Salzburger Festspiele

Wenn Fragen neue Fragen aufwerfen sollen

Teodor Currentzis und sein Orchester MusicAeterna setzen ihre symphonischen Beethoven-Abenteuer im Mozarteum fort.

Nach einem Beethoven-Konzert im Mozarteum: Teodor Currentzis.  SN/marco borrelli
Nach einem Beethoven-Konzert im Mozarteum: Teodor Currentzis.

Jede Symphonie von Beethoven sei eine eigene Welt, so sei es auch schon schwer, an einem Abend nur zwei davon aufzuführen. Das betonte der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis am Sonntag bei einem Pressegespräch in Salzburg. Der Zyklus aller neun Symphonien sei nicht seine Idee gewesen, sondern die Anregung des Intendanten der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser. Da er ihm aber vertraue, habe er sich mit seiner MusicAeterna auf dieses Abenteuer eingelassen.

In der Tat abenteuerlich geriet - wir berichteten - die Aufführung der Neunten in der Felsenreitschule. Aber wie geht die Reise weiter? Ein radikaler Schnitt: Man spielt im Großen Saal des Mozarteums, spielte im ersten der "reinen" Instrumentalprogramme die Erste (quasi zurück auf Anfang) und die Dritte. Und stellte wiederum ein paar Fragen anders - denn das sei ja wesentliche Aufgabe der Musiker: nicht Antworten zu formulieren, sondern Fragen an sich und das Publikum zu stellen, das von sich aus wiederum neue Fragen finden sollte.

Also klang die Erste nicht, wie oft, wie ein verlängerter Arm Joseph Haydns. Der berühmte Septakkord, die regelwidrige Dissonanz, mit der Beethoven uns in seine symphonische Welt einlässt, kommt nicht mit erhobenem Zeigefinger daher, sondern als trockenes Statement: Frage. Die Auflösung unmittelbar im zweiten Akkord: Antwort. Mit diesem schroffen, eine neue Tür öffnenden Dualismus gehen Currentzis und sein Orchester in der Folge gleichsam spielerisch zu Werk, mit spürbarer Lust am Experimentieren, Gegensätze ausreizend, pointierend, immer mit einem pulsierenden Schwung und einer durchaus radikal rebellischen Energie. Dabei erscheint das Klangbild kompakter als in der Felsenreitschule, nicht immer trennscharf ausbalanciert. Das mag (auch) eine Frage der Saaltemperatur, vielleicht auch der Saalgröße gewesen sein, an die man sich wohl erst anpassen musste.

Die "Eroica" nach der Pause: Natürlich bringen Originalinstrumente einen flexibleren, lebendiger zu phrasierenden Klang, spürt man neuerlich, dass Musik stehend dargeboten anders geatmet wird als sitzend. Die Tempi sind weiterhin sehr rasch, aber nicht durchgehend überdreht. Da rekurriert Currentzis übrigens darauf, dass diese aus den (oft haarsträubenden) Metronomangaben Beethovens abgeleitet seien, keine dirigentische Willkür seinerseits. Jahrzehnte zurückgeblendet: Da hatten schon Roger Norrington und seine London Classical Players einen ähnlichen Speed vorgegeben!

Dennoch erlebte man - für Currentzis-Verhältnisse - einen erstaunlich wenig widerborstigen Ansatz, kontrastreich in vielen Episoden, scharf akzentuiert und dynamisiert (Scherzo), gegen Ende freilich auch nicht immer sattelfest. Was bleibt (aber nicht ganz neu wäre): jede Vermeidung von Pathos, kein Heroismus um des Heroischen willen, ein flotter Trauermarsch mit überraschenden Farbmischungen und ein ob der geforderten Energie nicht ganz ermüdungsfrei agierendes, aber stets wie auf dem Sprung gespanntes Orchester.

Spannung erzeugte die MusicAeterna auch am Sonntagabend, dass es mitunter bis in den Holzboden zu spüren war. Die Aufführung der Fünften und der Zweiten zeigte die Stärken, aber auch so manche Schwäche dieser Interpretationssicht auf. Beginnen wir mit dem unpopuläreren, früheren der beiden Werke. Hier schlummerte noch Erkenntnispotenzial. Currentzis gelingt anfangs der Übergang von der Adagio-Einleitung ins Allegro con brio sehr organisch, fast unmerklich: Urplötzlich findet sich der Hörer in einer elektrisierenden, von knallenden Sforzati geprägten Klangwelt wieder. Currentzis fungiert als Animator, der - wie in den folgenden drei Ecksätzen dieses Abends - vor allem die Coda noch einmal zuzuspitzen vermag, gewissermaßen einen Turbo zündet.

Das Larghetto hingegen birgt viel Leerlauf, den Currentzis mit irritierend groben Forte-Akzenten kontrastiert. Gerade im lyrischen Klangbild treten - neben unsauberer Artikulation - auch Schwächen in der Bläsersektion zutage: Es fehlt an Brillanz und Farbreichtum.

Currentzis spielt die Trumpfkarte des Orchesters - mitreißende Leidenschaft - in den schnelleren Sätzen schlüssiger aus. Effektvoll, wie er im Scherzo mit einem einzigen langen Crescendo-Bogen den Dämon hinter der leichtfüßigen Eleganz freisetzt. Im Finale lässt zunächst die hakenschlagende Achtelkette des Fagotts aufhorchen. Die Katastrophe bricht mit voller Wucht herein, da Currentzis zuvor den Orchesterklang ins Dreifach-Pianissimo herabsenkt.

Die Fünfte danach bildet ein optimales Spielfeld für den Offensivgeist: Das Schicksalsmotiv zu Beginn ist von elementarer Wucht. Currentzis findet ein angemessen rasches Tempo, formt den Satz strukturell bis ins letzte Detail. Großartig, wie markant federnd das Blech die Off-Beats formt.

Im Scherzo-Trio strapazieren Celli und Bässe ihre Saiten aufs Äußerste, die atemberaubende Energie wird danach in markante polyrhythmische Akzentverschiebungen übertragen. Im Finale formt Currentzis einen überaus räumlichen Klang, die Tour de Force kommt bis zuletzt nicht zur Ruhe.

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