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Das schwebende Haus

Man muss sich das wie folgt vorstellen: Zunächst ist man verblüfft und staunt über den Schnitt der Wohnung, über die Helligkeit und die farbigen Wände. Spontan stellt man sich vor, hier einzuziehen. Dann schaut man etwas genauer hin. Zweifel stellen sich ein, schließlich Kopfschütteln und sehr viele Fragen.

An Le Corbusier haben sich schon immer die Geister geschieden. Kaum ein Architekt hat so polarisierende Wirkung gehabt wie der gebürtige Schweizer, der sich auch als Städteplaner und Inneneinrichter zu Wort gemeldet hat. Nun sind 17 Gebäude(-gruppen) in sieben Ländern des 1887 als Charles Édouard Jeanneret-Gris Geborenen zum Weltkulturerbe erklärt worden, nachdem der Antrag auf den Titel für das Gesamtwerk 2009 und 2011 gescheitert war. Der universelle Wert sei nicht eindeutig erwiesen, lautete damals die Begründung. Das scheint für die nun ausgezeichneten Beispiele nicht mehr zu gelten.

Auch die beiden Wohnhäuser, die Le Corbusier in Zusammenarbeit mit seinem Vetter Pierre Jeanneret für die Stuttgarter Weißenhofsiedlung geplant hatte, wurden in die Welterbeliste eingetragen: ein bewohntes Einfamilien- sowie ein Doppelhaus. Seit zehn Jahren dient dessen eine Hälfte als Museum für die 1927 vom Deutschen Werkbund initiierte Mustersiedlung für "das zukünftige Wohnen des Großstadtmenschen". Der andere Teil ist ein begehbares Exponat, das die innenarchitektonischen Theorien (einschließlich der Farbgebung) Le Corbusiers veranschaulicht. Das Oberthema des unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe stehenden Bauprojekts in Stuttgart lautete: "Die Wohnung".

Erhaben steht das denkmalgerecht restaurierte, strahlend weiße Haus freistehend am Hang, der exponiertesten Stelle der Siedlung. Der Wohntrakt ruht zur Straße auf sichtbaren Säulen. "Das Haus schwebt nun in der Luft", formulierte der Architekt. Die Eisenbetonskelett-Bauweise ermöglichte absolute Freiheit in der Grundrissgestaltung, frei von konstruktiven Belangen. Erstmalig konnte Le Corbusier in Stuttgart seine "Fünf Punkte zu einer neuen Architektur" abarbeiten - zumindest ansatzweise.

Leider hat der Architekt nur grob skizzierte Planungsideen geliefert, diese kamen zudem oft zu spät. Und vor Ort zeigte sich der mit anderen Entwürfen Beschäftigte erst wenige Tage vor der Eröffnung. Sein Bauleiter Alfred Roth war gezwungen, ständig zu interpretieren und zu improvisieren. Le Corbusier resümierte schließlich, dass seine Vorstellungen nur unzulänglich ausgeführt seien. Dem UNESCO-Komitee war es offensichtlich einerlei.

Also hereinspaziert in die Wohnwelt des großen Polarisierers, dem ein transformables Haus vorschwebte. "Es sollte eine Art Verbindung von Schlaf- und Salonwagen sein", erklärte der Architekt, "entweder für den Tag oder für die Nacht eingerichtet."

Wie bitte?

Le Corbusier war keineswegs zum Spaßen zumute. Sein gerade 60 Zentimeter breiter Gang belegt dies ebenso wie die Räume. Schiebewände machten sie zu multifunktionalen Wohn- bzw. Schlafabteilen. Die mit dem Charme von Pritschen ausgestatteten Ruhestätten verschwanden tagsüber in Einbauschränken aus Holz. Eigentlich hätten sie aus Beton sein sollen. Wohnlich oder gar gemütlich? Fehlanzeige!

Neben der Bauweise auf Säulen und dem variablen Grundriss gehörte auch die von ihrer tragenden Funktion befreite Fassade zu den fünf Architekturneuerungen Le Corbusiers. Am Weißenhof ragt sie über die Stützsäulen hinaus. Das vierte Postulat, das durchgehende Fensterband, wird ebenfalls dadurch ermöglicht, dass die Wände keine tragende Funktion mehr haben. Und schließlich gibt es auch den durch ein flaches Dach ermöglichten Garten in luftiger Höhe, den laut Le Corbusier "bevorzugtesten Aufenthalt des Hauses". Eine aus klimatischer Sicht ziemlich gewagte Behauptung.

Als "erstarrte Gedankenlosigkeit eines geistreichen Ästheten von Geschmack" stufte Architekturtraditionalist Paul Schmitthenner seinerzeit Le Corbusiers Planungen ein. Auch Kurt Schwitters konnte sich mit dem radikalen Neuen nicht anfreunden und bezeichnete den Architekten in einem Traktat über die Weißenhofsiedlung provokant als "nicht ganz ungefährlich", um dann dessen Ideen zu zerreißen. Auf der anderen Seite stand das große Interesse, das der Ausstellung 1927 und besonders den Arbeiten von Le Corbusier entgegengebracht wurde. Mies van der Rohe hatte ihn sozusagen als Zugpferd engagiert - gegen Widerstände in der Stadt.

Das Stuttgarter Doppelhaus war der Prototyp der später immer größere Dimensionen annehmenden "Wohnmaschine" des Architekten, der 1930 die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Kaum verwunderlich, dass sich nach dem Ende der Ausstellung keine Mieter für die Wohnhäuser Le Corbusiers finden ließen. Im Gegensatz zu den anderen Projekten, von denen sich die elf verbliebenen Architekturbeiträge von 1927 äußerlich wieder im Originalzustand befinden. Andere wurden im Krieg zerstört oder aufgrund von Desinteresse und Ignoranz abgerissen.

Mieter für die Le-Corbusier-Häuser wurden erst gefunden, nachdem die Miete halbiert worden war und Umbauten erlaubt waren. 2002 erkannte man endlich den architekturhistorischen Wert und brachte die bauliche Instandsetzung und Wiederherstellung auf den Weg.

Weißenhofmuseum im Haus Le Corbusier: Stuttgart, Rathenaustraße 1; 0049 711/25 79 187

Quelle: SN

Aufgerufen am 20.09.2018 um 04:51 auf https://www.sn.at/schlagzeilen/das-schwebende-haus-1164907

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