Wirtschaft

Kampf um Standplätze: "Für den Christkindlmarkt, wie wir ihn kennen, wäre das der Tod"

Wer darf auf dem Christkindlmarkt Punsch und Handwerk verkaufen? Momentan nur eine "geschlossene Gesellschaft". Das aber könnte die EU ändern.

Kampf um Standplätze: "Für den Christkindlmarkt, wie wir ihn kennen, wäre das der Tod" SN/robert ratzer
Christkindlmarkt am Salzburger Dom

97 Standplätze, verteilt auf den Dom- und Residenzplatz mitten in der Salzburger Altstadt. 97 Standplätze und exakt 421,5 Stunden offizielle Öffnungszeit.

Das sind die Rahmenbedingungen für alle, die auch heuer wieder ein "Standl" auf dem Salzburger Christkindlmarkt betreiben. 400 Mitarbeiter tun dort ihren Dienst, angeblich 60 Millionen Euro Umsatz soll der Markt auslösen - freilich inklusive aller Umwegrentabilität.

Jene "Standler", das sind Unternehmer, Gastronomen, Handwerker, alle größtenteils aus dem Land Salzburg - oder aus Berchtesgaden, Piding, der näheren Umgebung. Und: Fast gänzlich sind es jedes Jahr dieselben. Das bestätigt Wolfgang Haider, langjähriger Organisator des Christkindlmarkts.

Es begann mit einem Streit am Gardasee

Und genau das könnte schon bald erhebliche Probleme mit der EU verursachen; die Brüsseler Legisten pochen - nicht nur hier - auf freien Wettbewerb, transparente Ausschreibungen und gleiche Zugangschancen für alle Marktteilnehmer. Dies insbesondere seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs in diesem Sommer.

Auslöser war der Streit darum, wer einen Kiosk mit Seezugang auf der Westseite des Gardasees nahe Verona betreiben darf.

Ein zweiter Fall im sardinischen Olbia kam hinzu. In beiden Causae hatte der Verpächter die Verträge der Betreiber automatisch verlängert, andere Interessenten hatten keine Chance. Einige davon zogen vor Gericht. In letzter Instanz legten die europäischen Richter fest, dass die Betreiber eines solchen Standes durch ein "neutrales und transparentes Verfahren" festzulegen seien.

Weiters seien "die Eröffnung, der Ablauf und der Ausgang des Verfahrens" bekannt zu geben. Und zwar immer dann, wenn "die Zahl der für eine bestimmte Dienstleistungstätigkeit verfügbaren Genehmigungen" begrenzt sei. Das freilich gilt wohl genauso für Wochenmärkte, Imbissbuden - und eben Jahrmärkte wie den Christkindlmarkt.

Die Frage, was das nun bedeutet, beschäftigt bereits Stadtverwaltungen von Konstanz und Bozen bis Wien. Auch der "Verein Salzburger Christkindlmarkt" lässt die Lage anwaltlich prüfen.

Daneben seien die Juristen in der Wirtschaftskammer aufgerufen, sich Konstruktionen zu überlegen, wie man eine Ausschreibungspflicht vermeiden könne, falls sie überhaupt bestehe. "Die Kuh muss vom Eis", sagt Haider.

Eine geschlossene Gesellschaft

Derzeit agieren die Standbetreiber eher als "geschlossene Gesellschaft": Sie treten Stadt und Behörden als gemeinsamer Verein gegenüber, in dem alle "Standler" Mitglieder sind. Die bezahlen rund 600.000 Euro pro Jahr an den Verein, der 100.000 Euro an die Stadt als Standgebühr weiterleitet. Der Rest fließe etwa in Infrastruktur, Dekoration, Strom, Sicherheitsdienst und Werbung, heißt es.

Die Vereinsmitglieder wählen aus ihrer Mitte den Vorstand plus drei Beiräte - dieses Gremium entscheidet wiederum, wer einen Standplatz bekommt. "Alt und bewährt kommt vor neu und unbekannt", formuliert es Obmann Haider.

Wer nicht mehr will, kann seine "Rechte" auch an Kinder oder Wunschnachfolger abtreten. Nur wenn ein Stand einmal wirklich ersatzlos wegfällt, gibt es "frisches Blut" von außen.

97 Standplätze, 300 Interessenten

Gerade zwei bis drei Stände betreffe das jährlich, sagt Haider. Wobei: Interessenten gebe es bis zu 300 pro Jahr. Kein Wunder, sind die zu erwirtschaftenden Umsätze gerade bei Heißgetränken enorm. Und sie sind ein gut gehütetes Geheimnis: "Das wird ihnen garantiert keiner erzählen", sagt eine Verkäuferin lachend. Jedenfalls muss Vereinschef Haider sich dagegen wehren, dass jeder "Standler" quasi eine Lizenz zum Gelddrucken habe.

Es handelt sich also um eine nach außen fast abgeschottete, sich aus sich selbst erhaltende und äußerst lukrative Organisation. "Anders könnte das auch gar nicht funktionieren", zeigt sich der Chef überzeugt.

Doch warum - was wäre falsch an ein bisschen Wettbewerb um die kreativsten Ideen, den besten Punsch und die schönsten Waren? "Von einheitlicher Technik über das gleiche Aussehen der Stände, die vielen volkskulturellen Darbietungen - das lässt sich nicht organisieren, wenn 80 Prozent der Schausteller aus Slowenien oder Polen kommen", sagt Haider.

Genau das, ein "Ausverkauf" an Billiganbieter mit unterbezahltem Personal, droht aus seiner Sicht bei einer Liberalisierung. Bei mehr Fluktuation müsse die Stadt auch die Buden selbst anschaffen und vermieten. Was rund 7,5 Millionen Euro koste.

Wie also geht es weiter? Vorerst bleibt alles beim Alten. "Wir warten ab", sagt Haider. Und setzt nach: "Wenn wir ganz offen ausschreiben, dann ist das der Tod des Christkindlmarktes, wie wir ihn kennen."

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