte lösen? Netsch plädiert für mehr Gelassenheit: "Manches muss man einfach aushalten. Denn ich wohne auch mitten in einer Stadt. Da ist es laut. Aber man muss auch sehen, was man an Vorteilen hat." Wenn man im Dorf wohne, habe man zwar seine himmlische Ruhe, müsse aber für jeden Weg das Auto starten. Seine provokante Ansage: "Für ein städtisches Leben muss man eine gewisse Akzeptanz mitbringen. Da kann man nicht erwarten, dass man in der Innenstadt nur Ruhe hat." Dass in Salzburg zu dicht gebaut werde, wie manche meinen, weist er zurück. Ein Index sei die Zahl der Wohnungen pro Hektar: "Die meisten der Projekte hatten im Schnitt 70 bis 130 Wohnungen pro Hektar. Das ist eine vernünftige Dichte und nicht abstrus hoch."

Die Stadt Salzburg ist gerade dabei, das Räumliche Entwicklungskonzept (REK) neu zu schreiben. Dieses legt fest, was wo in den nächsten 25 Jahren gebaut werden darf. Worauf gilt es hier zu achten? Netsch fordert, dass hier nicht nur Einzelprojekte entwickelt werden, sondern man begleitend dazu die jeweiligen Freiräume strategisch mitplanen müsse: "Dazu gehören neben den Grünflächen auch Fluss- und Bachläufe." Der Glanspitz sei hier ein gelungenes Beispiel.

Sein Rat: "Irgendwann wird man sich in Salzburg auch mit den Einfamilienhaus-Gebieten beschäftigen müssen." Denn viele ältere Häuser stünden zum Verkauf - aber nicht gleichzeitig. Zudem sei evident, dass bei vielen von ihnen die bewilligte Bebauungsdichte noch lang nicht ausgenutzt sei: "Da schlägt schon die Spekulation zu", warnt Netsch. Weiters müsse man sich bewusst sein, dass sich durch die nachträgliche Verdichtung solcher Stadtteile mit mehrgeschoßigen Bauten auch der Charakter der Quartiere ändere: "Denn die Grundstückspreise steigen ordentlich - daher wird es von allein passieren, dass höher gebaut wird", so der FH-Professor.

Steuern und moderieren könne man eine solche Entwicklung nur über eine möglichst gute und frühzeitige Einbindung der Bürger, sagt Netsch. "Es gab beim REK jetzt Ansätze dazu. Das ist der richtige Weg. Denn nichts ist schlimmer, als irgendetwas hinzubauen und die Leute erst im Nachhinein zu informieren."


Daten & Fakten: Onlinediskussion zu Nachverdichtung

Am Dienstag ab 18.30 Uhr wird - organisiert von Initiative Architektur, FH Salzburg und SIR - online über Nachverdichtung debattiert. Zunächst gibt es Vorträge von Stefan Netsch und Markus Neppl (Karlsruher Institut für Technologie). Dann folgt eine Onlinediskussion mit Vizebgm. Barbara Unterkofler (ÖVP), Ernst Beneder (Vorsitzender des Gestaltungsbeirats), Andreas Schmidbaur (Magistrat Salzburg) sowie Stefan Netsch und Markus Neppl. Link: www.initiativearchitektur.at

Im Architekturhaus in der Sinnhubstraße 3 kann zudem noch bis 30. April die Ausstellung "Die Praxis der Nachverdichtung" besichtigt werden - jeweils von Dienstag bis Freitag von 12 bis 17 Uhr. Es gilt ein Limit von fünf Besuchern gleichzeitig.

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