Wirtschaft

Einzeller fressen für Österreichs Unabhängigkeit

Ein Salzburger produziert mit Einzellern Erdgas. Er will durch die kleinen Überlebenskünstler Österreich unabhängig von ausländischen Energie-Anbietern machen.



Ein zehn Liter fassender Zylinder ist der ganze Stolz von Alexander Krajete. Denn in dem zylinderförmigen Bioreaktor des 39-jährigen Unternehmers aus Salzburg schwimmen die Archäa - Einzeller, die bis zu vier Milliarden Jahre alt sind. Die Überlebenskünstler gehören zu den ältesten Lebewesen der Welt. Doch nicht nur wegen ihres Alters sind die Mikroben zu bewundern: "Die Archäa fressen Wasserstoff und CO2 und pusten Methan - also Erdgas - aus", erklärt Krajete.

Durch die Archäa will Krajete zur Energiewende beitragen: Mit seiner Technologie kann er CO2 vernichten, Strom speichern und Erdgas selbst produzieren. "Österreich könnte energieautark werden", sagt der Salzburger. Um das Ziel zu erreichen, hat der 39-jährige Chemiker 2012 das Unternehmen Krajete gegründet.

Ein Pilotprojekt beweist, dass der Bioreaktor Erdgas produziert: Erst speichert Krajete überschüssigen Strom in Wasserstoff. Wenn etwa Wind, Sonne oder Wasserkraft mehr Strom ins Netz speisen, als gerade verbraucht wird, geht die Energie nicht verloren. Der Forscher leitet den Strom in ein Wasserbecken, wodurch sich das Wasser in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff spaltet.

Wasserstoff enthält Energie. Warum dieser Antrieb nicht genutzt werden kann, erklärt Krajete so: "Für Wasserstoff fehlt jede Infrastruktur." Es gebe aber Erdgaspipelines, Erdgasthermen und Heizungen, also eine bestehende Technologie, die der Forscher nutzen kann. "Wasserstoff ist ein Zwischenmedium, es ist nicht zur Endanwendung geeignet - Erdgas schon."

Damit die Archäa aus Wasserstoff Erdgas erzeugen, fehlt allerdings noch etwas: CO2. Im zweiten Schritt gewinnt Krajete Kohlendioxid - das CO2 kann der Forscher jedoch nicht aus der Luft nehmen, es wäre zu verdünnt. Krajete könnte aber Kohlendioxid aus dem Auspuff eines Autos, einer Biogasanlage oder auch dem Schlot einer Fabrik abfangen.

Zuletzt pumpt Krajete den Wasserstoff und das Kohlendioxid in seinen Bioreaktor: Die Archäa fressen die Stoffe und scheiden reines Methan aus. Die Pilotanlage erzeugt innerhalb von zwanzig Stunden vier Kubikmeter oder drei Kilogramm Erdgas. Damit könnte ein VW Eco Up 100 Kilometer fahren. Wenn der Bioreaktor aber nicht zehn Liter, sondern 1000 Liter fassen würde, produzierte der Zylinder in zwanzig Stunden die Energie für 10.000 Kilometer. Insgesamt wandelt die Anlage 65 Prozent des eingesetzten Stroms in Methan um - ohne den Prozess wäre die gesamte überschüssige Energie verloren.

Schon bald soll das Projekt Wirklichkeit werden: Der Salzburger Unternehmer arbeitet mit deutschen Strombetrieben und Automobilherstellern zusammen.

Aber auch für Gemeinden könnte eine Mikrobenanlage vorteilhaft sein - ganze Wohnanlagen könnten ihren eigenen Strom produzieren. "Ich könnte das Kohlendioxid, das etwa die Kaindl-Fabrik in Salzburg ausstößt, mit überschüssigem Strom aus Wasserkraft kombinieren und daraus Methan produzieren", sagt Krajete. Die Kommunen wären unabhängig von ausländischen Energielieferanten: "Warum sollen wird darauf warten, dass die Politiker etwas tun - wenn wir in der Natur alles haben, was wir brauchen?"

WIRTSCHAFT-NEWSLETTER

Abonnieren Sie jetzt kostenlos den Wirtschaft-Newsletter der "Salzburger Nachrichten".

*) Eine Abbestellung ist jederzeit möglich, weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Aufgerufen am 17.05.2022 um 12:15 auf https://www.sn.at/salzburg/wirtschaft/einzeller-fressen-fuer-oesterreichs-unabhaengigkeit-4301923

Schlagzeilen