Wirtschaft

Ein "Zwerg" bleibt am Ball

Boomender Online-Handel und Möbelhäuser mit Spielzeug im Sortiment machen den Kleinen der Branche zu schaffen. Die "Spielzeugschachtel" sichert mit alternativen Zugängen ihr Überleben.

Adele Liedl und Harald Brandner betreiben die „Spielzeugschachtel“   – und noch viel mehr. 
Adele Liedl und Harald Brandner betreiben die „Spielzeugschachtel“   – und noch viel mehr. 

Jeden Mittwochvormittag sitzt er da und sortiert Sachen. Martin von der Lebenshilfe absolviert auf unbegrenzte Zeit ein Arbeitstraining in der "Spielzeugschachtel". Das Geschäft in der Schrannengasse existiert seit 30 Jahren. Eine "Institution", ein "Kultgeschäft" nennen es die Salzburger. Die Gasteinerin Adele Liedl und ihr Lebensgefährte Harald Brandner ziehen die Fäden - er kommt aus der Sozialarbeit und stieg vor drei Jahren voll ein. Zu ihrem Unternehmen gehört außerdem eine Filiale in Bischofshofen. Eine zweite im Europark haben die beiden im 20. Jahr nun generalsaniert und von "Spiel & Co." in "Spielzeugschachtel" umbenannt - in Anlehnung an das Hauptgeschäft. "Wir wollten nie den Eindruck einer Kette vermitteln, aber die Kunden haben von sich aus den Konnex hergestellt", erklärt Liedl ihre Motivation. Ein weiteres Geschäft, die "Spielzeug Company" schloss das Duo, als im Februar der Vertrag auslief. Wie aber überlebt man in Zeiten boomenden Internethandels als regionaler Zwerg? "Indem man 12 Stunden am Tag, fünf Tage die Woche arbeitet", sagt Brandner ohne Umschweife.

Ihr Geschäft in der Schrannengasse ist verwinkelt und voll gestellt mit tausenden Utensilien, es riecht nach Büchern und weckt Erinnerungen an alte Tage. Liedl und Brandner erfüllen hier auch ausgefallene Wünsche - einmal stellten sie für die Grazer Berufsfeuerwehr 700 spezielle Playmobil-Männchen zusammen - "aber freilich wollen wir nicht nur der Notnagel sein, davon lässt sich nämlich nicht leben", sagt Brandner.

Indem sie Kindergärten und Krabbelstuben mit Spielzeug ausstatten, haben sich die beiden ein zusätzliches Standbein geschaffen. So zählen das Krankenhaus Lainz, der Magna-Konzern und viele Gemeindekindergärten in ganz Österreich zu den Auftraggebern der Salzburger. Anders als Vertreter einzelner Hersteller setzt sich das Salzburger Duo vorab mit dem Konzept der jeweiligen Einrichtung auseinander und kann von Outdoor-Fahrzeugen bis zum Buntpapier alles aus einer Hand anbieten. "Da haben wir uns mittlerweile einen guten Ruf erarbeitet", sagt Liedl. Besonders stolz ist sie, dass ihr die ÖBB für deren zwei MINT-Kindergärten in Wien (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) das Vertrauen schenkten. Sie spricht von einer großen Herausforderung und völlig neuen Spielmaterialien. "Petrischalen für Kleinkinder oder Pipetten: Hierzulande gab es das bis vor Kurzem nicht. Frankreich war weiter. Wir mussten uns überhaupt erst schlau machen, wo wir die Sachen her bekommen", erzählt Liedl. Nur so viel: Die Petrischalen musste sie eigens in den USA bestellen, sie waren drei Monate im Schiff unterwegs bevor sie schließlich in Salzburg eintrafen.

Ihre Erkenntnisse, wie Spielzeug in der Praxis genutzt wird, fließen bei dieser Arbeit voll ein. Die "Spielzeugschachtel"-Betreiber gewinnen dieses Wissen nicht zuletzt in ihren eigenen Kindergärten. Sie betreiben seit Jahren den Betriebskindergarten von Miele und jenen im Europark sowie den dortigen KidsClub. Außerdem fordern sie Einrichtungen wie Gemeindeentwicklung und Bildungswerk immer wieder an, damit sie für sie Spielenachmittage organisieren. Im Jufa-Gästehaus veranstalten sie jede Woche ein Spielecafé.

Längst schon hat sich ihr Betrieb zu einer echten Drehscheibe rund um das Thema entwickelt. Denn auch als Kooperationspartner der Kinderstadt, des Spielzeugmuseums, der Weltkindertagsfeste, der Spieletage oder des Kinderrechtspreises tritt der Traditionsbetrieb in Erscheinung. "Man überlebt nur, wenn man nicht stehen bleibt", kommentiert Liedl ihr Engagement. Dazu zählt auch die Spieleentwicklung und das Einbinden anderer regionaler Betriebe. Spezielle Spielkegel etwa lässt sie von einem Dorfgasteiner Drechsler herstellen. Direkt mit den Herstellern und möglichst ohne Zwischenhändler zu arbeiten, sei ein Erfolgsrezept, sagt die Unternehmerin: Für die Kunden schlägt sich das dann mitunter positiv auf den Preis nieder.

Aufgerufen am 26.09.2018 um 04:53 auf https://www.sn.at/salzburg/wirtschaft/ein-zwerg-bleibt-am-ball-20286061

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