Wirtschaft

Wie viele Salzburger gehen krank arbeiten?

Nirgends in Österreich gibt es weniger Krankenstandstage als in Salzburg, zeigt der WIFO-Fehlzeiten Report. Bedeutet das, dass die Salzburger weniger krank sind?

Symbolbild. SN/APA/HERBERT PFARRHOFER
Symbolbild.

Am Montag wurde der aktuelle Fehlzeiten-Report des Instituts für Wirtschaftsforschung präsentiert. Ergebnis: Nirgendwo in Österreich gibt es weniger gemeldete Krankenstandstage als in Salzburg. Im Schnitt 10,6 pro Jahr. Damit liegt die offizielle Krankenstands-Quote im Bundesland in etwa 16 Prozent unter der österreichischen.

Salzburg ist seit Jahren das Bundesland mit den geringsten Fehlzeiten: Die Betrachtung einer längeren Periode (1996/2017) verdeutlicht, dass auch in der Vergangenheit die Krankenstandsquote in Salzburg deutlich niedriger als in den restlichen Bundesländern war. Das Problem hinter der eigentlich positiven Zahl: Rund 50 Prozent der Salzburger gehen krank arbeiten - mit allen negativen Konsequenzen für die Langzeit-Gesundheit, Psyche und letztendlich Gesellschaft und Wirtschaft. Das WIFO geht von im Schnitt fünf Tagen pro Jahr aus, an denen man sich trotz angeschlagener Gesundheit in die Arbeit schleppt. "Unternehmen müssen mithelfen, diese Entwicklung einzudämmen - und dürfen sie nicht noch befeuern", sagt AK-Präsident Peter Eder. Das Risiko für Herzinfarkt durch veschleppte Grippe sei etwa nicht zu unterschätzen. "Der Mensch neigt dazu, sich selbst auszubeuten." Das sei eine Zeitbombe. Zudem steige die Dauer der Langzeit-Krankenstände. Das alles koste rund zehn Mal mehr als wenn die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich einfach auskurieren würden - in ganz Österreich geschätzt 30 Milliarden Euro jährlich.

"Arbeitnehmer sollen verfügbar sein"

"Die Menschen sollen immer flexibler arbeiten. Für die Arbeitgeber verfügbar sein, wenn die Arbeit anfällt", sagt der AK-Präsident. Leistung werde oft Termin-, projekt- und ergebnisbezogen bewertet. Krank zu sein sei dann oft gar keine realistische Möglichkeit mehr. Beschäftigte müssten sprichwörtlich alles geben. Deshalb fälle es vielen immer schwerer, die eigene Person und die damit verbundenen Interessen klar von der Arbeit abzugrenzen. "Das ist aber weder für Arbeitgeber, noch für Beschäftigte oder die Gesellschaft eine wünschenswerte Entwicklung."

Pflichtgefühl hält oft vom Krankenstand ab

Im neuen Fehlzeiten-Report geben etwa drei von fünf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an, aus Pflichtgefühl krank gearbeitet zu haben. Sie wollen nicht unkollegial sein, weil die Kollegen dann ihren Arbeit übernehmen müssen, sagt Eder. Arbeitspsychologin Karin Hagenauer spricht von "Präsentismus": "Es hat viel mit Stress, Zeitdruck, Ressourcenmangel sowie psychischer und sozialer Belastung am Arbeitsplatz zu tun. Dazu kommen oft Rollenkonflikte, Erfolgsdruck, viel Verantwortung und keine Vertretungsregelungen."

Ein Fall aus der Beratung: Frau M. ist 43 Jahre alt und Sozialarbeiterin in einer betreuten Wohngemeinschaft für Jugendliche. Im Team sind zwei Sozialarbeiter, zwei Psychologen und ein Sozialpädagoge. Der Schichtdienst wird abgewechselt. Bei Bedarf gibt es Springer. Besonders im Winter ist Frau M. durch den häufigen Kontakt mit anderen oft krank. Wegen der engen Personalsituation geht sie aber meist nach ein bis zwei Tagen wieder in den Dienst, obwohl sie mehr Ruhe bräuchte. Dadurch ist fast immer jemand im Team krank. Es kann nie auf das gesamte Personal zugegriffen werden. Und es muss immer wieder jemand einspringen.

Das sei wie ein Teufelskreis, der bei der Betroffenen letztendlich sogar zu psychischen Problemen geführt habe. Neben längeren Ausfällen seien in solchen Situationen auch ein Burnout oder chronische Krankheitsbilder möglich. "Deshalb klären AK, SGKK und deren Partner seit Jahren mit der Kampagne ´I schau auf mi UND di´ darüber auf", sagt Karin Hagenauer.

"Anwesenheit bei Krankheit nicht durch Boni-Systeme fördern"

Freilich sei es in der Verantwortung eines jeden, zuhause zu bleiben, wenn man krank ist. "Aber Sie dürfen den gefühlten Druck nicht unterschätzen den Mitarbeiter haben", sagt Eder. Viele hätten ein schlechtes Gewissen, wenn sie zuhause blieben. "Und dieses schlechte Gewissen kann das Unternehmen nehmen - indem sie raten, lieber zwei Tage länger daheim zu bleiben und dann voller Leistungskraft zu sein."

Eine Lösung könne nur das Anpassen der Arbeitswelt an die wirklichen Bedürfnisse der Beschäftigten sein. Dann sind die Menschen gesünder, wieder leistungsfähiger und es passieren zudem weniger Fehler und Unfälle. "Die neue 60-Stunden-Woche ist ein gutes Beispiel, wie es nicht sein sollte: Arbeitsleistung ist jetzt ´freiwillig´ verfügbar, wann immer der Arbeitgeber sie braucht. Die Menschen müssen wieder mehr zählen", so AK-Präsident Peter Eder. Dazu gehöre zuallererst die Anwesenheit trotz Krankheit nicht auch noch mit Boni-Systemen zu fördern. Jeder Betrieb brauche genügend Personal, sonst gingen am Ende alle am Zahnfleisch. Und: Überstunden müssten abgebaut werden. "Diese Schritte zu setzen und aktiv gegen das Phänomen vorzugehen ist eine zentrale Aufgabe für alle Führungskräfte, denen die Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein ehrliches Anliegen ist. Brüsten können wir uns mit den offiziell niedrigen Krankenstandszahlen derzeit jedenfalls nicht."

"Die AK redet die Arbeitswelt krank"

Wenig Freude mit den Aussagen Eders hat naturgemäß die Wirtschaftskammer. Dass Salzburg beim jüngsten WIFO-Fehlzeiten-Report mit den niedrigsten Krankenständen am besten von allen Bundesländern abschneidet, sei rundweg positiv zu sehen. "Nur die AK redet wieder einmal die Arbeitswelt krank, weil offenbar nicht sein darf, was ist: Salzburger sind weniger krank als früher. Die Situation hat sich gegenüber früheren Jahren wesentlich verbessert", stellt WKS-Präsident Konrad Steindl fest.
"Leider versteigt sich die AK Salzburg zur krampfhaften Uminterpretation eines eindeutigen sozialen Fortschritts."

Die Krankenstände würden schon seit vielen Jahren und im Westen Österreichs besonders sinken. Hier kämen jetzt viele Maßnahmen der Gesundheitsvorsorge im Betrieb zu tragen, ebenso wie gemeinsame Bemühungen zum Abbau von Arbeitsunfällen. Immer mehr Unternehmen bemühten sich um ein gutes Arbeitsklima im Betrieb. Dazu komme, dass immer mehr Mitarbeiter auf ihre Gesundheit achten, wie der Fitnessboom zeigt. Ebenso wirkten gesetzliche Vorschriften, die gerade von der AK besonders gefordert worden sind. "Die moderne Arbeitswelt macht nicht immer mehr krank, wie die AK pauschalierend feststellt - das Gegenteil ist richtig. Sonst gäbe es nicht den langfristigen Trend eines Rückgangs an Krankenstandstagen und eine wachsende Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz, wie selbst der Arbeitsklima-Index der AK beweist", sagt Steindl.
Konkret sei dem Arbeitsklimaindex zufolge der physische und psychische Stress der Österreicher auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Messungen vor 20 Jahren. Dem entspräche auch der aktuelle Fehlzeitenreport, wonach die Zahl der Arbeitsunfälle 2017 auf einen neuen Tiefstwert gesunken sei: Die Unfallquote habe sich seit 1974 mehr als halbiert, nämlich von 765 Unfällen je 10.000 Versicherte im Jahr 1974 auf 315 Unfälle im Jahr 2017. WKS-Präsident Konrad Steindl: "So schlimm, wie die AK jedes Jahr wiederkehrend tut, kann die Arbeitswelt also nicht sein. Geradezu absurd sei die generalisierende Hochrechnung, dass 50 Prozent der Salzburger bei Krankheit arbeiten gehen würden. "Das ist unsinniger Sozial-Alarmismus."
Salzburgs Betriebe hielten sich an die gesetzlichen Vorgaben, sowohl bei der Entgeltfortzahlung, die zu Lasten der Betriebe 2018 noch mal verbessert wurde, als auch bei den Krankenständen. "Wer wirklich krank ist, sollte sich auskurieren und nicht in die Arbeit gehen. Leider gibt es auch immer wieder Fälle, wo mit dem Krankenstand Missbrauch getrieben wird. Das verschweigt die AK natürlich. Lieber propagiert sie ein Zerrbild der Arbeitswelt, das selbst ihren eigenen Umfragen widerspricht."



Quelle: SN

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