Die feinen Unterschiede machen Kunst politisch

Die Salzburger Festspiele neigen sich in ihre letzte Woche. Alle Premierenfeste sind gefeiert. Was bleibt? Was ist gelungen?

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Standpunkt Hedwig Kainberger

Wie haltet ihr sechs Salzburger Festspielwochen aus? Wie schafft ihr Abend- oder gar Nachteinsätze und gleich danach wieder übliche Tagesarbeit? Wie steht man eineinhalb Sommermonate ohne Schwimmen im See durch? Diese Fragen hören bis zum 30. August Kulturredakteure ebenso wie Köche und Kellner sowie viele unermüdliche Mitarbeiter hinter Bühnen, in Büros und in Werkstätten der Salzburger Festspiele.

Ja, dieser Sommer ist heftig - von Amazonenschlacht bis Perserkrieg, von dionysischer Verführung bis norwegischem Hunger, von Tschaikowski mit Mariss Jansons und "Ich will Deinen Mund küssen, Jochanaan!" mit Franz Welser-Möst, vom einspringenden Jedermann-Jungspund Philipp Hochmair bis zu Grandseigneurs wie Herbert Blomstedt als Dirigent und András Schiff am Klavier. Wer erinnert sich da noch an "Zeit mit Ustwolskaja" oder Tomás Luis de Victoria, diesen expressiven Komponisten der spanischen Renaissance, den Jordi Savall vor fünf Wochen in der Kollegienkirche vorstellte? Der Faszination wie der Eindrücke ist kein Ende. Und ein Symposium in der Vorwoche in Leopoldskron hat sogar noch den Bedarf eines populär wie wissenschaftlich tätig werdenden Max-Reinhardt-Zentrums verdeutlicht, weil Salzburg nicht nur Mozart-Stadt, Karajan-Stadt, Stefan-Zweig-Stadt, sondern auch die Stadt dieses großen Theaterinnovators ist.

Jetzt, wenn alle Premierenfeste gefeiert sind und die letzte Festspielwoche anhebt, ist zu resümieren: Es ist ein guter, reicher, großartiger Sommer, der sich nun mit zwei Konzerten der Berliner Philharmoniker, dem traurigerweise einzigen Salzburger Auftritt Anna Netrebkos, drei Mal Oper und ein Mal "Perser" dem Ende zuneigt.

Freilich hat nicht alles alle restlos hingerissen. Die neue "Zauberflöte" ist weder gesanglich noch szenisch ein großer Wurf, doch ist und bleibt die Idee apart, mittels Erzähler und drei fantasiebegabten Buben durch die Geschichte mit Vogelfänger, Königin der Nacht, Prinz und Prinzessin zu führen. "Hunger" in Hallein fanden viele zu lang. Trotzdem: Das Thema, die künstlerische Wirkmacht eines Dichters mit dessen Sympathie für den Nationalsozialismus zu konfrontieren, ist klug gesetzt, szenisch virtuos und von tollen Schauspielern aufbereitet.

Allein diese zwei Beispiele machen deutlich: In allen Inszenierungen, egal ob dort oder da kritisierbar, ist ein starkes Wollen zu erkennen, eine Suche nach besonderem Zugriff auf ein Werk sowie ein Ringen, feinste Zusammenhänge und Emotionen zum Vorschein zu bringen. Folglich muss, wer etwas lobt oder kritisiert, präzise über Nuancen reden und subtile Wahrnehmungen zur Sprache bringen. In solchen Gesprächen ist die Gefahr von geistiger Unterforderung - vulgo Langeweile - auszuschließen.

Nicht allein zusätzliches Geschäft, sondern diese Anregungen zur Auseinandersetzung, dazu die sowieso immer tröstliche wie inspirierende Wirkung guter Musik sind jene Energiequellen, die sich in einem Festspielsommer auftun. Heuer haben sich deren Schleusen weit geöffnet - für die Besucher wie für jene, deren Berufe an diesen Salzburger Festspielen hängen.

Doch deren Wirkung zieht noch weitere Kreise als schöne Abende mit intensiven Gesprächen. Eine politische Bedeutung von Kunst, die jeglichen Tages- und Nachteinsatz rechtfertigt, hat ein Dichter, der heuer in Salzburg zu Gast war, beeindruckend formuliert: David Grossman aus Israel, der nur ein Leben im Krieg kennt und gegen Willkür und Tyrannei anschreibt.

Er stellt fest: "Wenn ich noch ein bisschen mehr um die Genauigkeit der Beschreibung, der Empfindungen, der feinsten Nuancen (...) gerungen hatte (...), dann kam ich einen Millimeter weiter an jener Stelle zwischen mir und dem, was mir vorher als etwas Unüberwindbares erschienen war." Solche Nuancen hätten ihm Bewegungsfreiheit gegenüber dem Unveränderlichen verschafft. Auch was David Grossman an anderer Stelle über sein literarisches Schaffen erläutert, lässt sich als Aufgabe auf die Salzburger Festspiele umlegen: "in einer von Härte und Gleichgültigkeit bestimmten Situation (...) das komplexe feine Geflecht menschlicher Beziehungen, Sensibilität, Zartheit und Mitgefühl zu bewahren".

Dieses Schüren emotioneller Wachsamkeit, um individuelle Ermächtigung zu befördern, ist den Salzburger Festspielen gelungen.

Aufgerufen am 12.12.2018 um 09:02 auf https://www.sn.at/salzburger-festspiele/die-feinen-unterschiede-machen-kunst-politisch-39186826

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