Wirtschaft

Akademiker auf der Alm: Wenn Quereinsteiger Bauern werden

Raus aus dem Büro, hinauf auf die Alm: Immer mehr Quereinsteiger träumen von der Arbeit als Landwirt. Zugleich geben jedes Jahr zahlreiche Milchbauern auf.

Wer zur Jagglhütte auf den Geralmen kommt, wird gleich mehrfach überrascht. Da ist einmal der Jungbauer. Er heißt Eike Pokriefke (30), stammt aus Deutschland, ist studierter Soziologe - und er kredenzt nicht nur Kaspressknödel, sondern auch Alm-Bruschetta.

In der Küche arbeitet Eikes Freundin Margret Hörl (29) - sie hat Gesundheitsmanagement und Tourismus studiert. In der Gaststube liegt anspruchsvoller Lesestoff in Form der Hamburger "Zeit" bereit, daneben Info-Material zu den Themen Biolandbau und Klimaschutz.

Kennengelernt haben sich die beiden während der Studienzeit bei einem Sommerjob in Wien. Jetzt sind sie Jungbauern. "Wir brauchten ein Jahr Zeit, bis wir uns entschieden haben. Aber unser Bauchgefühl war gut", sagt Pokriefke. Und seine Freundin betont: "Wir wollten etwas Selbstständiges machen, wo man in der Natur ist und sich viel bewegt." So gab Margret Hörl ihre Stelle bei Südtirol Marketing auf, er hängte seinen Job bei einem Sozial- und Marktforschungsinstitut in Bozen an den Nagel - ein Schritt, den die zwei nicht bereuen, wie die Jungbäuerin betont. Sie schätze vor allem die "Arbeit mit den Tieren, die viele Abwechslung, das Gefühl, etwas anzugreifen, etwas Nachhaltiges zu machen". Für Hörl ist die Arbeit in der Landwirtschaft nicht ganz neu - sie ist auf einem Bauernhof groß geworden. Ihre Eltern führen in Saalfelden einen Biohof, den die Tochter und ihr deutscher Freund nächstes Jahr übernehmen wollen.

Pokriefke will den Traktorführerschein machen

Für Pokriefke ist es dagegen eine größere Umstellung. Er ist in einem Ort nahe Tübingen aufgewachsen und hatte mit der Landwirtschaft zuvor nie etwas zu tun. Auf den Geralmen ist er vorerst einmal für das Service zuständig - und er schaut immer wieder nach, ob mit den Kühen alles in Ordnung ist.

Ab Herbst wollen die beiden Akademiker die Ausbildung zu landwirtschaftlichen Facharbeitern beginnen. Und Pokriefke will den Traktorführerschein machen. Er träumt davon, die Lebensmittel irgendwann mit dem Elektroauto vom Tal auf die Alm zu bringen - und das Auto idealerweise oben mit Solarenergie aufzuladen.

"Den Duft frisch gebackenen Brots wollen wir selber riechen, statt darüber zu schreiben, und fühlen wollen wir in echt statt virtuell." Das haben die beiden schon vor längerer Zeit auf ihrer Homepage angekündigt.

Jetzt wissen sie, was es bedeutet, auf der Alm zu leben. Dort heißt es zunächst einmal: Strom sparen. Die Photovoltaikanlage auf dem Dach reicht gerade für Licht, Kühlschrank und zwei Brotschneidemaschinen. "Wenn wir in der Früh aufstehen, müssen wir zuerst den Herd anheizen und Wasser für den Kaffee aufstellen", sagt die Jungbäuerin. Der Unterschied zum Leben unten sei: "Man schaut hier nicht auf die Uhr. Ich weiß manchmal nicht einmal, welcher Tag ist."

"Dass wir hier nie das große Geld verdienen werden, ist klar."

Von der Hütte eröffnet sich ein wunderbarer Ausblick auf das Steinerne Meer, in der Ferne pfeifen die Murmeltiere. Die Hühner laufen rund um den Hof. Auf der anderen Seite geht es steil bergauf Richtung Klingspitz und Hochkasern.

Nur romantisch sei das Leben hier oben allerdings nicht. "Es ist schon viel Arbeit", sagt Hörl. Von den jüngsten Debatten um die Registrierkassenpflicht ließen sie sich trotzdem nicht beirren - auch nicht von niedrigen Milchpreisen. Dass sie als Bauern ein größeres wirtschaftliches Risiko zu tragen haben als Angestellte, wissen sie. "Dass wir hier nie das große Geld verdienen werden, ist auch klar. Aber Geld ist nicht das Entscheidende."

Mit dieser Einstellung sind die beiden nicht allein. Das Interesse an der Landwirtschaft nimmt zu. "Wir bekamen in letzter Zeit immer wieder Anrufe von Quereinsteigern, die Biobauern werden wollen und sich erkundigen, welche Ausbildung sie dafür machen müssen", sagt Peter Hecht vom Landesverband Bio Austria. Vermutlich stecke dahinter vor allem der "Wunsch nach sinnerfüllter Arbeit".

Langweilig wurde Pokriefke und Hörl seit Beginn der Arbeit in der Jagglhütte im Mai nicht. "Irgendwer kommt immer, auch bei Schlechtwetter." Auch die Integration scheint hier oben zu funktionieren. Die Nachbarbauern hätten ihn gut aufgenommen, so Pokriefke. "Die merken, dass ich das gern mache."

Aufgerufen am 19.09.2018 um 01:03 auf https://www.sn.at/salzburg/wirtschaft/akademiker-auf-der-alm-wenn-quereinsteiger-bauern-werden-1203523

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