Salzburg

Wenn Kinder Erwachsene lehren

Perspektivenwechsel für Unternehmer. Erwachsene sind die Lehrenden, Kinder die Schüler - nicht so im Workshop "Schüler coachen Manager". Was Führungskräfte von ihren jungen Mentoren lernen können.

Wenn Kinder Erwachsene lehren SN/sebastianfreiler.com
Bei dem Workshop „Kinder coachen Manager“ lassen sich Führungskräfte an der WU Wien Tipps von Schülern geben.

Schüler entscheiden selbst, was sie lernen, es gibt keinen Frontalunterricht, keine Jahrgangstrennung und auch keinen Druck. Jüngere lernen von Älteren, die Älteren von den Jüngeren. Ist das die Schulform der Zukunft? Schulleiterin Margret Rasfeld macht es vor: 2012 hat sie gemeinsam mit dem Hirnforscher Gerald Hüther die Initiative "Schule im Aufbruch" gestartet - und hat damit für Aufsehen gesorgt. "Wir bauen die Schule auf Vertrauen auf", erklärt sie. Statt ständig wechselnder Lehrer pro Jahrgang betreut an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum ein Pädagoge über Jahre hinweg dieselben Schüler. Im vergangenen Jahr wurde Rasfeld mit dem "Querdenker Award" ausgezeichnet. Zudem ist sie Kernexpertin im Zukunftsdialog Bildung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Lob- und Beziehungskultur gehören an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum zum Unterricht, auch Fächer wie Mut und Verantwortung stehen auf dem Stundenplan. Ihre eigenen Erfahrungen haben Berliner Schüler Anfang Juni nun erstmals mit einer Gruppe von Unternehmern geteilt. In dem Workshop "Schüler coachen Manager" haben vier Schüler - in Begleitung von Rasfeld - mit 25 Führungskräften aus verschiedensten Arbeitsbereichen Problemstellungen in Gruppen bearbeitet.

Dabei konnte jeder Unternehmer Fragen aus seinem Führungsalltag stellen, die im Rahmen einer Gruppenarbeit diskutiert und beantwortet wurden. Wie schaffe ich es, das Vertrauen meiner Mitarbeiter zu gewinnen? Wie kann ich die Motivation meiner Mitarbeiter steigern? Oder: Wie kann ich meine Mitarbeiter fördern?

Die 15-jährige Jamila ging in ihrer Gruppe der Frage nach: "Wieso kommt der Chef nur, wenn es etwas auszusetzen gibt, nie aber, um seine Mitarbeiter zu loben?" Erforscht wurde, was der Grund dafür sein könnte, wie sich die Personen dabei fühlten. Die Schüler brachten gleich ein Beispiel aus ihrem Alltag - sie erzählten von wöchentlichen Lobrunden im Klassenzimmer. Das funktioniere sehr simpel: Jeder dürfe aufstehen und einen Mitschüler loben - wäre dieses Konzept auch in einem Unternehmen umsetzbar? "Das Lob muss ernst gemeint sein", gibt der 13-jährige Anton zu bedenken. Er ist mit drei 15-jährigen Mitschülerinnen nach Wien gereist, um am Workshop teilnehmen zu können. "Wenn ich gelobt werde, strenge ich mich viel mehr an", sagt der Bursche.

In dem Austausch zwischen den Generationen erfolge das Lernen umgekehrt, Erwachsene lernten von den Jugendlichen, sagt Verena Aichholzer, verantwortlich für die Weiterbildung von Führungskräften an der "WU Executive Academy". Dabei spiele vor allem die Unbefangenheit der jungen Teilnehmer eine wesentliche Rolle. "Das eröffnet den Führungskräften auf ganz natürliche Weise neue Perspektiven. Es bringt die Unternehmer dazu, bisher gelebte Konzepte zu überdenken." In der Diskussion mit den Schülern könnten sie ihre eigenen Einstellungen, Denk- und Verhaltensweisen hinterfragen. Diskutiert werde in Kleingruppen - ein Schüler auf vier bis fünf Manager. "Es geht darum, Führungskräfte aus ihrer Komfortzone zu locken und ihnen neue Denkweisen zu ermöglichen", erklärt Aichholzer. Manager könnten von Kindern Offenheit, Mut zum Nachfragen, Querdenken, Neugier, angstfreie und ehrliche Kommunikation lernen. Rasfeld: "Es geht um Mut für ein neues Experiment."

Dabei würden die Führungskräfte ganz anders in einen solchen Workshop gehen als die beteiligten Kinder und Jugendlichen. Die Schüler sollten den Workshop so unbefangen wie möglich starten. "Sie werden minimalst gebrieft, kennen die Fragen im Vorhinein normalerweise nicht", sagt Aichholzer. Dennoch gingen die Jugendlichen viel mutiger an das Projekt heran, "die Manager müssen oft erst auftauen", fügt sie lachend hinzu. Auf der Unternehmerseite sehe die Vorbereitung etwas anders aus. "Die Führungskräfte müssen sich natürlich im Vorhinein überlegen, welche Themen sie besprechen wollen."

Die Schüler moderieren, beobachten und geben letztlich Feedback. Zuvor stellen sie gemeinsam mit Rasfeld die Initiative "Schule im Aufbruch" vor. Für sie zählen die Workshops zum Unterricht. "Die Jugendlichen reflektieren und diskutieren mit den Erwachsenen, es ist ein wertvolles Miteinander, das ist wohl das Beste an dieser Arbeit", sagt Aichholzer.

"Schüler coachen Manager" zählt zu den sogenannten Special Workshops der Führungskräfteausbildung der WU Executive Academy, einem Weiterbildungsanbieter der Wiener Wirtschaftsuniversität. Die Special Workshops werden maßgeschneidert für ein jeweiliges Unternehmen konzipiert. Aichholzer: "Wenn Unternehmen Interesse an einem Workshop wie ,Schüler coachen Manager‘ haben, können sie einfach an uns herantreten, wir übernehmen dann die Organisation."

Doch wie kam es eigentlich zu der Idee, Kinder Erwachsene coachen zu lassen? Auch daran war die Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, Margret Rasfeld, beteiligt. Aichholzer: "Wir fahren jedes Jahr auf verschiedene Kongresse, um uns inspirieren zu lassen und auf gute, innovative Ideen zu kommen. Auf einer dieser Konferenzen haben wir Frau Rasfeld kennengelernt." Man habe sich schnell auf eine Kooperation geeinigt.

Der Workshop dauert etwa einen Tag. Er kann auf Deutsch oder Englisch durchgeführt werden - die Schüler könnten problemlos auf Englisch durch die Diskussionen führen. Der Anklang auf den ersten "Schüler coachen Manager"-Workshop sei groß gewesen, freut sich Aichholzer. Es gebe bereits einige Unternehmen, die Interesse an einem solchen Training hätten. Neben der Nachfrage ist auch das Feedback der Teilnehmer des ersten Seminars durchwegs positiv: "Eine der Grunderkenntnisse war, an Selbstverständlichkeiten erinnert zu werden, etwa dass eine Führungskraft auch gleichzeitig eine Vertrauensperson sein kann", sagt ein Workshop-Teilnehmer. Auch den Schülern hat es Spaß gemacht: "Ich hätte nie gedacht, dass Manager, die schon so viel Erfahrung haben, sich Tipps von mir geben lassen. Dass ich was bewirken kann, freut mich", sagt der 13-jährige Anton.

Informationen:
www.ev-schule-zentrum.de
www.executiveacademy.at

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