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Das Zimmermädchen als Eisenbiegerin

Die Arbeiterkammer ortet grobe Missstände bei türkisch-dominierter Branche.

Das Zimmermädchen als Eisenbiegerin SN/brinek
Analysierten die Pongauer Wirtschaft: AK-Bezirksstellenleiter Franz Grübl (l.) und AK-Präsident Siegfried Pichler.

Die Arbeiterkammer präsentierte die Pongauer Wirtschaftsdaten. Der Schlüsselsektor ist und bleibt der Tourismus (mehr dazu unten). AK-Bezirkstellenleiter Franz Grübl berichtete zudem über die tägliche Arbeit seiner Bezirksstelle, dabei gab es durchaus Ungewöhnliches zu hören: Er nannte einen Sektor, bei dem ist in den vergangenen Jahren zu massiven Unregelmäßigkeiten gekommen ist: Die Eisenbiegerei. Dieses freie Gewerbe ist zu "99 Prozent in türkischer Hand", so Grübl. "Genauso wie die jetzigen Chefs vielleicht vor zwanzig, dreißig Jahren selber ausgenutzt worden sind, nützen sie jetzt ihre eigenen Landsleute aus." Die Eisenbiegerunternehmen sind oft Subunternehmer bei Baustellen, der Generalunternehmer zahlt das Geld ordnungsgemäß aus, allein das Geld kommt nicht in angemessener Höhe bei den Dienstnehmern - zum allergrößten Teil auch türkischstämmig - an. Gibt es Probleme, gehen die Unternehmen in undurchsichtige Konkurse. Dazu Grübl: "Wenn wir uns dann auf die Suche nach den Geschäftsführern machen, stoßen wir sehr oft auf Frauennamen. Für diese Branche ist das höchst ungewöhnlich." Ruft die AK nun bei den hinterlegten Telefonnummer an, kommt es zu merkwürdigen Gegebenheiten: So passiert es, dass die Nummer zu einem Gasteiner Hotel gehört. "Verlangt man nach der betreffenden Frau, stellt es sich heraus, dass es sich um ein türkischstämmiges Zimmermädchen handelt, das keine Ahnung davon hat, dass sie die Geschäftsführerin eines Unternehmens ist", erklärt Grübl.

Konjunkturmotor Tourismus als zweischneidiges Schwert Neben diesem Sonderfall galt das Hauptaugenmerk der AK-Präsentation dem Tourismussektor: Von den 70 nächtigungsstärksten Gemeinden Österreichs sind gleich zehn im Pongau. Und das bei einem Bezirk, der nur 25 Gemeinden zählt. Dies veranschaulicht, welche zentrale Rolle der Tourismus spielt. Die Auswirkungen sind sowohl positiv, als auch negativ: Der Tourismus schafft Beschäftigung, aber drückt gleichzeitig auch die Einkommen.

Die Löhne im Tourismus sind oft nicht so schlecht, was das Jahreseinkommen in dieser Sparte aber nach unten drückt, ist die Saisonarbeitslosigkeit, erklärt AK-Präsident Siegfried Pichler. Hier gibt es aber Grund zur Hoffnung, einige Regionen - speziell genannt wurde das Großarltal - schaffen es immer mehr, sich als Ganzjahresdestinationen zu positionieren. Mit dem positiven Effekt, das hier auch Ganzjahresarbeitsplätze geboten werden.

Dennoch ist der Pongauer Arbeitsmarkt von sehr starken saisonalen Schwankungen gekennzeichnet. Während in der Nebensaison (April und November) rund 3500 Pongauer ohne Job sind, sinkt diese Zahl in den Sommermonaten Juli und August (Hochsaison in der Gastronomie und am Bau) auf unter 1500 ab. Im Jänner ist jeder vierte Arbeitsplatz im Pongau direkt im Tourismus zu finden, während der Sommersaison fast jeder fünfte. Auch der langfristige Arbeitsplatzzuwachs im Pongau konzentriert sich auf diese Branche.

Im ersten Halbjahr 2016 waren im Durchschnitt 2316 Menschen im Pongau arbeitslos, im Oktober waren es laut AMS-Zahlen 2764 (das ergibt eine Arbeitslosenquote von 7,7 Prozent). Diese wird jedoch mit Beginn der Wintersaison sinken. Diese Zahlen sind im Landesschnitt gut, schlecht dagegen schneiden die Pongauer beim Einkommen ab.

Das Bruttomedianeinkommen aller Arbeitnehmer im Bundesland Salzburg lag 2015 bei 2045 Euro (14 mal pro Jahr). Im Pongau liegt dieser Wert dagegen bei nur 1860 Euro, damit liegt man beim Bezirkseinkommen auf dem letzten Platz. Netto bedeutet das 1408 Euro (ebenfalls im Jahresvierzehntel) und ebenfalls den letzten Platz.

Im Vergleich dazu kommen die Flachgauer auf 1571 Euro netto. Neben dem Faktor Tourismus liegt ein Grund darin, dass der produzierende Sektor - hier werden höhere Löhne bezahlt - in den Gebirgsgauen nicht so stark vertreten ist, wie rund um den Zentralraum Salzburg Stadt.

Quelle: SN

Aufgerufen am 26.09.2018 um 03:27 auf https://www.sn.at/schlagzeilen/das-zimmermaedchen-als-eisenbiegerin-882196

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