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"Kummernummer": Berater sollen Ortschefs aus der Patsche helfen

Anonyme Anzeigen, Kampagnen im Internet oder Anfeindungen: Der Gemeindebund will die Bürgermeister jetzt bei Bedarf schulen.

"Kummernummer": Berater sollen Ortschefs aus der Patsche helfen SN/fotolia
Ein falsches Wort kann die Gemüter erhitzen – vor allem in sozialen Netzwerken. Der Gemeindebund bereitet jetzt telefonische Ratgeber vor.

Ein ausgelassener Abend, ein Streit mit einer Kellnerin und ein falscher Satz, der im Dorf die Runde macht und zwei Monate später publik wird. Das wurde zuletzt dem St. Gilgener Ortschef zum Verhängnis, der mit Sexismusvorwürfen konfrontiert war. Nach einer Entschuldigung ist alles wieder aus der Welt geräumt. Aber das Beispiel zeigt, wie schnell der Ortschef ungewollt in den Mittelpunkt - auch medialer Aufmerksamkeit - rückt.

Der Gemeindebund kommt den Ortschefs jetzt zu Hilfe. Gemeindebundpräsident Helmut Mödlhammer (ÖVP) will ab Jahresbeginn eine Art Hotline einrichten. Unter der "Kummernummer" könnten alle Bürgermeister Österreichs Rat einholen. Am Ende der Leitung sitze ein Beratungsinstitut, das sich mit Medienanfragen und Kommunalpolitik auskenne. Bei juristischen Angelegenheiten würde der PR-Berater die Juristen des Gemeindebundes beiziehen. Aktuell sei man noch in Verhandlungen mit Politberatungsunternehmen. Aber die Stoßrichtung sei klar - man müsse sich als Interessenvertretung stärken.

"Der Beruf des Bürgermeisters wird immer belastender. Man trifft im Amtsgeschäft spontan Entscheidungen von großer Tragweite, die schwer zu erklären sind und wo man in Stresssituationen ist", sagt Mödlhammer. Aber auch der Umgang mit Medien überfordere viele Ortschefs - ein rasches Fernseh- oder Radiointerview, eine kurzfristige Einladung zu einer Sendung. "Die Bürgermeister sind ja keine Medienprofis. Wir wollen sie daher nicht ,reintapsen' lassen. Sie sollen authentisch bleiben, aber in der Sache entsprechend vorbereitet werden", schildert der Gemeindebundpräsident.

Entsprechend häufen würden sich derzeit Anfeindungen in sozialen Netzwerken. "Da gibt es Kampagnen, die auch vor der Familie nicht halt machen. Da scheuen viele nicht zurück, die Hemmschwelle durch soziale Medien ist eben sehr gering geworden", schildert Mödlhammer. Wenn der Bürgermeister von den Oppositionsparteien bis aufs Messer schikaniert werde, müsse man Mechanismen zum Selbstschutz entwickeln, sagt der Chef der Gemeinden.

Je näher ein Wahljahr rücke, umso häufiger seien Bürgermeister auch mit dem Phänomen "Whistleblowing" - also anonymen Anzeigen - konfrontiert. "Der politische Anstand nimmt ab. Es ist fast nichts mehr heilig, auch nicht das Privatleben", sagt Mödlhammer. Doch auch auf Situationen, wo Bürgermeister plötzlich vor dem Staatsanwalt stünden, könne man sich vorbereiten lassen. Daraus müsse man dann eben das Beste machen.

Kuchls Bürgermeister Andreas Wimmer (ÖVP) etwa kennt diese durchaus belastende Situation, wie er sagt. Er war mit der Korruptions staatsanwaltschaft konfrontiert. Der Grund: Ein Bürger hatte ihn anonym angezeigt. In der Sache sei es um eine 40 Jahre zurückliegende Baubewilligung gegangen. "Im Moment denkt man sich, wenn man nach Wien zur Staatsanwaltschaft fahren muss: Was ist denn jetzt los? Was pflegen wir für einen Umgang miteinander, dass wir uns anonym anzeigen? Das ist ja nicht normal", sagt Wimmer.

Was auf Facebook mitunter passiere, bezeichnet Wimmer als "tiefste Schublade". Er habe sich daher nach 14 Tagen wieder aus dem sozialen Netzwerk verabschiedet. Eine Hotline des Gemeindebundes für alle möglichen Fragen könne daher "für viele sicher sehr hilfreich sein", meint der Tennengauer Bürgermeister.

Der Chef der Salzburger Gemeinden, St. Johanns Bürgermeister Günther Mitterer (ÖVP), begrüßt die Initiative Mödlhammers. "Es gibt immer noch Dinge, die uns überraschen. Das ist weniger der politische Alltag, sondern das sind verzwickte Nachbarschaftsstreitereien oder wenn einem der Führerschein entzogen wird. Da ist es gut, wenn man sich austauschen kann."

Wenig hält SPÖ-Bürgermeister Andreas Haitzer von einer solchen Beratungshotline. "Ich glaube nicht, dass das gescheit ist." Auch er kenne E-Mails mit derben Anreden oder Anschuldigungen in sozialen Netzwerken gegen seine Gemeinde und seine Person. "Ich ignoriere sowas. Was hilft's, wenn ich daraus ein Drama mache."

Bestes Beispiel für einen verbalen Ausrutscher war im Vorjahr wohl Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl. Für seinen provokanten Sager "Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig", erzürnte er die Lehrer in ganz Österreich. Aber Häupl ist wohl auch nicht die Zielgruppe einer Hotline des Gemeindebundes.

Quelle: SN

Aufgerufen am 19.09.2018 um 08:44 auf https://www.sn.at/salzburg/politik/kummernummer-berater-sollen-ortschefs-aus-der-patsche-helfen-910039

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