Wirtschaft

Corona hinterlässt tiefe Spuren auf dem Salzburger Arbeitsmarkt

Die von der Covid-Pandemie verursachten Negativrekorde bei Beschäftigung und Arbeitslosigkeit werden noch länger auf dem Arbeitsmarkt nachwirken. Das AMS startet 2021 eine Joboffensive, um den Arbeitsmarkt für den Aufschwung zu stärken.

Wartende Menschen vor dem Arbeitsmarktservice: Dieses Bild wird uns aufgrund der Folgen der Coronapandemie wohl noch länger begleiten.  SN/robert ratzer
Wartende Menschen vor dem Arbeitsmarktservice: Dieses Bild wird uns aufgrund der Folgen der Coronapandemie wohl noch länger begleiten.

"Explosionsartige Anstiege der Arbeitslosigkeit, nie da gewesene Einbrüche der Beschäftigung. Aber auch beherztes und rasches Eingreifen von Regierung, Sozialpartnern und Arbeitsmarktservice. Und sehr viele Unternehmen, die das geschaffene Angebot der Covid-19-Kurzarbeit angenommen haben. Das hat verhindert, dass sich die größte Arbeitsmarktkrise in der Zweiten Republik zur Katastrophe ausweitete." So schildert Jacqueline Beyer, Landesgeschäftsführerin des Arbeitsmarktservice Salzburg, die Arbeitsmarktlage im vergangenen Jahr.

Kurzarbeit verhinderte dreifach höhere Arbeitslosigkeit

Der erste Lockdown Mitte März 2020 ließ die Arbeitslosenzahlen bis Mitte April auf fast 31.000 Vorgemerkte, ein Plus von 157 Prozent, hochschnellen - gleichzeitig mit der Arbeitslosenquote, die eine Rekordmarke von 11,1 Prozent erreichte, da die Beschäftigung um 8,2 Prozent abgestürzt war. In der Folge nutzten immer mehr Unternehmen die Chance der Kurzarbeit, die am Höhepunkt für gut die Hälfte der Salzburger Beschäftigten beantragt wurde. Zuletzt waren über 18.600 Kurzarbeitsprojekte für mehr als 94.000 Beschäftigte genehmigt und 450 Millionen Euro an Kurzarbeitsbeihilfe ausbezahlt. "Ohne die Kurzarbeit wäre die Arbeitslosigkeit drei Mal so hoch gewesen", ist Beyer überzeugt.

Vier Mal mehr Arbeitslose im Tourismus

Da der Lockdown zur Wintersaison auf Salzburg niedergegangen war, zählte besonders das Hotel- und Gastgewerbe mit seinen Arbeitskräften zu den Opfern. Innerhalb von zwei Wochen war die Arbeitslosigkeit auf das Vierfache des Vorjahreswerts gestiegen, Mitte April waren nahezu 11.600 Menschen aus Hotellerie und Gastronomie arbeitslos geworden, die Beschäftigung auf die Hälfte gesunken, die Arbeitslosenquote in der Branche auf 48,5 Prozent gestiegen.

Nach der schrittweisen Entspannung im Jahresverlauf folgten mit den neuerlichen Lockdowns im November und Dezember und der entfallenen Wintersaison ein neuerliches Hoch bei der Gesamtarbeitslosigkeit (+94,6 Prozent) und ein neuer Negativrekord bei der Beschäftigung (-9,3 Prozent) zum Jahresende.

Bilanz 2020: Über 20.000 Menschen waren im Schnitt arbeitslos

Im Schnitt des Jahres 2020 waren 20.087 Menschen arbeitslos vorgemerkt (ein Plus von 58,2 Prozent) und 253.571 Menschen unselbstständig beschäftigt (ein Minus von 3,3 Prozent). Nur Tirol verzeichnet einen noch stärkeren Arbeitslosenanstieg bzw. höheren Beschäftigungsrückgang. Trotzdem liegt Salzburg mit einer für das Bundesland Rekord-Arbeitslosenquote von 7,3 Prozent (nach nationaler Berechnungsmethode) bundesweit auf dem zweiten Platz nach Oberösterreich (6,5 Prozent). Der österreichweite Vergleichswert beträgt 9,9 Prozent.


"Bei allen Unwägbarkeiten des künftigen Pandemie- und Wirtschaftsgeschehens ist doch davon auszugehen, dass die Spuren der Coronakrise noch längere Zeit auf dem Arbeitsmarkt sichtbar sein werden", befürchtet AMS-Chefin Jacqueline Beyer. "Laut Prognosen könnte die Arbeitslosigkeit auch über das Jahr 2024 hinaus nicht auf das Vorkrisenniveau sinken."

Corona-Joboffensive mit Schwerpunkt Fachkräfteausbildung und Tourismus

"Eines jedoch hat die Pandemie nicht bewirkt: Der Fachkräftemangel wird uns weiter begleiten und könnte den bevorstehenden Aufschwung bremsen", stellt Beyer fest. "Das AMS wird deshalb schon jetzt damit beginnen, mit einer Corona-Joboffensive den Arbeitsmarkt zu stärken. Dafür steht dem AMS Salzburg ein um 28 Prozent auf 59 Millionen Euro erhöhtes Förderbudget zur Verfügung. Unser Ziel heißt: Jedem Arbeitslosen innerhalb von 14 Tagen entweder einen Vermittlungsvorschlag oder ein Angebot der Corona-Joboffensive zu unterbreiten. Wir haben die Kapazitäten geschaffen, 13.000 Menschen in dieser schwierigen Zeit Orientierung, Beratung und Begleitung bei der Entscheidung zu bieten, welche Aus- oder Weiterbildung am besten geeignet ist. Unser vorrangiges Ziel ist es, Menschen mit Pflichtschulausbildung - das sind 41 Prozent aller Arbeitslosen - den Weg zur Fachkraft zu ermöglichen."

Für den Tourismus wird gerade eine eigene Joboffensive konzipiert. In Abstimmung mit Betrieben und Sozialpartnern wird der Bedarf an Aus- und Weiterbildung erhoben. So soll die Zeit der Krise für die Stärkung der Mitarbeiterkompetenz im Tourismus genutzt werden und den arbeitslosen Menschen zahlreiche Möglichkeiten zur Weiterbildung geboten werden.

Neustartbonus soll Teilzeitjobs interessant machen

Um eine Neuerung, um den Weg aus der Krise flexibel zu gestalten, handelt es sich beim Neustartbonus. Er bietet Arbeitslosen, die zum Wiedereinstieg nicht gleich einen Fulltimejob finden, einen Zuschuss zur Entlohnung. Neu ist auch der Bildungsbonus in Höhe von monatlich 120 Euro. Er soll die finanziellen Rahmenbedingungen für jene Arbeitslosen verbessern, die sich für eine Weiterbildung entscheiden.

AK-Präsident ist gegen schärfere Zumutbarkeitsbestimmungen

Angesichts der besorgniserregenden Zahlen am Arbeitsmarkt erteilt der Salzburger Arbeiterkammer-Präsident Peter Eder (SPÖ) angedachten Verschärfungen bei den Zumutbarkeitsbestimmungen eine Absage. Eder: "Aktuell kommen auf jede offene Stelle 7,4 Arbeitslose. Strengere Regeln sind daher sicherlich nicht die geeignete Antwort auf fehlende Arbeitsplätze." Stattdessen brauche es in dieser Krisensituation mehr Maßnahmen der öffentlichen Hand, fordert er. "Es benötigt eine Intensivierung von Ausbildungen, etwa im Pflegebereich. Außerdem muss die öffentliche Hand als Arbeitgeber einspringen und sinnvolle Beschäftigungsverhältnisse im öffentlichen und gemeinnützigen Bereich schaffen, wenn der private Sektor einbricht", erklärt Eder.

AK will eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes

Eine grundsätzlich positive Bilanz zieht Eder in Bezug auf die Kurzarbeit. Diese habe verhindert, dass die Arbeitslosigkeit noch weit mehr angestiegen ist. Dennoch dürfe nicht darauf vergessen werden, dass sowohl Kurzarbeit als auch Arbeitslosigkeit für die Betroffenen mit Einkommensverlusten verbunden seien, betont er. Seit Krisenbeginn mussten 94.000 Salzburgerinnen und Salzburger in der Kurzarbeit in vielen Fällen monatelang mit weniger Geld auskommen. Außerdem sind aktuell 27.000 Menschen auf Arbeitssuche. Das erschwere nicht nur das Alltagsleben jedes Betroffenen und seiner Familie, sondern fehle auch im wirtschaftlichen Kreislauf, sagt Eder. "Ich kann es nur wiederholen: Es braucht eine dauerhafte Erhöhung der Nettoersatzrate beim Arbeitslosengeld auf 70 Prozent sowie die Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengelds. Geringe Einmalzahlungen sind nicht nachhaltig und reduzieren die Gefahr des sozialen und ökonomischen Abstiegs bei Arbeitslosigkeit nicht", so Eder.

Jugendlichen soll eine Lehre ermöglicht werden

Sorgen bereitet dem AK-Präsidenten die Lage am heimischen Lehrlingsmarkt, wo sich auch die schwierige Lage im Tourismus und in der Freizeitwirtschaft bemerkbar macht. Allein in diesem Bereich ist die Zahl der Lehrlinge bis November um 142 (-13,2 Prozent) gesunken. Auch wenn mit einem Ausbau von Plätzen in der überbetrieblichen Lehrausbildung und dem Lehrstellenbonus bereits gegengesteuert wurde, sank die Gesamtzahl der Lehrlinge im Jahresschnitt um 110 Personen bzw. 1,9 Prozent. Dramatisch ist der Rückgang bei den Lehrlingen im ersten Lehrjahr: Per 31. 12. 2020 gibt es 2219 Lehrlinge im ersten Lehrjahr, das ist gegenüber 31. 12. 2019 (2497 Lehrlinge im ersten Lehrjahr) ein Rückgang um 11,1 Prozent.


Angesichts des seit Jahren beklagten Fachkräftebedarfs ist dies eine bedenkliche Entwicklung. Nach wie vor hoch sind zudem die Abbruchquoten in der Lehre. 2019 wurden in Salzburg 1205 Lehrverhältnisse vorzeitig beendet - das sind immerhin 19 Prozent. "Es braucht eine Jobgarantie für junge Erwachsene, eine weitere Aufstockung für überbetriebliche Lehrausbildungsplätze und eine Ausweitung niederschwelliger Ausbildungs- und Beschäftigungsformen", schlägt Peter Eder vor.

Ausbau der Pflege als Jobmotor

Großen Handlungsbedarf sieht der AK-Präsident auch im Pflegebereich, wo die Pandemie einmal mehr die seit Jahren wachsenden Probleme aufzeigt. Diese reichen von fehlenden Fachkräften und schlechten und belastenden Arbeitsbedingungen bis hin zu fehlenden erschwinglichen Pflegeangeboten und einem hohen Anteil an informeller Angehörigenpflege. "Gerade jetzt müssen hier sinnvolle Investitionen getätigt werden, um nicht nur Angehörige zu entlasten, sondern auch qualitativ hochwertige und gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen, die auch zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung beitragen. Eine Erhöhung des Versorgungsgrads in der mobilen Pflege von derzeit 24 Prozent auf 40 Prozent bis 2025 schafft 1400 Arbeitsplätze, rund 800 davon in der Pflege", weiß Eder.

WKS: Beschäftigung schaffen, Fachkräftemangel mildern, Lehre stärken

"Corona hat vieles verändert, der Fachkräftemangel ist trotz Rekordarbeitslosigkeit dennoch geblieben", fasst der Präsident der Salzburger Wirtschaftskammer, Peter Buchmüller (ÖVP), die Fakten und Berichte vieler Unternehmen zusammen. Noch im September 2020 meldeten 60 Prozent aller österreichischen Betriebe einen Mangel an Fachkräften, der zu Umsatzeinbußen führte (Fachkräfteradar der WKÖ, Herbst 2020). Selbst inmitten der massiven Wirtschaftskrise klagen auch jetzt noch rund 16 Prozent aller Salzburger Unternehmen, dass sie dringend Fachkräfte benötigten, aber keine fänden. Mit Normalisierung der Konjunktur wird sich die Nachfrage nach Fachkräften wieder stark erhöhen und das Wachstumspotenzial in Salzburg bremsen.
Der Mangel an Fachkräften ist ein Grund, dass viele Betriebe trotz Krise den Mitarbeiterstand halten wollen: Laut Umfrage der WKS (Dezember 2020) gehen 70 Prozent der Betriebe für die nächsten sechs Monate von einem etwa gleichen Personalstand aus (November 2019: 67 Prozent), 13 Prozent wollen eher noch zusätzlich Personal aufnehmen (November 2019: 25 Prozent). Nur für 17 Prozent zeichnet sich ein eher sinkender Personalstand ab (2019: neun Prozent).

Qualifizierung forcieren: Arbeitslose werden zu begehrten Fachkräften

Der WKS-Präsident tritt angesichts der Rekordarbeitslosigkeit für eine Qualifizierungsoffensive, eine weitere Stärkung der Lehre und für eine Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik in Österreich ein. Die jüngst vom AMS mit dem von den Salzburger Sozialpartnern getragenen Technischen Ausbildungszentrum (TAZ) abgeschlossene Kooperation zur Durchführung von Ausbildungen im Rahmen des AQUA-Programms ist für die WKS der richtige Ansatz und sollte möglichst vielen Arbeitslosen ermöglicht werden. Bei der Arbeitsplatznahen Qualifizierung (AQUA) absolvieren Arbeitslose ihre Ausbildung sowohl praxisbezogen direkt im Betrieb als auch bei einem Schulungsträger. Vorteile ergeben sich dadurch für beide Seiten: Das Unternehmen bildet seine benötigten Fachkräfte praktisch und arbeitsplatznah aus. Im Idealfall wird der vormals Arbeitssuchende vom Unternehmen übernommen. Die erworbene zertifizierte Ausbildung ist jedoch auch überbetrieblich verwertbar. Peter Buchmüller: "Das ist der richtige Weg, der nach der Krise massiv gestärkt werden muss: Mit einer Höherqualifizierung von Arbeitslosen machen wir Arbeitslose zu Fachkräften und können damit Jobs besetzen."

Duale Ausbildung: Nach wie vor viele Lehrstellen offen

Ebenso müssen auch die Bemühungen, die duale Ausbildung weiter nach vorn zu bringen, forciert werden. Die Gesamtzahl der Lehrlinge in Salzburg ist im Coronajahr 2020 zwar nur um 1,3 Prozent gesunken, dennoch haben Pandemie und Demografie ihre Spuren hinterlassen und den noch 2019 wirkenden Aufschwung für die Lehre vorerst gestoppt. Wichtig ist jedoch der Hinweis, dass nach wie vor zahlreiche Lehrstellen unbesetzt geblieben sind: Ende Dezember standen in Salzburg 344 Lehrstellensuchende 1304 offenen Lehrstellen gegenüber! "Die Betriebe haben auch 2020 hergehalten und in die Ausbildung investiert. Bei einem beginnenden Aufschwung wird auch der Fachkräftemangel wieder stärker spürbar und die duale Ausbildung muss wieder mehr in den Vordergrund rücken", erklärt Buchmüller.

Die wichtigen Bemühungen der WKS, die Lehre öffentlich zu stärken, habe man ohnedies nicht gestoppt. So wird heuer die Duale Akademie, in der Maturanten einen Lehrberuf erlernen können, ebenso neu durchstarten wie der Talente-Check und der Karriere-Check für Maturanten. Nicht zuletzt werden im Bundesland Salzburg auch wieder alle Vorhaben im Rahmen der Lehrlingsland-Salzburg-Strategie hochgefahren.


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Aufgerufen am 01.12.2021 um 10:18 auf https://www.sn.at/salzburg/wirtschaft/corona-hinterlaesst-tiefe-spuren-auf-dem-salzburger-arbeitsmarkt-98603596

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