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Bewerbung ist wie Speeddating

Der Bewerbungsprozess hat viel mit Emotion zu tun. Für viele Interessenten gleicht der Prozess dem Anbahnen einer Beziehung, bei der man sich von seiner schönsten Seite zeigt, aber doch auf eine lange Partnerschaft hofft.

Zitterpartie: Ein Bewerbungsgespräch lässt die wenigsten kalt.  SN/bilderbox.com
Zitterpartie: Ein Bewerbungsgespräch lässt die wenigsten kalt.

Für Personalabteilungen sind sie ein Massenprozess, für Jobsucher ein elementares Ereignis: Bewerbungen lösen bei Kandidaten starke, zum Teil widersprüchliche Gefühle aus. Das zeigt eine aktuelle Online-Umfrage der Recruitingplattform softgarden.

Als "Speeddating auf dem Schlachtfeld der Kompetenzen" bezeichnet ein Umfrageteilnehmer die Bewerbung. Die Auswertung zeigt: Emotional ist bei dem Thema eine Menge drin: Gefühle einer elementaren Lebensentscheidung, des Wettbewerbs, des Glücksspiels, der Sehnsucht nach Anerkennung ebenso wie das Erleben als Prüfungssituation und schmerzhaftes Infrage stellen des eigenen (Markt-)Werts.

Bewerbungen nehmen die meisten Kandidaten emotional stark mit. Für 84,3 Prozent der Teilnehmer sind sie "mit starken Gefühlen" verbunden. Ganz kalt lässt das Bewerbungsverfahren nur 1,1 Prozent. Die Gefühle sind nicht nur positiv: Uneingeschränkt stimmen dem Statement "Bewerbungen machen gute Laune" nur 10,6 Prozent zu, für 47,2 Prozent trifft die Aussage nur teilweise zu. Für die meisten Bewerber ist die Bewerbung nur mit Einschränkungen ein Vergnügen. In den Augen der Mehrheit (79,8 Prozent) steht eben "viel auf dem Spiel". Die Bewerbung ist eine ernste Angelegenheit, bei der sich die Kandidaten "keine Fehler erlauben" können (87,9 Prozent). Stressfrei geht es deshalb bei der Bewerbung nur für eine Minderheit von 26,4 Prozent zu. 46,0 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Bewerbungen sie "Kraft kosten".

Die Bewerber hegen ambivalente Gefühle gegenüber den Arbeitgebern in spe. Zwar stimmt eine Mehrheit von 63,1 Prozent angesichts der veränderten Verhältnisse auf den Talentmärkten der These zu, dass sich Arbeitgeber "ebenso bei mir bewerben müssen wie ich mich bei ihnen". Aber Gefühle traditioneller Bewerber-Ohnmacht laufen dem neuen Selbstbewusstsein zuwider: 73,6 Prozent glauben, dass Bewerbungen sie dem "Urteil anderer ausliefern". 82,8 Prozent haben den Eindruck, dass "Unternehmen am längeren Hebel sitzen".

"Mit welcher Lebenssituation würden Sie Bewerbungen am ehesten vergleichen?" Mehr als 1700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer teilten hierzu in einem Freitextfeld ihre individuelle Sicht der Dinge mit. Partnerschaft und Partnersuche ist mit über 300 Nennungen die von den Teilnehmern am häufigsten hinzugezogene konkrete Analogie. Teilnehmer vergleichen die Bewerbung mit einer "Brautschau", einem "Heiratsantrag" oder einem "ersten Date", das schließlich in einer langfristigen Beziehung münden soll: Die Anbahnungsphase wird von der Anspannung beherrscht, sich von seiner guten Seite zu zeigen und dabei doch authentisch zu bleiben. "Man bereitet sich darauf vor, möchte aber man selbst sein. Sich einfach zeigen, wie man ist, und trotzdem muss die Schokoladenseite zur Geltung kommen", schreibt ein Teilnehmer.

Der Moment der Anstrengung und der Bewertung bestimmt auch die am zweithäufigsten gewählte Analogie mit einer anderen Lebenssituation. Mehr als 250 Teilnehmer fühlen sich beim Thema "Bewerbung" an die Schule, Hochschule oder an andere Prüfungssituationen erinnert. Das Spektrum der Vergleiche reicht von einer "Mathematik-Schularbeit" über die "mündliche und schriftliche Diplomprüfung" bis zur "Führerscheinprüfung".

"Das Wahrnehmungsgefälle zwischen Recruitern und Bewerbern birgt Potenzial für Imageschäden bei den Arbeitgebern", sagt Dominik Faber, Gründer und Geschäftsführer von softgarden.

Die geplante qualitative Untersuchung zum Thema "Bewerbung als Erlebnis: Mentalitäten, Wahrnehmungen, Umbrüche" wird von Manfred Seifert in Zusammenarbeit mit softgarden durchgeführt. Seifert ist Professor am Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg und Sprecher der Kommission "Arbeitskulturen" in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde. Für die Studie wertet der Ethnologe und Kulturwissenschafter 100 Tiefeninterviews mit Bewerbern aus, die sein Team durchgeführt hat.

Quelle: SN

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