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Das Können vieler anerkennen

Mehr als 50.000 Salzburgerinnen und Salzburger können viel, ohne dass dieses Können formal anerkannt ist - denn sie haben keinen Lehrabschluss. Das Projekt "Du kannst was!" will das ändern - nach dem Pilotprojekt 2012-2014 startet es erneut, in größerem Umfang.

 SN/Robert Kneschke - Fotolia

Filialleiterin im Schuhhandel, jahrzehntelange Berufserfahrung - aber kein Lehrabschluss: Dies ist in Salzburg kein Einzelfall. Ein kurzer Weg zum Abschluss, gutes berufliches Wissen anerkennen - so wollen Land und Sozialpartner in Salzburg mit "Du kannst was!" nun erneut für mehr Bildungschancen sorgen. Wie bei der Filialleiterin, die in der ersten Runde des Projekts ihren Lehrabschluss unkompliziert nachholen konnte. "Die Prüfer waren von ihren Kenntnissen und Fähigkeiten begeistert", erzählt Werner Pichler, Direktor des BFI.

Denn: Nur 30 Prozent des Lernens findet in Bildungsinstituten statt. Das meiste Wissen wird im Alltag erworben - vor allem im Beruf. In Salzburg steht aber leider zwei Menschen mit Lehrabschluss einer ohne anerkannten Berufsabschluss gegenüber. Ihr Wissen, ihre Erfahrung wird im Projekt "Du kannst was!" sozusagen nach einer "Inventur des beruflichen Könnens" als Basis für den Lehrabschluss anerkannt: Die Teilnehmer lernen dann durch punktgenaue Weiterqualifikation das, was ihnen zum Zeugnis noch fehlt. Aus Hilfskräften, die gute Fertigkeiten, aber noch keinen Abschluss haben, werden so Fachkräfte. "Es geht dabei oftmals darum, Menschen, die lang nicht in Bildung waren, dazu zu verhelfen. Und sie kompetent, langsam und ohne Prüfungsangst zum Abschluss zu begleiten, nach ihren Bedürfnissen", sagt Werner Pichler.

Warum ist ein Lehrabschluss so wichtig? Die Lehre ist die häufigste Ausbildungsform in Österreich. Im Beruf ausgebildete Menschen werden auch dringend benötigt, gerade in Zeiten mit erhöhtem Fachkräftebedarf. Eine abgeschlossene Lehre erhöht die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und für den Aufstieg als Fachkraft im Stammberuf. Oft ermöglicht oder erleichtert sie auch eine berufliche Umorientierung. Und sie sorgt für Durchlässigkeit im Bildungssystem - sie berechtigt zur Teilnahme an der Berufsreifeprüfung, die wiederum ein Studium ermöglicht. "Das eigene Ausbildungsniveau steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Arbeits- und Lebenszufriedenheit. Das beweisen Studien wie der Arbeitsklima-Index der AK", betont AK-Präsident Siegfried Pichler. Sozialer Status und Bildung hängen eng zusammen. Denn meistens ermöglicht eine abgeschlossene Ausbildung auch eine Verbesserung im jeweiligen Kollektivvertrag sowie Berufsschutz. Nicht zuletzt sind besser Qualifizierte seltener von Arbeitslosigkeit bedroht.

Das Bildungsniveau im Land Salzburg ist in den vergangenen 25 Jahren allgemein gestiegen: Statt 45 Prozent der 25- bis 64-Jährigen haben jetzt nur mehr 17,5 Prozent maximal den Pflichtschulabschluss. Aber: Das sind immer noch 52.344 Menschen, die 112.304 mit Lehrabschluss gegenüberstehen. "Uns geht es um faire Chancen für diese Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Deshalb arbeiten wir aktiv daran, dass der Anteil an Menschen ohne Berufsausbildung oder anerkannten Abschluss weiter sinkt", sind sich Landeshauptmann Wilfried Haslauer und Siegfried Pichler einig.

"Du kannst was!" ist das Projekt, das hier für Erfolge sorgen soll: Die Kenntnisse und Fertigkeiten, die diese Menschen - oftmals haben sie einen Migrationshintergrund - nach einer längeren Zeit beruflicher (Hilfs-) Tätigkeiten erworben haben, werden umfassend dokumentiert und dann als Vorleistungen anerkannt. Bis jetzt haben in Oberösterreich - dort startete "Du kannst was!" zuerst - und Salzburg (von 2012 bis 2014) rund 560 Männer und Frauen erfolgreich ihren Lehrabschluss nachgeholt. "In Salzburg schafften es in der Pilotphase sogar zwei Arbeitnehmerinnen, den Abschluss zur Einzelhandelskauffrau ob ihres umfangreichen Wissens quasi aus dem Stand zu machen", freut sich Hilla Lindhuber, Leiterin der Abteilung Bildung, Jugend und Kultur in der AK Salzburg.

Insgesamt konnten in der Pilotphase 62 Personen den Lehrabschluss absolvieren und damit ihre berufliche Qualifikation erheblich verbessern. Im Durchschnitt hatten die Teilnehmenden an "Du kannst was!" zehn Jahre Berufserfahrung und waren 34 Jahre alt. Etwa 75 Prozent hatten keine abgeschlossene Berufsausbildung und fast 70 Prozent auch keine über die Pflichtschule hinausgehende schulische Bildung. Die neue Runde von "Du kannst was!" startete mit Oktober 2016, seit wenigen Tagen werden die ersten neuen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgenommen - viele weitere sind willkommen!

Die Projektlaufzeit beträgt diesmal fünf Jahre. Träger ist das BFI der AK Salzburg, außerdem wirken das AMS, das WIFI, die Wirtschaftskammer, das Technische Ausbildungszentrum Mitterberghütten und der ÖGB mit, um "Du kannst was!" erneut zum Erfolg werden zu lassen. "Die Tür zur Weiterbildung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ohne Lehrabschluss ist jetzt weit offen", sagt Siegfried Pichler. "Im Rahmen des Projekts wird das umfassende Berufswissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erstmals für sie und andere sichtbar gemacht. Oft ist nämlich weder den Arbeitnehmern selbst noch deren Arbeit- gebern bewusst, wie viel sie eigentlich können. Anschließend kann durch maßgeschneiderte Aus- und Weiterbildung der Lehrabschluss nachgeholt werden. Das schafft Chancen: zum Beispiel für Hilfsarbeiterinnen und Hilfsarbeiter. Man kann die Lehre ,beenden', ohne alles von vorn lernen zu müssen."

Für Rudolf Eidenhammer von der Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer ist an "Du kannst was!" besonders bemerkenswert, dass Personen, die schon lang in der Praxis sind, eine nachhaltige Perspektive eröffnet wird: "Das ist kein billiger Lehrabschluss. Das Prüfungszeugnis ist ein Wertpapier: Der Berufsabschluss bietet mehr Sicherheit, neue berufliche Chancen und öffnet weitere Türen zur Höherqualifikation."

Derzeit sind folgende Lehrabschlüsse möglich: Bürokaufmann/-frau, Restaurantfachmann/-frau, Metalltechniker/-in, Einzelhandelskaufmann/-frau, Koch/Köchin, Betriebslogistiker/-in, Großhandelskaufmann/-frau und Industriekaufmann/-frau. Diese Liste wird ständig erweitert. "Es lohnt sich also nachzufragen, wenn das angepeilte Berufsfeld (noch) nicht dabei ist", sagt BFI-Direktor Werner Pichler. Ziel sei es, pro Jahr jeweils 50 Personen im Projekt zu betreuen.

"Du kannst was!" wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds, des Landes Salzburg und der AK Salzburg finanziert. Es ist daher bei maximalen Gesamtkosten von 4000 Euro pro Teilnehmer nur für die Weiterbildung ein Eigenbetrag in Höhe von 400 Euro, in Ausnahmefällen bis 800 Euro zu leisten. Der Eigenanteil kann zudem vom Bildungsscheck des Landes zu 50 Prozent gefördert werden, sodass die Selbstkosten - bei Gewährung der Förderung - zwischen 200 und 400 Euro plus Prüfungskosten liegen.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 10:35 auf https://www.sn.at/schlagzeilen/das-koennen-vieler-anerkennen-544174

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