Politik

Sieben neue EU-Schutzgebiete: Salzburg einigte sich mit Grundeigentümern

Zu den bestehenden 110.000 Hektar sollen weitere 87,7 Hektar als Natura-2000-Gebiete ausgewiesen werden. Die Salzburger Nachrichten haben nachgefragt, welche Flächen das sind und welche seltenen Arten dadurch geschützt werden sollen.

Andreas Scharl, Schutzgebietsbetreuer für den Pinzgau und Landesrätin Maria Hutter beim Lokalaugenschein. SN/land salzburg/sabine bauer
Andreas Scharl, Schutzgebietsbetreuer für den Pinzgau und Landesrätin Maria Hutter beim Lokalaugenschein.

Nach mehr als zehn Jahren zähen Verhandlungen mit den Grundeigentümern wird Salzburg sieben neue EU-Schutzgebiete ausweisen. Zusammen mit den bereits bestehenden 31 EU-Schutzgebieten hat Salzburg dann sein Soll im europaweiten Netzwerk von Natura-2000-Gebieten erfüllt. "Viele persönliche Gespräche mit Grundeigentümern haben diesen Etappensieg ermöglicht", betont Landesrätin Maria Hutter (ÖVP). Offiziell verordnet werden die sieben neuen Europa-Schutzgebiete in spätestens einem halben Jahr - bis dahin soll die Zustimmung der EU-Kommission zu den jetzt vorgeschlagenen sieben neuen Schutzgebieten vorliegen.

Diese lange Phase bis zur Zustimmung der EU-Kommission hängt mit dem EU-weiten Aufbau des Schutzgebiete-Netzwerkes zusammen. Zunächst stimmen die einzelnen Staaten intern ihre Vorschläge ab, danach die EU-Kommission die Vorschläge der einzelnen Mitgliedsländer.

Stimmt die EU dem österreichischen und damit auch dem Salzburger Vorschlag zu, dann sind drohende Strafzahlungen vom Tisch. Denn eigentlich sollte bereits 2004 alles erledigt sein. Weil man sich aber mit den Grundeigentümern nicht einig wurde - was keine Voraussetzung für eine Schutzgebietsausweisung, aber gelebte Tradition ist - blieb Österreich säumig. 2013 eröffnete die EU deswegen ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich. Im Falle einer Verurteilung würden hohe Strafzahlungen fällig werden - sie sind vom Tisch, sobald die jetzt gemachten Vorschläge in Brüssel angenommen werden.

Diese sieben Salzburger Arten bzw. Lebensräume sollen als Natura-2000-Gebiete ausgewiesen werden

1. Bergmähwiesen in Unken (26 Hektar)

So richtige Blumenwiesen mit Margarithen, Glockenblumen und Orchideen sind EU-weit sehr selten geworden. Sie müssen ein- bis zweimal im Jahr gemäht und dürfen so gut wie nicht gedüngt werden. Das erklärt auch, warum sie mittlerweile fast verschwunden sind. Der landwirtschaftliche Ertrag entspricht in keiner Weise dem Aufwand. Oft handelt es sich dabei um feuchte Wiesen, die händisch oder mit Spezialgeräten bewirtschaftet werden müssen.

Bergmähwiese in Unken SN/land salzburg/thomasser
Bergmähwiese in Unken

2. Fels-Grimaldimoos in Golling (1 Hektar)

Dieses spezielle Moos ist in Salzburg sehr selten geworden und wächst ausschließlich auf Konglomerat- oder Nagelfluhgestein. Im künftigen EU-Schutzgebiet wird keine spezielle Pflege notwendig sein. Eingriffe in Felswände sind dann aber tabu, sie müssen bleiben wie sie sind.

3. Firnisglänzendes Sichelmoos in Strobl (4,5 Hektar)

Dieses Moos benötigt feuchte Streuwiesen, die einmal im Jahr gemäht werden müssen. Man findet sie in der Nähe von Seen wie dem Wolfgangsee oder auch dem Zeller See. Die für das Sichelmoos geeigneten Flächen sind so feucht, dass man sie nicht mit einem Traktor mähen kann. Handmahd oder Spezialgeräte und das händische Verbringen des Mähgutes machen die Pflege aufwändig. Bleibt diese Pflege aus, verbuschen diese Streuwiesen, was wiederum zum Verschwinden des Sichelmooses führt.

Firnisglänzendes Sichelmoos SN/land salzburg/thomasser
Firnisglänzendes Sichelmoos

4. Rudolfs Trompetenmoos in Untertauern (3 Hektar)

Dieses spezielle Moos wächst ausschließlich auf der Rinde von Bergahornbäumen, die mindestens 70, aber meist nicht älter als 180 Jahre alt sind. Es benötigt ein spezielles Klima und die Bäume müssen einmal mit Tierkot von Greifvögeln oder einem Marder in Kontakt gekommen sein. "Hier müssen schon sehr viele Zufälle zusammenkommen, deswegen ist Rudolphs Trompetenmoos auch so selten", erklärt Experte Andreas Thomasser aus dem Büro von Landesrätin Maria Hutter.

Rudolfs Trompetenmoos SN/land salzburg/thomasser
Rudolfs Trompetenmoos

5. Sumpfgladiole in Grödig (0,7 Hektar)

Auch die Sumpfgladiole gedeiht in den selten gewordenen, ungedüngten Streuwiesen. Voraussetzung für ihr Vorkommen ist eine späte Mahd und dass das Mähgut entfernt wird. Das Hauptproblem für sie ist, dass Wiesen heute meist nicht mehr so bewirtschaftet werden wie früher. Selbst wenn der Bauer die Wiese nicht düngt, sorgen Stickstoffeinträge in der Luft für ein Aufdüngen des Bodens und bedrohen so die seltene, auch optisch sehr attraktive Art.

Die Sumpfgladiole SN/land salzburg/günther nowotny
Die Sumpfgladiole

6. Grünspitziger Streifenarm in Mittersill (7,5 Hektar)

Diese Art kommt nur auf Serpentingestein vor - das gibt es im Bundesland Salzburg nur an zwei Orten. Der grünspitzige Streifenarm wächst in steilen Felswänden, die sich in der Nähe von Waldbeständen befinden. Die Nutzung des Waldes in einem EU-Schutzgebiet ist für den Eigentümer nur in Absprache mit der Naturschutzbehörde möglich.

7. Zierliche Tellerschnecke in Seeham (45 Hektar Uferbereich)

Dieses winzige Tier - es hat einen Durchmesser von höchstens fünf Millimetern und ist nicht einmal einen Millimeter "hoch" - lebt in Wassergräben in Uferbereichen, wo es auch Wasserlinsen und Ufergräser gibt. Die zierliche Tellerschnecke wird etwa ein Jahr alt und ist etwa in Deutschland und der Schweiz vom Aussterben bedroht. In Österreich ist sie stark gefährdet.

Uferbereich des Obertrumersees – Lebensraum der zierlichen Tellerschnecke. SN/franz neumayr
Uferbereich des Obertrumersees – Lebensraum der zierlichen Tellerschnecke.

Für die erforderliche Pflege der EU-Schutzgebiete bekommen die Grundeigentümer keine Pauschalvergütung. Zum Teil erhalten sie die im Vertragsnaturschutz vorgesehenen Mähprämien, zum Teil keinen Cent. "Es kommt auf den Aufwand der notwendigen Pflege an. Förderungen sind unabhängig von einer Schutzgebietsausweisung an Ertragsentgang bzw. Arbeitsaufwand gekoppelt", erklärt Andreas Thomasser. Würde man dort jeden Handgriff abgelten, dann wären Natura-2000-Gebiete unleistbar.

Schon bisher verfügt Salzburg über ein großes Netz an solchen EU-Schutzgebieten: Die 31 bestehenden Schutzgebiete machen mit rund 110.000 Hektar etwa 15 Prozent der Salzburger Landesfläche aus. Jetzt sollen 87 Hektar hinzukommen.

Aufgerufen am 25.11.2020 um 10:32 auf https://www.sn.at/salzburg/politik/sieben-neue-eu-schutzgebiete-salzburg-einigte-sich-mit-grundeigentuemern-62058688

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