Politik

In Salzburg bekommen Nachbarn Regeln für Frieden

Kinder, Tiere oder Müll - Streit darüber entzweit Nachbarn oft. Die Stadt investiert über eine Million Euro für gute Stimmung in Siedlungen.

Eine über den Balkon ausgeschüttelte Tuchent brachte die Besitzerin der darunterliegenden Gartenwohnung derart in Rage, dass die Polizei in der Stadt Salzburg ausrücken musste, um den Streit zwischen den Nachbarinnen zu schlichten. Zwar laufen Konflikte selten derart aus dem Ruder - doch immer wieder braucht es Vermittler zwischen Streithähnen.

"Krach in Mehrparteienhäusern und Siedlungen vorbeugen oder ihn schlichten, diese Aufgaben muss die Stadt wahrnehmen", sagt Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer (SPÖ). Mehr als eine Million Euro gibt Salzburg für ein gutes Zusammenleben seiner Bürger aus. Die Einrichtungen des Bewohnerservice in verschiedenen Stadtteilen erhalten allein rund 500.000 Euro. Dazu kommt Unterstützung für das mobile Jugendprojekt Streusalz oder das Integrationsbüro.

Apropos Integration: Für 2500 Euro legt die Stadt nun einen Folder auf, der die wichtigsten Regeln für ein gelingendes Miteinander-Wohnen auflistet. Piktogramme, also vereinfachte Bilder, machen klar, dass Müll trennen Pflicht ist, Fahrräder in die Radgarage gehören oder es von 22 bis 6 Uhr früh ruhig sein muss. "Die Piktogramme versteht jeder, ob er nun Deutsch kann oder noch nicht", sagt Hagenauer. Die Erklärungen zu den Bildern liefert der Folder mit, neuerdings zusätzlich zu Englisch, Bosnisch-Serbisch-Kroatisch, Türkisch und Russisch auch auf Arabisch und Dari, der offiziellen Sprache in Afghanistan.

"Zwar haben wir die Hoffnung auf ein konfliktfreies Zusammenleben, doch in der Realität gibt es manchmal eben Unstimmigkeiten", erzählt Ursula Sargant-Riener. Sie koordiniert die Bewohnerservice-Stellen. Verglichen mit anderen Landeshauptstädten wie Linz oder Graz stehe Salzburg gut da. Sargant-Riener nennt ein Beispiel: "Während Graz in einem Jahr rund 100 Fälle hat, bei denen es echt ans Eingemachte geht, kamen in den vergangenen eineinhalb Jahren etwa 50 Fälle zu uns, die nach neutraler Vermittlung zwischen den Streitparteien verlangten."

Warum sich die Stadt überhaupt um zankende Nachbarn kümmert? "Weil ein solcher Konflikt beinahe ebenso schlimm ist wie in einer Paarbeziehung. Der Nachbar geht ja nicht weg, der ist immer vor der Nase. Deshalb ist ein gutes Miteinander wichtig."

Toleranz sei ein erster Schritt dorthin, sagt Sozialstadträtin Anja Hagenauer: "Als ich selbst Deutsch für Migranten unterrichtet habe, habe ich immer gesagt, dass das Grüßen bei uns wichtig ist." Doch gerade Frauen aus anderen Ländern hatten Angst vor dem Grüß-Gott-Sagen - "weil es bei ihnen daheim dazugehört, dass sie gleich viel gefragt werden". Hagenauer erklärt, dass Neuankömmlinge sich nicht zutrauen, Fragen von Nachbarn auf Deutsch zu beantworten. Ihre Schülerinnen konnte die Politikerin jedoch beruhigen: Immerhin sei es in Österreich nicht Standard, nach dem Grüßen noch lange weiterzusprechen. "Ein hörbares Signal der Freundlichkeit reicht meistens schon."

Einen Blick auf eine gute Stimmung in Siedlungen haben in Salzburg 20 Vertrauensnachbarn. "Wir wollen dabei keine Blockwarte großziehen, sondern den Leuten Werkzeuge in die Hand geben, damit sie einen liebevollen Blick auf ihre Umgebung haben", sagt Sargant-Riener vom Bewohnerservice. Vertrauensnachbarn organisieren Feste im Wohnblock oder greifen unter die Arme, wenn einmal jemand Hilfe braucht. Unaufdringlich und stets im Dienste des konfliktfreien Zusammenlebens.

Ursula Sargant-Riener vom Bewohnerservice der Stadt Salzburg über die Gründe, warum es manchmal zu Streit unter Nachbarn kommt:

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