Salzburg

Sprachen lernen: Ganz klassisch oder lieber online "babbeln"?

Das Smartphone ist längst zum ständigen Begleiter aufgestiegen. Es sagt uns, wann wir uns wie bewegen, Mahlzeiten planen, Einkäufe erledigen - oder wie wir unser Wissen frisieren sollen. Per App eine neue Sprache zu lernen ist angesagt. Den Vokabeltrainer hat man so stets in der Tasche. Doch können Smartphone und Computer tatsächlich das Klassenzimmer ersetzen?

Sprachen lernen: Ganz klassisch oder lieber online "babbeln"? SN/fotomek - Fotolia
„Es ist immer noch der Mensch, der berührt.„ (Slavoljub Petkovic, Berlitz)

Mit wenigen Klicks ist Babbel, eine kostenpflichtige E-Learning-Plattform, am Smartphone installiert. Also die kostenlose Basisversion öffnen, schon gilt es, die erste Entscheidung zu treffen: Welche Sprache darf's denn sein? Portugiesisch, Schwedisch, Indonesisch - oder doch vielleicht Russisch? Die Wahl fällt auf Italienisch.

Prompt folgt die erste Lektion mit Begrüßungsfloskeln, danach möchte das Programm seine Lernwilligen kennenlernen. Die Registrierung steht an. Dann geht es mit den Einheiten weiter, der Wortschatz steigert sich langsam, aber stetig. Ein paar Minuten in die italienische Sprache abtauchen ist nahezu in jeder Situation möglich: schnell im Büro, im Bus, im Wartezimmer, am Sofa oder in der Badewanne.

Dem Lernen per App steht Christian Obermoser nicht prinzipiell skeptisch gegenüber. Er ist Geschäftsführer und Trainer bei "der I the I das Sprachservice.at" in Salzburg und sagt: "Beim Sprachenlernen geht es immer auch um den Erwerb von interpersonellen und kommunikativen Kompetenzen." Computerbasierte Übungen könnten den Spracherwerb durchaus sinnvoll unterstützen, aber die zentrale Erfahrung, dass eine neue Sprache einen Zugang zu anderen Kulturen und Lebenswelten ermögliche, könne nur der persönliche Austausch zwischen Lernenden und Lehrenden bieten, so Obermoser.

In dieselbe Kerbe schlagen Margareta Strasser und Denis Weger vom Sprachenzentrum der Universität Salzburg. Sie sprechen sich für eine Kombination aus "Klassenzimmer und Online-Lernen" aus. Sie selbst nutzen Plattformen und Internet-Tools, um ihren Studierenden Wissen zu vermitteln. Sie sehen es als sinnvolle Erweiterung ihres Unterrichts.

Besonders gut geeignet sei die Unterstützung durch moderne Techniken, wenn es um Vertiefung und Wiederholung gehe. "Wir sehen das auch als Möglichkeit, autonomes Lernen zu fördern und den Unterricht insgesamt zu individualisieren, da Teile von Aufgaben oder einzelne Lernsequenzen selbstständig und zeit- und ortsunabhängig erledigt werden können", sind sich die beiden Sprach-Experten einig.

Zudem könne gleichzeitig Medienkompetenz aufgebaut werden, indem die Lernenden den Umgang mit und den sinnvollen Einsatz von verschiedenen digitalen Tools kennenlernten. Auch die Chance, sich im Netz mit Kollegen und Lehrenden auszutauschen, sei nicht zu unterschätzen.

"Sprachen online zu lernen eröffnet Lernern die größtmögliche Flexibilität: Gelernt werden kann jederzeit und überall, ob zu Hause oder unterwegs mit dem Computer, Tablet und Smartphone", sagt Miriam Plieninger, Direktorin der Didaktikabteilung von Babbel, über die Vorteile des Online-Lernens. Wer lernt, bestimmt den eigenen Lernrhythmus, lernt, wann und so viel man möchte, und kann das Gelernte auch zwischendurch kurz wiederholen. Wortschatz und Grammatik werden stets eingebunden in einen situativen Kontext vermittelt, der im Alltag vorkommt. "So sind die Lerninhalte stets relevant und können sofort angewendet werden", sagt die Direktorin der Plattform.

Ein Plädoyer für das Klassenzimmer oder den Hörsaal halten die beiden Experten vom Sprachenzentrum an der Uni Salzburg. "Unserer Meinung nach kann die soziale Interaktion im Sinne einer Face-to-Face-Kommunikation nicht völlig ersetzt werden", sagen Margareta Strasser und Denis Weger. Zentrales Element des Sprachenlernens sei das Lernen von- und miteinander.

Prinzipiell lasse sich spontane Face-to-Face-Kommunikation zwar auch über das Internet trainieren, dies institutionell oder für mehrere Personen zu organisieren und zu begleiten sei aber sehr schwierig. "Die Anwesenheit einer Person kann nicht zu 100 Prozent ersetzt werden", betonen die beiden.

Im Sprachunterricht würden idealerweise Situationen der mündlichen Interaktion simuliert oder real erprobt. "Diese Sprachhandlungen können nur schwer ins Netz verlagert werden", heißt es aus dem Sprachenzentrum. Man dürfe nicht vergessen, dass auch die Körpersprache in der Interaktion eine wichtige Rolle spiele und einen wesentlichen Anteil an der Kommunikation einnehme - digitale Medien könnten da nicht mithalten.

"Nicht zuletzt verstehen wir Sprachunterricht und Unterricht zudem als sozialen Raum, in dem man Kontakte knüpfen und sich austauschen kann - was wiederum sehr motivationsfördernd wirken kann."

In einem Punkt scheinen sich Babbel und auch das Salzburger Sprachenzentrum jedenfalls einig zu sein: "Ungewöhnlichere" Sprachen werden - zumindest im Anfängerbereich - sehr gut angenommen. Während man bei Babbel Norwegisch oder Polnisch wählen kann, sieht das Sprachenzentrum eine gute Nachfrage in puncto Schwedisch. Was eine Hürde darstellen kann und wo selbst Lernfreudige etwas zurückschrecken? Wenn es um eine andere Schrift oder ein anderes Sprachsystem geht. Das macht einen Minuspunkt für Russisch oder Ungarisch zum Beispiel.

Englisch und Deutsch auf allen Niveaus erfreuen sich größter Beliebtheit - on- und offline.

"Es ist immer noch der Mensch, der berührt", sagt Slavoljub Petkovic. Er ist Center Director bei Berlitz Austria in Salzburg. Für ihn steht fest, dass E-Learning der Weiterbildungstrend der letzten Jahre sei. Das jährliche Wachstum wird auf mehr als sieben Prozent geschätzt und könnte 2016 einen geschätzten Umsatz von über 51,5 Milliarden US-Dollar erreichen. "Aber wie lernt man, über den Tellerrand zu schauen", fragt Petkovic, "und wie stellen wir sicher, dass Wissenstransfer für alle Lerntypen funktioniert?" Wahrscheinlich gebe es genauso viele Lerntypen wie Lernende, so Petkovic. "Das ist der Faktor Mensch." Deshalb sei der Methodenmix auch so empfehlenswert.

Die Unterstützung durch E-Learning-Programme habe sich als hervorragende Ergänzung herausgestellt. E-Learning dürfe nicht statisch sein und müsse sich individuell anpassen lassen. Auch die Vermittlung von Soft Skills könne mit Online-Ressourcen unterstützt werden.

"Wenn es wirklich wichtig ist, funktioniert Wissenstransfer live und persönlich am besten", sagt Petkovic. Egal ob es sich um den Personal Coach im Fitnesscenter, den individuellen Shopping-Berater oder den eigenen Sprachtrainer handle, "wir dürsten nach anfassbaren Experten". Heutzutage kontaktiere man per E-Mail, buche online, vereinbare Termine virtuell - aber die Beratung oder das Wissen hole man sich gern persönlich und individuell maßgeschneidert ab. "Der technische Fortschritt und all die virtuellen Möglichkeiten können nie die Einzigartigkeit der beteiligten Personen erreichen", betont der Center Director.

Aufgerufen am 24.09.2018 um 12:24 auf https://www.sn.at/salzburg/sprachen-lernen-ganz-klassisch-oder-lieber-online-babbeln-1108891

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