Salzburger Festspiele

Lukas Crepaz: "Fragen Sie nicht nach dem Alter!"

Lukas Crepaz warnt vor Jugend-Fetischismus und beteuert: "Geistige Frische ist keine Frage des Alters."

Lukas Crepaz, Kaufmännischer Leiter der Salzburger Festspiele.  SN/www.neumayr.cc
Lukas Crepaz, Kaufmännischer Leiter der Salzburger Festspiele.

Seit Anfang April haben die Salzburger Festspiele mit Lukas Crepaz - geboren 1981 - einen erstaunlich jungen Kaufmännischen Direktor. Davor war er seit 2010 Geschäftsführer der Kultur Ruhr GmbH, deren wichtigste Veranstaltung die Ruhrtriennale ist.

Lukas Crepaz: Bitte, fragen Sie nicht nach meinem Alter! Ich werde so oft konfrontiert mit "jugendlich". Mir wird oft gesagt: "Sie sind so jung! Sie bringen frischen Wind!" Wenn ich alt wäre, würde ich keinen frischen Wind hineinbringen? Ich kenne viele Junge, die sind sterbenslangweilig. Und ich kenne viele Alte mit spannenden Ideen. Geistige Frische ist keine Frage des Alters, sondern der Persönlichkeit. Wir sollten ein bisschen aufpassen, dass der Jugend-Fetischismus nicht um sich greift.

Dann frage ich Sie nicht nach der Jugend. Sondern: Wie war Ihr Anfang im Festspielhaus?
Gleich in der ersten Woche stand die Entscheidung an: Wie machen wir mit dem "Jedermann" weiter? Meine erste Direkto riumssitzung war ausschließlich dessen Neustart gewidmet - das passt ja zu Ihrem Thema vom Neuen. Einstimmig haben wir beschlossen, ein neues Regieteam einzusetzen. Jetzt sieht man, mit welcher Spannung alle der Neuinszenierung entgegenfiebern.

Also ein Anfang ohne mittelfristigen Investitionsplan und Brandschutz?
Der wirkliche Start war "Jedermann" und wie man das finanziert.

Und wie finanziert man derart kurzfristig ein solches Großprojekt?
Indem man eine unglaublich geschickte Präsidentin hat! Die hat sich sofort auf den Weg zu Mäzenen und Förderern gemacht. Wir haben zwar eine "Pauschalreserve" für unvorhergesehene Ereignisse. Aber jetzt schauen wir, ob wir die überhaupt verwenden müssen.

Wie ging es nach dem "Jedermann"-Eklat weiter?
Die nächsten Themen waren sofort der neue Spiel- und Haushaltsplan samt mittelfristiger Finanz- und Investitionsplanung. Und das GVM ist mir übertragen worden.

Das was?
Gebäude- und Veranstaltungsmanagement.

Welche anderen Abteilungen gehören nun in Ihre Zuständigkeit?
Technik, Marketing und Ticketing, die Personalabteilung, Finanzen sowie Informa tionsmanagement.

Mit wie vielen Mitarbeitern?
Etwas über 150.

Das sind ja etwa drei Viertel aller ständigen Mitarbeiter! Warum so viele?
Weil in der Bühnentechnik und in den Werkstätten viele Menschen arbeiten. Insgesamt haben wir 216 ständige Mitarbeiter.

Was hat Sie in diesen ersten drei Monaten bei den Salzburger Festspielen überrascht?
Es gibt ein starkes, unglaublich engagiertes Team, weil erstaunlich viele Mitarbeiter sich sehr mit den Salzburger Festspielen identifizieren. Das ist nicht selbstverständlich in einer so etablierten Institution. Das ist nicht überall so.

Sie meinen andere Opernhäuser?
Das sagen jetzt Sie! (Lacht) Aber noch zu Ihrer Frage: Besonders an den Salzburger Festspielen sind die eigenen Werkstätten. Auch das ist eine schöne Überraschung gewesen: dass man so eng am Produktionsprozess
ist. Außerdem hat mich der hohe Eigen deckungsgrad überrascht. Andere Theater haben 80 Prozent Subventionsanteil, hier ist dies fast der Anteil der Eigeneinnahmen!

Was bedeutet dies für die Finanzplanung?
Mit 80 Prozent Subvention hat man andere Planungssicherheit und geringere Abhängigkeit von Ticketeinnahmen. Wir hingegen planen über Deckungsbeiträge (direkt zurechenbare Erträge abzüglich der direkten Kosten, Anm.). Diese werden pro Produk tion heruntergebrochen. Wenn wir ein bestimmtes Programm realisieren wollen, schauen wir, ob wir mit Eigeneinnahmen und Deckungsbeiträgen in einen bestimmten Korridor kommen. So kann zum Beispiel mit einer ertragsstärkeren Produktion eine andere ermöglicht werden.

Nicht jede gut verkaufte Produktion hat gute Deckungsbeiträge. Dies hängt von der Kostenintensität der Produktion ab.

Brachten Ihnen die drei Monate des Anfangens in Salzburg eher Rückenwind oder Steigung?
Sehr starken Rückenwind! Doch bei Rü ckenwind ging's den Berg hinauf. Jedes Einarbeiten in eine komplexe Struktur ist schwierig. Ein neuer Geschäftsführer tut gut daran, den Mitarbeitern viel zuzuhören - was ihre Ziele sind, woran sie gern arbeiten würden, wo es hakt, wo Verbesserungspotenziale vermutet werden. Denn jede Institution ist einzigartig und hat Wissen und Erfahrung angesammelt, die ein Geschäftsführer kennenzulernen und zu berücksichtigen hat. Deswegen ist es schon ein Berg.

Und es ist auch sonst wie auf einem Berg: Erst ist es eine große Anstrengung, bis man auf dem Gipfel ist, aber dann ist da dieser unglaubliche Ausblick!

Da spricht ein Tiroler.
Das kann man sagen! Ich liebe Bergsteigen.

Wann glauben Sie den Gipfel zu erreichen?
Ein guter Manager sollte fast nie sagen können, auf dem Gipfel angekommen zu sein. Sonst hat man die Ziele zu niedrig gesteckt.

Also wenig Hoffnung auf einen Gipfelblick?
Ja, aber es gibt auch schöne Ausblicke von Almen - ja, Almen! Es ist mehr eine Almwanderung.

Welche Fehler muss eine Führungskraft vermeiden, die in eine so arrivierte Institution einsteigt?
Man darf nicht glauben, für alles die beste Antwort zu haben, sondern man muss das vorhandene Wissen ernst nehmen.

Wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil?
Kooperativ, einbinden und kommunikativ - aber entscheidungsfreudig. Wenn man nur auf kommunikativ und kooperativ setzt, kann man sich in Prozeduren des Abstimmens und Anhörens verlieren. Das kann zum Perpetuum mobile werden.

Wie erlangt man Autorität?
Es gibt zwei Formen - eine formelle Autorität aufgrund der Position, eine andere als Mensch, indem man mit gutem Beispiel vorangeht. Was man von seinen Mitarbeitern verlangt, verlangt man also zuerst von sich selbst.

Das heißt: Ziele formulieren und die Arbeit an diesen Zielen ausrichten. Zudem muss man den Mut haben, lieber etwas in Bewegung zu bringen, dabei Fehler zu machen und daraus zu lernen, als nichts ändern zu wollen.

Was sind Ihre Ziele?
Die Salzburger Festspiele als eines der bedeutendsten und besten Festspiele der Welt fortzuführen und an die sich ändernden Bedingungen anzupassen. Das Stichwort "Digitalisierung" schwirrt nicht nur herum, es ist überall das Zentralthema, auch bei uns.

Was haben Sie da vor? Wann wird man eine digitale Festspielkarte per Smartphone kaufen und vorweisen?
Dahinter sind viele Überlegungen. Einerseits könnte man sagen: Ja klar, am Smartphone kaufen ist superpraktisch! Das setzen wir rasch um.

Andererseits hat das weitreichende
Auswirkungen im gesamten Ticketsystem. Für solche strategischen Grundsatzfragen nehmen wir uns bis nach dem Sommer Zeit. Jetzt einmal ist die Kunst im Fokus, jetzt geht es ums Produzieren und ums Um setzen, um wunderbare Momente für das Publikum zu schaffen.

Was sind Ihre Aufgaben im Juli und im August?
Ab neun bin ich im Büro, ich werde bei allen zusätzlichen Veranstaltungen sein - wie Empfängen oder Treffen mit Wirtschaftsvertretern - und in möglichst viele Vorstellungen gehen. Das heißt: von neun Uhr früh bis ein, zwei Uhr nachts in Aktion.

Was machen Sie in der Festspielzeit während des Tages?
Wenn Unvorhergesehenes auftritt, muss man entscheiden, wie zu reagieren ist. Zudem haben die Vorbereitungen für die nächsten Jahre begonnen.

Aber die Kartenverkäufe studieren Sie vermutlich jeden Tag.
Ja, weil die ein wichtiger Faktor sind. Derzeit sind unsere Kartenerlöse etwas höher als zum gleichen Vorjahreszeitpunkt, wir liegen also sehr gut. Trotzdem müssen wir gegen das Vorurteil ankämpfen, alles sei ausverkauft. Tatsächlich sind noch für viele Produktionen Karten erhältlich.

Die Nationalratswahl steht bevor. Was erwarten Sie von einer künftigen Bundesregierung für die Salzburger Festspiele?
Der dringendste Wunsch jedes Kaufmännischen Direktors in jeder kulturellen Institution lautet: Zuwendungen valorisieren. Was in anderen Bereichen selbstverständlich ist, muss auch für die Kultur gelten - dass Subventionen mit der Inflation Schritt halten.

Aufgerufen am 23.02.2018 um 03:29 auf https://www.sn.at/salzburger-festspiele/lukas-crepaz-fragen-sie-nicht-nach-dem-alter-15537151

So wappnet man sich gegen die Kältewelle

Nicht nur in der Arktis oder auf dem Mount Everest drohen Erfrierungen. Auch hierzulande kann die Kälte Spaziergängern und Radlern gefährlich werden, warnen Dermatologen. Vor allem an ungeschützten Ohren, an …

Meistgelesen

    Video

    Jütz sprengen die Ende der Täler: Alpiner Supersound
    Play

    Jütz sprengen die Ende der Täler: Alpiner Supersound

    Wieso können Volkslieder nicht bleiben wie sind? Weil sie sonst tot sind. Außerdem würde uns wunderbar frischer Alpinsound entgehen. Etwa …

    Schlagzeilen