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Salzburger Festspiele

Ein Sackerl voller Hoffnung

Geld. Jeder braucht es. Manche haben es im Überfluss. Ein junger Dichter aber irrt aus Mangel daran durch Oslo.

Josef Ostendorf verkörpert einen jungen Schriftsteller im späten 19. Jahrhundert. SN/
Josef Ostendorf verkörpert einen jungen Schriftsteller im späten 19. Jahrhundert.

Da ist einer, der Geld benötigt. Und zwar dringend. Nicht um ins Theater zu gehen oder sich ein schönes Kleidungsstück zu leisten. Nein, es geht um alles. Der Mann hungert. Und der Hunger nagt an ihm. Er erregt ihn.
Er spornt ihn an. Und er ermüdet ihn.

Knut Hamsuns 1890 entstandener Roman "Hunger" handelt von einem jungen Schriftsteller, der im Oslo des späten
19. Jahrhunderts zu überleben versucht. Mitunter ist er obdachlos, landet im Gefängnis, schöpft dann mit einem Mal wieder Hoffnung, um tagelang hungernd durch die kalte Stadt zu irren. Das alles formt Knut Hamsun zu einem literarischen Bewusstseinsstrom, der den Leser alles um ihn herum vergessen lässt.

"Was mich so betroffen gemacht hat bei der Lektüre von ,Hunger', ist, wie schön Hamsun das schreibt", erläutert der Schauspieler Josef Ostendorf. "Ich musste wirklich manchmal selbst weinen. Wie der Dichter das verklärt, den Hunger, und plötzlich bricht dann die reine Verzweiflung aus ihm heraus, sodass er weinen muss. Und er kann das gar nicht verhindern, läuft durch die Stadt und weint ganz laut."

Ostendorf sitzt im schattigen Innenhof der Halleiner Pernerinsel. An dieser mittlerweile traditionsreichen Außenstelle des Festspielgeschehens wird Theater nicht selten zum Ereignis. Auch Josef Ostendorf hat dort legendäre Produktionen mitgeprägt - etwa den achteinhalbstündigen "Faust"-Marathon von Nicolas Stemann im Jahr 2011. 2007 hat er auf der Pernerinsel in Christoph Marthalers wunderbar skurriler Scelsi-Collage "Sauser aus Italien" mitgewirkt. Marthaler hatte den heute 62-Jährigen in seine Theaterfamilie integriert, die so viele charakteristische Typen vereint.

Auch mit Frank Castorf verbindet Ostendorf eine lange künstlerische Zusammenarbeit. Nun kommen sie wieder zusammen, auf der Halleiner Pernerinsel, um Knut Hamsuns Roman auf die Bühne zu bringen. "Es geht immer leichter, wenn man sich kennt. Viele Sachen muss man dann nicht mehr sagen", schwärmt Ostendorf vom Ensemble rund um Sophie Rois, Marc Hosemann und Kathrin Angerer.

Hamsuns Roman wirkt wie geschaffen für Castorfs Stil, für diese monumentale Tour de Force, auf die er Darsteller und Publikum immer wieder schickt. Kondition wird auch bei Castorfs Auseinandersetzung mit Hamsun gefragt sein, die auch die Sympathie des Literaturnobelpreisträgers für die NS-Ideologie thematisiert und die den Stoff auch auf aktuelle Bezüge abtastet.

Ostendorf sieht im Protagonisten einen Vorläufer jener Kreativen aller Art, die sich heute unter größtenteils prekären Anstellungsverhältnissen durchschlagen müssen: "Er ist fleißig und schreibt auch wirklich gut, findet aber keinen Job - wie viele Menschen heute auch."

Diese tiefe Verzweiflung, die immer wieder durch Hamsuns Roman durchscheine, ergreife aber auch viele Schutzsuchende, die in Europa ankämen. "Schauen Sie sich die Migranten an! Da kommen super Leute zu uns, die waren in Syrien Lehrer oder Professoren und wollten gar nicht ihr Land verlassen. Und hier arbeiten sie bestenfalls als Putzkräfte", sagt Ostendorf mit deutlichem Nachdruck.

Und plötzlich blitzt in diesem feinen, sanften Geistesmenschen Wut auf - Wut auf die Populisten, die Europa derzeit in Atem halten: "Die Menschen sind doch alle gleich. Leute wie Ihr Herr Kurz oder unser Herr Seehofer, die zwischen Menschen unterscheiden, sind einfach dumm und nutzen diese Problematik nur für ihren eigenen Profit." Merkel hingegen, die zeige Moral, sagt er anerkennend.

Hamsun, der spätere Literaturnobelpreisträger, erzähle in "Hunger" auch von sich selbst und seinen Erfahrungen. "Hamsun hat wirklich gehungert", sagt Ostendorf.
Er selbst kann nicht auf Erfahrungen dieser Art zurückgreifen. Er hat Glück gehabt.
An einer staatlichen Schauspielschule angenommen, am kleinsten Theater Deutschlands in Moers engagiert, habe er immer viel gearbeitet, bis er dann an den großen Häusern wie seiner aktuellen Heimstätte am Deutschen Schauspielhaus Hamburg gelandet sei. "Schauspieler zu sein ist ja auch eine Lebenseinstellung", betont er. "Das macht man ja nicht, um viel Geld zu verdienen, sondern weil man dafür brennt."

Und Ostendorf genießt es sichtlich, wenn er hier auf der Pernerinsel die familiäre Atmosphäre miterleben kann. Er berät sich während des Interviews mit Bühnentechnikern, wo man nach der Probe zum Baden hinfährt: Königsseeache oder doch Mondsee? "Hier in Hallein ist es sehr schön. Die Leute sind unglaublich gut vorbereitet und sehr interessiert. Wir grillen zusammen, wir schauen zusammen Fußball", verrät er.

Eines ist aber auch klar: Josef Ostendorf ist vorrangig aus künstlerischen Gründen hier. Weil er gern mit Frank Castorf, diesem "außergewöhnlich klugen, belesenen und politischen Menschen" arbeite, nehme er das Erlernen der enormen Textmassen auf sich. Denn Castorf begnügt sich wie so oft nicht mit einer Dramatisierung dieses einen Romans und stellt "Hunger" den zwei Jahre später entstandenen Roman "Mysterien" gegenüber - eine Castorf-typische Arbeitsweise, die in fordernde, aber auch erfüllende Theaterabende abseits des Gewöhnlichen mündet.

Bei aller Zuneigung für die Salzburger Festspiele: Was würde Josef Ostendorf denn machen, wenn der österreichische Bundeskanzler oder der deutsche Innenminister in einer der Vorstellungen sitzen würde? "Ich würde hoffen, dass sie sich das genau ansehen und sich schämen."


Schauspiel: "Hunger" von Knut Hamsun, Dramatisierung und Regie: Frank Castorf, Pernerinsel, Hallein, Premiere am 4. August.

Aufgerufen am 28.11.2021 um 09:20 auf https://www.sn.at/salzburger-festspiele/ein-sackerl-voller-hoffnung-36865042

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