Salzburger Festspiele

Eröffnung der Salzburger Festspiele: Ein Festspiel for Future

Reportage von einem großen Stück übers Klima mit Peter Sellars und Alexander Van der Bellen als grandiose Hauptdarsteller.

Es gibt Regeln, in denen so ein Festakt wie der zur Eröffnung der Salzburger Festspiele abläuft. So was kennt man im Theater. Da gibt es Auftritte, Monologe, Akte. Spannung passiert, weil es Missverständnisse oder eine böse Tat oder irgendein anderes Übel gibt. Und oft wird am Ende alles gut. Ob alles gut wird und wir das hinkriegen, nämlich das mit der kapitalistischen Welt und vor allem mit dem Klima, darüber gibt es mehr Zweifel denn je, und auch Hoffnung. Sie sind die Triebfedern der heurigen Inszenierung des Eröffungsaktes.


Festspiele - Rede von Präsidentin Helga Rabl-Stadler


Der Salzburger Eröffungsakt ist eingerahmt von Bundeshymne, Landeshymne und der "Ode an die Freude": Staat, Land, Europa. Das gehört zum gesetzlich verankerten Selbstverständnis. Es ist aber auch der vorhersehbare Rahmen, der zwischendrin bei den Reden immer mit neuen Wörtern gedeutet wird. Aber jetzt brennt es, die Hitze steigt. Und so war's dieses Mal ein bisschen anders, weil weniger von der Ewigkeit der Kunst und ihrer Grenzenlosigkeit als Friedenstiftung die Rede war, sondern von der Notwendigkeit, dass sich flott etwas ändern muss.
Es war anders, weil mittlerweile auch den "Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Finanzwelt, die hier auf aufregende Kunst treffen", wie Festredner Peter Sellars seine Zuhörer begrüßt, dämmert, dass sich das Klima dramatisch ändern muss - das Klima der Atomsphäre und so auch das im Diskurs. Und es war anders, weil es eben diesen Peter Sellars gibt. Dem stehen die Haar nicht nur zu Berge, weil diese Frisur sein Markenzeichen ist, sondern weil er sich Sorgen macht.


Festspiele - Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen

Sellars gelingt es in seiner Festrede, Mozart und die Idee einer neuen Welt, den Plastikmüll im Ozean und Neptun, die Erfindung des Streichquartetts und die Freiheit des Individuums, und schließlich auch den Zwiespalt der Generation auf die Oper "Idomeneo" umzumünzen, die Sellars heuer als Eröffungsoper in Salzburg inszenierte.
Das klingt nach intellektuell überspannten Bogen? Ist es nicht, weil Sellars ein Gespür dafür hat, Komplexitäten anschaulich zu machen und weil er ein Gespür hat, wie man das rhetorisch unter die Leute bringen kann. Alles sei ja verlinkt und in Beziehung, sagt er. Er mischt harte Fakten mit seiner Fantasie, einer bedachter, auf Tradition achtenden und neue Perspektiven entwickelnden Welt. Und er sieht in Mozart fast ein Rolemodel für die Gegenwart bei der Schaffung eines neuen Blicks auf die Welt: "Mozarts Aufklärungsutopie lässt die tradierten und künstlichen Strukturen autokratischer Verblendungen hinter sich und gibt der weitaus befreienderen Realität von Gleichheit und Gleichberechtigung im Angesicht eines größeren Universums Raum". Da ist der Gedanke an eine Welt, die sich im Bezug auf den Klimawandel zusammenraufen muss, und die Systeme, die nur mehr existieren, um sich selbst zu erhalten, ändern muss, nicht weit.

Festspiele - Rede von Regisseur Peter Sellars (englisch)


Festspiele - Rede von Regisseur Peter Sellars (deutsch)


"Idomeneo" , die Geschichte vom Vater, der den Sohn opfern soll, deutet er als Gleichnis für eine Gesellschaft, die auf Kosten der nächsten Generation die Umwelt zerstört. Es dürfe nicht der Fehler gemacht werden, Profit und Wert zu verwechseln, sagt er. Eine Veränderung des kapitalistischen Systems sei notwendig.


Es wird an diesem Vormittag viel von den großen Mythen der Geschichte geredet. Landeshauptmann Wilfried Haslauer nutzt die Vorlagen, um über die Grenzen und die Grenzüberschreitungen des Menschseins zu sprechen - aber auch darüber, wie das alles zu überwinden sein kann. Mythen - heuer als Motto der Salzburger Festspiele - dienen ja als ideales Anschauungsmaterial in Bezug auf Irrsinn und Zerstörung, auf sinnlose Gier oder ahnungsloses Handeln. Klar wird aber schnell: Nur hinschauen, sich an einem feinen Abend auf die Rolle des Zuschauers zu verlassen, ist zu wenig. Unmissverständlich fordern Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Peter Sellars, dass gehandelt werden muss.

Die Energie und der Elan, mit denen Sellars spricht, machen sein Plädoyer für eine neue Zivilisation eindrücklich. Sellars bestätigt auch am Rednerpult den Beinamen, den ihm Präsidentin Rabl-Stadler gegeben hat: "Meister der Felsenreitschule". Dabei hatte er es nicht leicht nach Patricia Kopatchinskaya. Die Geigerin wirbelte, fauchte, zirbte - wie immer barfuß - betörend durch Maurice Ravels "Tzigane".


Festspiele - Rede von Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein


Denn bei allen Worten übers Klima: Freilich geht es hier um die Kunst. Das sind die Salzburger Festspiele und nur nebenbei sind sie in Hotelbars und bei feinen Abendessen auch ein politisches Spitzentreffen. Aber es geht, weil es heuer um Mythos geht, immer auch um den Mythos des Ereignisses selbst, um seine Kraft als Ideenschmiede. Präsidentin Helga Rabl-Stadler erinnert daran, aus welchem Geist die Salzburger Festspiele einst geboren wurden. Das waren schwierige Zeiten. Damals wie heute müsse also gelten, dass es eine "Kraft der Kunst in schwierigen Zeiten" gibt. Veränderung passiere nämlich nicht durch Befehle von oben oder Verbote. Man müsse tiefere sinnliche Bereiche ansprechen. Die Kunst kann das.


Festspiele - Rede von Landeshauptmann Wilfried Haslauer


Und Bundespräsident Alexander van der Bellen, bei diesem Stück am Vormittag zweiter grandioser Hauptdarsteller, kann das auch mühelos. Launig, ironisch und doch ganz und gar unmissverständlich, redet er den Anwesenden ins Gewissen. "Die Klimagötter sprechen seit 50 Jahren mit steigenden Crescendo zu uns", sagt er. Aber er wäre nicht der Präsident von Geduld und Gelassenheit in Zeiten größten Wirbels, hätte er nicht auch Hoffnung. Mittlerweile würden sich ja auch politische Parteien für das Thema Klima engagieren, die bisher "da nicht verhaltensauffällig" waren. Ob der Wahlkampf damit zu tun haben, lässt der Präsident offen. Hauptsache es passiert. Anekdotisch, unnachgiebig und dennoch charmant sieht er, ganz wie es seine Art ist, ein Licht. Er sieht es in den Jungen, die jeden Freitag unter seinem Büro vor der Hofburg demonstrieren. Sie hat auch Sellars mehrfach als seine Hoffnungsträger erwähnt. "Kinder, sprecht zu euren Eltern!" Und: Eltern, hört auf eure KInder!" Es sind bei einem solchen Festakt halt bloß kaum KInder im Saal. So viel von Zukunft und Kindern und Jugendlichen war jedenfalls noch nie die Rede im Rahmen dieses Festaktes. Und an die heftigen Standing Ovations für die subtile Wucht der Worte eines Bundespräsidenten, dessen einziger Job es hier eigentlich ist, die großen Spiele zu eröffnen, erinnert sich auch keiner im Saal. Ein großes Stück, ein ganz großes Stück war das, das sich da im üblichen Rahmen ereignet hat.

Aufgerufen am 23.10.2020 um 02:10 auf https://www.sn.at/salzburger-festspiele/eroeffnung-der-salzburger-festspiele-ein-festspiel-for-future-73999963

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