Politik

So findet Salzburg neue Hausärzte

Entscheidungsdruck und Tunnelblick in Richtung Spital: Der Hausärztemangel spitzt sich zu. Die Branche erlebt gerade einen völligen Umbruch.

Guido Lehner führt seine Praxis in Maxglan seit beinahe 30 Jahren. Sein Wissen gibt der arrivierte Hausarzt regelmäßig an Studenten weiter (v. l.: Nina Enthaler, Sebastian Bachmayer, Eva Schulz).  vips
Guido Lehner führt seine Praxis in Maxglan seit beinahe 30 Jahren. Sein Wissen gibt der arrivierte Hausarzt regelmäßig an Studenten weiter (v. l.: Nina Enthaler, Sebastian Bachmayer, Eva Schulz). 

Die niedergelassenen Ärzte plagen Nachwuchssorgen. Hintergrund ist, dass ein Drittel der landesweit knapp 400 Mediziner in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen wird.

Die neue Generation ist weiblich. Frauen aber wollen häufig - bedingt durch familiäre Pflichten - anders arbeiten, sprich in Teilzeit tätig sein oder sich eine Praxis teilen. In Summe verschärft dieser Umstand das Problem. Denn es braucht mit flexiblen Arbeitsmodellen eine höhere Kopfzahl, um die Versorgung zu gewährleisten.

Um den Nachwuchs bestmöglich an den Beruf heranzuführen, bemühen sich die etablierten Hausärzte schon während der Ausbildung um Präsenz. Im Zuge der so genannten Lehrpraxis "läuft" ein junger Arzt ein halbes Jahr in der Praxis eines arrivierten Kollegen mit. Das erfolgte bislang auf freiwilliger Basis, soll aber künftig verpflichtend sein - und unter Umständen sogar auf ein Jahr verlängert werden.

Jungmediziner früher in die Praxen bringen

In Salzburg wickelt diesen Teil seit 2013 die Salzburger Initiative Allgemeinmedizin (SIA) ab. Jung und Alt arbeiten dabei Hand in Hand, ein regelmäßiges Mentoring und gemeinsame Seminare runden den Einsatz ab. Damit ist das Bundesland Vorreiter. Jetzt wird überlegt, das Modell österreichweit in die Regelausbildung zu integrieren (s. Interview).

Zwei, die das so gemacht haben, sind der Allgemeinmediziner Guido Lehner aus Maxglan und Jungärztin Nina Enthaler aus Seekirchen. Sie habe durch den regelmäßigen Austausch wahnsinnig viel gelernt, sagt Enthaler: "Zwischen den Praktikern draußen und den Ärzten im Spital gibt es komplett andere Sichtweisen. Da nimmt man viel mit - und lernt, abgesehen vom Medizinischen, auch die organisatorische Führung einer Ordination."

Enthaler hat das Projekt abgeschlossen. Heute versieht sie Dienste in der Notaufnahme, arbeitet an der Universität und macht Vertretungen in verschiedenen Ordinationen, unter anderem jener von Lehner. "Das liegt irgendwo auf der Hand. Sie kennt die Gepflogenheiten und die Patienten", sagt Lehner. Beide stehen nach wie vor in Kontakt, auch wenn "ich immer weniger von ihr höre". Was Lehner als gutes Zeichen interpretiert.

Es bleibt wenig Zeit, die Berufswahl zu treffen

Der "Haken" am SIA-Modell ist, dass es nur junge Mediziner durchlaufen, die sich bereits entschieden haben, Hausärzte zu werden. Die Nachwuchssorgen lösen sich damit nicht in Luft auf. Ihre Ursachen sieht Lehner in den Zugangsbeschränkungen beim Studium begründet. Beispiel Innsbruck. Zu seiner Zeit fingen dort jährlich 700 Studenten an. Aktuell seien es 400, davon 100 aus anderen EU-Staaten. Die rund 50 zusätzlichen Plätze an der Privatmedizinischen Uni Salzburg gleichen das nicht aus. Die steigende Mobilität bedeutet mehr Fluktuation: 60 Prozent der Absolventen gehen ins Ausland.

Schwer im Magen liegt den Hausärzten obendrein eine Neuregelung in der Ärzteausbildung. Demnach müssen Jungärzte nun bereits neun Monate nach Ende des Studiums entscheiden, ob sie die Allgemeinmedizin oder ein Sonderfach wählen - zu einem Zeitpunkt, an dem sie oft erst kurze Zeit, wenn überhaupt, in einer Praxis geschnuppert haben. Bisher konnten sie sich für diese Entscheidung bis kurz vor Ende des drei Jahre dauernden Turnusdienstes Zeit lassen. Was laut Lehner "grundvernünftig" war, weil sich die Leute für eine eigene Praxis eher entscheiden, wenn sie bereits Erfahrung sammeln konnten. Da bereits in den Sonderfächern ein Ärztemangel herrscht und die Jungen bis zu dem Zeitpunkt hauptsächlich im Spital arbeiten, würden die Fachärzte ein großes Potenzial für sich absaugen, so Lehner.

Jungärztin Enthaler fühlt sich aktuell schon gefragt. Sie will nicht als Einzelkämpferin, sondern im Team arbeiten. "In zehn Jahren werde ich sicher die freie Auswahl haben", sagt sie. Sie könne sich für sich vorstellen, aufs Land zu gehen, sagt die Seekirchnerin: "Vielleicht nicht dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, aber prinzipiell - ja."

Um 35 Prozent mehr Spitalsärzte, aber: Stillstand bei Hausärzten

Die Anzahl der Hausärzte mit Kassenvertrag stagniert seit zehn Jahren. Im Jahr 2006 hatte die Ärztekammer landesweit 240 Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag gelistet.


2016 waren es ebenso viele, wobei drei Stellen unbesetzt blieben. Was leicht gestiegen ist, ist die Zahl der Wahlärzte in der Allgemeinmedizin (also ohne Kassenvertrag) - und zwar von 137 (im Jahr 2006) auf 151 (im Jahr 2016). Das entspricht einer Zunahme von zehn Prozent, was immer noch weit hinter dem Anstieg an Spitalsärzten liegt. Denn deren Anzahl stieg in den vergangenen zehn Jahren um 35 Prozent - von 1371 auf 1853. Damit stellen sie die weitaus größere Gruppe in der Salzburger Ärzteschaft - insgesamt sind im Bundesland laut Ärztekammer rund 3000 Mediziner tätig.


Die Zugangsbeschränkungen zum Studium sehen manche als Ursache für den Hausärztemangel. Dazu kommt: 60 Prozent aller Uni-Absolventen gehen ins Ausland. Viele andere wählen ein Sonderfach, anstatt Praktiker zu werden.

Aufgerufen am 24.09.2018 um 09:52 auf https://www.sn.at/salzburg/politik/so-findet-salzburg-neue-hausaerzte-312478

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