Wirtschaft

Das sagt die Arbeiterkammer Salzburg: "Noch mehr Betten, die keiner überziehen will?"

Die Corona-Pandemie scheint vorerst beendet - zumindest was die Arbeitslosenzahlen betrifft. Nach dem explosionsartigen Anstieg der Arbeitslosigkeit nach Ausbruch der Pandemie im März 2020, war die Zahl der Arbeitslosen mit Dezember 2021 auf dem Niveau des Vergleichsmonats 2019.

Arbeiterkammerpräsident Peter Eder. SN/Andreas Kolarik
Arbeiterkammerpräsident Peter Eder.

Weiterhin besorgniserregend ist hingegen die Verfestigung der Arbeitslosigkeit. Im Dezember 2021 waren 2.588 Personen bzw. 20,7 aller Arbeitslosen langzeitbeschäftigungslos. "Wenn die Arbeitgeber von fehlenden Arbeitskräften sprechen, suggeriert dies das falsche Bild. Das Potenzial ist da, es muss nur gehoben werden. Das Wichtigste wird sein, dass die Firmen auch jenen eine Chance geben, die die Vorstellungen nicht zu 100 Prozent erfüllen", erklärt AK-Präsident und ÖGB-Landesvorsitzender Peter Eder.

Tourismus, Pflege, Elementarpädagogik - es gibt kaum eine Branche, die aktuell nicht nach Arbeitskräften sucht. Ein großer Teil des ungedeckten Bedarfs ist aus Sicht der Arbeiterkammer hausgemacht. So gelingt es nicht, das Potenzial unter den Langzeitbeschäftigungslosen zu heben. Ein Blick in die demografischen Daten verrät: 43,9% sind Frauen, 42,9% haben Migrationshintergrund, 56,1% haben gesundheitliche Probleme, 50,7% sind älter als 50 Jahre und 44% haben maximal einen Pflichtschulabschluss.

Erwartungen können nicht immer zu 100 Prozent erfüllt werden

"Wenn Arbeitgeber lediglich bereit sind, einen Mann zwischen 25 und 50 Jahren ohne Migrationshintergrund mit mindestens Lehrabschluss einzustellen, dann bleiben von 2.588 Arbeitssuchenden nur 216 Personen übrig. Hier muss es zu einem Umdenken bei den Firmenchefs kommen", bringt es AK-Präsident Eder auf den Punkt. Er ist sich sicher: "Mehr Druck auf Arbeitslose durch strengere Zumutbarkeitsbestimmungen bringt nichts, solange die Arbeitgeber nicht von ihrer Idealvorstellung einer Arbeitskraft abgehen."

Unternehmen müssen auch selbst qualifizieren

Vielmehr sieht er die Unternehmen in der Pflicht, verstärkt in Qualifizierungsmaßnahmen zu investieren. Immerhin sind in Salzburg aktuell 2000 junge Menschen unter 30 Jahren, die lediglich Pflichtschulabschluss haben, auf Arbeitssuche. "Das ist ein enormes Arbeitskräftepotenzial, das sofort abrufbar ist. Einzige Bedingung ist, dass die Betriebe aus eigenem Antrieb verstärkt in die Ausbildung investieren."

Lehre: Weiterhin positive Anreize setzen

Ähnlich sieht es in Sachen Lehrlingsausbildung aus, wo die Zahl der Ausbildungsbetriebe allein zwischen 2009 und 2019 um ein Viertel gesunken ist. Auch wenn die Anzahl der Lehranfänger jüngst gestiegen ist, hat dies von 2009 bis 2019 zu einem Rückgang um 17,2 Prozent geführt.

Auffallend dabei ist, dass nicht alle Branchen gleich betroffen sind. Während beispielsweise annähernd gleich viele Lehrlinge eine Ausbildung zum Elektriker/zur Elektrikerin machen, entscheiden sich immer weniger junge Menschen für eine Ausbildung in der Gastronomie. "Hier braucht es positive Anreize in jenen Branchen, die keinen Nachwuchs finden. Seit Jahren fordern wir beispielsweise in der Gastronomie höhere Einkommen und planbare Arbeitszeiten. "Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen und Anreize für heimisches Personal und Schlüsselkräfte, anstatt jährlich über höhere Saisonkontingente zu diskutieren", sagt Eder.

Angesichts des seit Jahren anhaltenden Personalmangels in Tourismus und Gastronomie sieht der AK-Präsident zudem die Realisierung weiterer Hotel-Neubauprojekte im Bundesland durchaus kritisch. "Braucht unser Bundesland wirklich noch mehr Betten, die keiner überziehen will?", fragt sich Eder. "Ein immer stärker wachsender Tourismus führt zu höheren Preisen in der Gastronomie, im Handel und in manchen Regionen zu extrem hohen Wohnpreisen. Hier muss über eine Limitierung der Bettenkapazitäten nachgedacht werden."

Maßnahmen, damit das Personal nicht ausgeht

Im öffentlichen Diskurs wird zudem immer wieder zur Sprache gebracht, dass das Personal fehlt, weil die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter schrumpft. So hat eine Berechnung der Salzburger Landesstatistik ergeben, dass die Zahl der 19- bis 65-Jährigen zwischen 2020 bis ins Jahr 2030 von 342.663 Personen um 15.758 auf 326.905 Personen sinkt.

Diese Lücke kann geschlossen werden …

  • … wenn es teilzeitbeschäftigten Frauen ermöglicht wird, 5 Stunden in der Woche aufzustocken, z. B. mittels eines besseren Betreuungsangebots.
  • … wenn die Erwerbsquote von Frauen auf das Niveau der Männer erhöht wird.
  • … wenn die Arbeitslosigkeit halbiert wird.
  • … wenn ausreichend qualifizierte Zuwanderung ermöglicht wird.


"Mit dem richtigen Maßnahmenmix lässt sich die Herausforderung einer sinkenden Erwerbsbevölkerung jedenfalls bewältigen", ist Eder sicher.
Abschließend können die Lösungen für die aktuellen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt folgendermaßen zusammengefasst werden:
  • Investitionen in Kinderbetreuung und in der Pflege, um Hürden zur Teilhabe an der Beschäftigung abzubauen. In beiden Bereichen ist die AK bereits selbst aktiv geworden. Gemeinsam mit der WK wurde vor einem Jahr ein Projekt zum Ausbau der betrieblichen Kinderbetreuung ins Leben gerufen. Im Pflegebereich hat die AK gemeinsam mit dem Land Salzburg und dem AMS Geld für zusätzliche Ausbildungsplätze und ein Stipendium in die Hand genommen.
  • Umdenken bei den Betrieben, die sich seit Jahren darauf verlassen, dass jemand anderer aktiv wird (Land, AMS). Stattdessen sollten diese selbst verstärkt ausbilden.
  • Leistbares Wohnen, damit der Wirtschaftsstandort Salzburg für die Ansiedlung von Fachkräften und deren Familien attraktiv wird.

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