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Interview mit Markus Hinterhäuser im Exil: "Ich sitze also allein und spiele"

Intendant Markus Hinterhäuser weiß um die Flüchtigkeit, in der das Wunder der Einzigartigkeit lebt. Zu Besuch in seinem Exil im Proberaum.

Markus Hinterhäuser SN/Marco Riebler
Markus Hinterhäuser

Markus Hinterhäuser wird heuer zwei Mal auch als Pianist zu hören sein. Ein Gespräch mit dem Intendanten über das Davonstehlen vom Alltag und den Versuch, das Schöne, die Momente der Erfüllung immer wieder zu holen.

Herr Hinterhäuser, Sie spielen heuer ein Mal Morton Feldman, ein Mal Schubert. Wie nähern Sie sich diesen Aufgaben? Markus Hinterhäuser: Nun, die Stücke sind mir nicht ganz unbekannt. Man muss es üben, lernen und in gewisser Weise muss man es sich aneignen, das ist der normale Prozess. Mit Feldman habe ich große Erfahrung. Im Fall des Zyklus von Schubert fehlt einem für viele Wochen und Monate der Sänger. Ich sitze also allein und spiele das und singe auch selbst.

Stellt sich beim Hören von Musik der gleiche Zustand ein wie beim Spielen? Überhaupt nicht. Wenn man Aufnahmen hört, sind das vermeintlich makellose, fehlerlose, in gewisser Weise auch sehr artifiziell vorgenommene Interpretationen. Musik hat ein anderes Leben. Interpretation ist auch nie fehlerlos, natürlich sollte man mit den Fehlern vorsichtig sein, wenn man es öffentlich macht. Man übt und ist allein und man hat viel zu bewältigen. Aber es gibt auch noch einen anderen Aspekt.

Welchen denn? Manchmal verschwinde ich vom Festspielalltag und gehe in mein Exil in den Proberaum im Festspielhaus. Dort gelingt dann manchmal, nur manchmal, etwas auf eine sehr schöne Weise. Und doch weiß ich genau: Wenn ich zwei Stunden später wieder hinaufgehe, ist das alles weg. Im Grunde sind das Üben und auch ein Konzert eine ständige Suche nach diesem Moment, in dem so vieles möglich ist.

Wie wird es möglich? Das weiß ich auch nicht. Es ist plötzlich da, aber es ist so ephemer. Musik selbst ist so: Sie kommt und sie geht, sie kommt und sie geht. Dann versucht man diesen Zustand wiederzufinden und zurückzuholen. Es gibt diese Frage der Wiederholung, bei der es auf die Betonung ankommt: Es gibt die Wiederholung und die Wieder-Holung.

Also dass man sich etwas zurückholt? Ja. Diesen Vorgang, als Übung und Exerzitium, finde ich extrem interessant.

Setzen Sie sich auch ans Klavier, um eine Pause vom Intendanten-Dasein zu haben? Ich überschätze mein pianistisches Dasein nicht. Ich habe nie extrem viel gespielt. Es gab Phasen, in denen ich präsenter war, aber mein Erwerb sind die Salzburger Festspiele - ich bin als Pianist ein Nebenerwerbsbauer.

Die Frage zielt nicht auf Ihre Auftritte, sondern eher auf die Chance eines Rückzugs, wenn Sie sich ans Klavier setzen. Es ist für mich in den meisten Fällen ein schöner Moment. Es gibt alle Möglichkeiten, sich von Stresssituationen oder einem Druck zu lösen: Man kann spazieren gehen, an den See fahren. Für mich ist es schön, wenn ich in so eine Art Exil gehe, die Tür zumache. Ich bin mit dem Instrument und ich bin mit dem, zu dem ich eine große Zuneigung empfinde.

Ist die Bedeutung eines solchen Exils in der Pandemie gestiegen? Corona ist ein unsichtbarer Gegner, der da ist und unser Leben beherrscht. Das Festspielhaus, wir hatten ja lang Kurzarbeit, hatte da etwas von einem Geisterhaus. Das war eine merkwürdige Zeit, in der ich häufig in den Proberaum ging. Daneben ist ein Kaffeeautomat, das war auch gut.

Nun beginnt es - wie jeden Sommer - im Haus wieder zu wuseln, viele Proben laufen. Ja, das ist bestimmt die Zeit, die mir am allerbesten gefällt - diese noch unbeschwerte Zeit, denn mit dem Beginn wird es dann ja wirklich …

Beschwerlich? Nein, nicht beschwerlich, aber es wird sehr anstrengend. Ich kenne das seit Jahren und weiß auch, dass nach zwei Wochen ein Einbruch kommt. Man merkt, dass etwas mit einem passiert, nicht nur physisch, auch psychisch. Es wächst ein Druck, der unentwegt befeuert wird. Die Stadt, der Festspielbezirk sind klein, alles versammelt sich hier in dieser Intimität.

Und Sie mittendrin. Ich bin sehr ansprechbar, sehr präsent. Man sieht mich auch im Festspielbezirk, man sieht mich im Café Bazar. Mein Charakter ist eben nicht, dass ich da eine übergroße Form der Reserviertheit an den Tag lege. Wenn mich jemand anspricht, dann ist das etwas sehr Schönes, weil ich ja auch das Publikum einlade zu kommen. Das hat nichts Missionarisches, aber es gefällt mir natürlich, wenn Menschen an dem teilnehmen, zu dem ich so eine intensive Zuneigung habe. Musik, ja der Moment der Aufführung, ist so flüchtig. Dieses Wunder kann nur ein Mal stattfinden. Musik erklingt und verklingt und wird nie wieder in der gleichen Konstellation möglich. Weil es von den Gesetzmäßigkeiten und auch von der eigenen Verfasstheit gar nicht geht.

War das Wunder solcher Einzigartigkeit auch ein Grund für Ihre Zuneigung zur Musik? Darüber habe ich nie so nachgedacht. Ich habe in mir entdeckt, dass es mir nicht nur Freude macht, solche Einladungen auszusprechen, sondern dass ich auch ein gewisses Talent habe, mit etwas in Kommunikation zu treten, ohne dass ich selbst spielen muss.

Ist es einfacher, diese "Einladungen" auszusprechen, als sich selbst ans Klavier zu setzen? Ich habe nie zu denen gehört, denen dieser Vorgang des Auftretens leichtgefallen ist. Da gab es Phasen, die waren schwierig und anstrengend. Die Einladung, andere auftreten und spielen zu lassen, ist deutlich einfacher. Freilich entstehen auch im Aussprechen der Einladungen nicht wenige Probleme und Fragen. Aber es ist einfacher, im Großen Festspielhaus zu sitzen und Grigory Sokolov oder Martha Argerich zu hören, als selbst zu spielen - ohne mich auch nur in irgendeiner Weise mit den beiden vergleichen zu wollen.

Wie gehen Sie im Sommer mit dem Einbruch der Kräfte um? Da braucht man dann eine Art Exil. Der Sommer ist eine Bewältigung dessen, was man geplant hat. Da wird ein Motor gezündet, bei dem man nur mehr eine Art von Krisenmanagement macht, wenn es notwendig ist, eine kreative Freiheit stellt sich da in mir nicht ein. Da muss man sich auch herausnehmen, auch wenn es nur ein oder zwei Stunden sind.

Setzen Sie sich dann auch ans Klavier? Nein, nein. Ich höre so unendlich viel Musik! Da geht es darum, dass es endlich einmal still ist, und zwar wirklich still. Diese Stille hat dann auch etwas Vitalisierendes.

Aufgerufen am 25.07.2021 um 11:47 auf https://www.sn.at/salzburger-festspiele/interview-mit-markus-hinterhaeuser-im-exil-ich-sitze-also-allein-und-spiele-106823311

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