Das heimische Alkoholproblem hat immer Saison

Bier und Wein sind in Österreichs Gesellschaft fix verankert. Gefragt ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol.

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Schlagzeilen Martin Behr

Österreich ist Spitze. Zweiter Platz, hinter Litauen, aber noch vor Frankreich und Deutschland. Die Silbermedaille also. Worum es geht? Um Alkoholkonsum. 12,2 Liter reinen Alkohol schütten Herr und Frau Österreicher pro Kopf und Jahr in sich hinein. Durchschnittlich, wohlgemerkt. Kein Wunder, dass heimische Suchtexperten Alarm schlagen und dringend einen verantwortungsvollen Umgang mit dem zur Volksdroge avancierten Alkohol einfordern. Immerhin erkranken bereits rund zehn Prozent der Bevölkerung - 14 Prozent der Männer und sechs Prozent der Frauen - im Laufe ihres Lebens an Alkoholismus. Ein Prosit der Gemütlichkeit? Die Schattenseiten des Genussmittels sind enorm, werden aber nicht selten verharmlost und verdrängt.

Der Konsum von Bier, Wein und Bränden solle nicht generell verdammt werden, es gehe nur darum, die negativen Folgen eines exzessiven Trinkens zu reduzieren, betonen die Experten. Das Achterl beim Fernsehen, das Bier auf dem Fußballplatz, das Stamperl nach einem guten Essen sind nicht das Problem. Es ist wie in vielen anderen Bereichen: Die Menge macht den Unterschied, und was mit einem Nippen beginnt, kann mit Komasaufen enden. Anders als in anderen Ländern ist der Griff zum Glas in Österreich gesellschaftlich überaus positiv konnotiert. Es gibt kaum eine private wie berufliche Feier, bei der nicht die Korken knallen. Wer da nicht mittut, gilt als Spaßverderber oder wird als Sonderling bewertet. Wer trinkfest ist, wird hingegen geachtet und ist angesehen. Bei Familienfesten werden oft schon Kinder animiert, einen Schluck Sekt zu trinken: "Des hot no kan g'schadet." Und der Begriff "Abstinenzler" gilt üblicherweise als Schimpfwort oder hat zumindest ein negatives Flair. Kurz zusammengefasst: Anders als andere Suchtmittel gilt Alkohol hierzulande als normal, mehr noch, als cool, lässig und als Synonym für das Erwachsensein.

Der hohe gesellschaftliche Stellenwert des Sich-Zuprostens dokumentiert sich auch in der Werbung des "Weinlandes Österreich". Jedoch: Nicht nur der G'spritzte, sondern auch das Alkoholproblem hat in Österreich immer Saison. Die direkten Gesundheitskosten, Sozialleistungen und Produktivitätsausfälle sind längst schon viel höher als die Erträge durch die Alkoholsteuer. Abhängigkeit und Sucht im Zusammenhang mit alkoholischen Getränken kommen also auch volkswirtschaftlich teuer zu stehen. Das suchtpräventive Ziel lautet also: Wer Alkohol trinkt, sollte dies tun, ohne sich und anderen zu schaden.

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