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Es geht um Erkenntnis und Bildung

Einmal mehr: Der zentrale Auftrag der Universitäten.

Es geht um Erkenntnis und Bildung SN/fotolia

Aus humanistischer Sicht kann man es nicht oft genug wiederholen: Die erste Aufgabe der Wissenschaften, die an einer Universität tätig sind, ist die Gewinnung von Erkenntnis - ganz unabhängig davon, wozu sich eine Erkenntnis brauchen oder verwerten lässt. Erkenntnis bzw. Wissen hat die Universität durch Forschung anzustreben und durch Lehre zu vermitteln. In beidem gemeinsam liegt ihr Bildungsauftrag, der wiederum auf der Überzeugung fußt, dass es die nichtanwendungsorientierte Erkenntnis - traditionell "Wahrheit" genannt - ist, die den Menschen in die Lage bringt, seine Persönlichkeit zu entfalten, selbst erkennen und urteilen zu können, Fähigkeit zur Kritik zu erlangen und dadurch zu den gesellschaftlich notwendigen Konsensbildungen beizutragen.

Dieser Grundsatz schließt weder die angewandte Forschung noch die berufsspezifische Ausbildung aus - auch an einer Universität nicht. Trotzdem müssen die Prioritäten gewahrt bleiben: Angewandte Wissenschaft setzt nichtanwendungsorientierte Wissenschaft voraus, folgt ihr notwendig nach. Werden die Verhältnisse verkehrt, läuft die Wissenschaft Gefahr, nicht der Wahrheit, sondern einem gezielt herbeigeführten, meist ideologisch entstellenden Konstrukt derselben zu dienen und ihren Bildungsauftrag zu verfehlen, indem sie anstelle von gebildeten Persönlichkeiten reine Spezialisten und vor allem kritikunfähige und unkreative Menschen heranzieht. Die Wahrheit macht in dieser Entwicklung nicht frei. An die Stelle von Bildung tritt bloße, häufig eindimensionale Ausbildung.

Alle wissen: Dieser Umsturz der Werte ist in Form eines globalen Ereignisses längst eingetreten. Überall auf der Welt werden die Universitäten einem zumeist ökonomischen Wertschöpfungskalkül unterzogen, welches nur eine Relation kennt, nämlich jene von Input und Output, von Kosten und Nutzen, von Investition und Rendite. Erfüllen sie nicht die gesellschaftlichen Erwartungen, entsprechen sie nicht den Bedürfnissen der diversen Märkte, stellen sie ihre Ausbildungsangebote nicht von Mal zu Mal genau darauf ab, landen sie rasch im elfenbeinernen Turm. Zugleich haben die Universitäten diese Anschauung der Welt schon weitgehend internalisiert. Die ökonomisch verwertbare Wertschöpfung rückt auch bei ihnen immer mehr ins Zentrum ihres Denkens und Handelns.
Das zunehmende Abstellen auf sogenannte Drittmittel als höchstes Qualitätsmerkmal, das damit einhergehende Anwachsen der Auftragsforschung, aber ebenso die ausschließlich auf Spezialausbildung zielende Studienarchitektur sind ein beredtes Zeugnis dafür. Ganz zu schweigen von dem globalen Konkurrenzwesen, das weniger vom Wetteifern um das Wahre und Gute als um die Steigerung der Prosperität beherrscht ist.

Es geht hier nicht um Schwarz-Weiß-Malerei, schon gar nicht um Verteufelung, nicht einmal um ein Entweder-oder. Die Universitäten zu einklagbaren Leistungsvereinbarungen mit begleitenden Wertschöpfungsanalysen aller Art anzuhalten hat sein Gutes und ist in mancher Hinsicht gerechtfertigt. Dem "l'art pour l'art" wird nicht das Wort geredet. Es sollte nur nicht aus den Augen und aus dem Sinn fallen, woraufhin die Wissenschaften und später die Universitäten als ihre wohl wichtigsten Einrichtungen erfunden wurden, nämlich zur Gewinnung von Erkenntnis und Wissen. Gerade einer Wissensgesellschaft wie der unseren muss bewusst bleiben, dass eine andere Priorisierung zu einer Veränderung des Bildungswesens und in der Folge zu nichts Geringerem als zu einer Veränderung des Menschen führt. Es geht also um sehr viel.

Heinrich Schmidinger ist Rektor der Universität Salzburg und Vorsitzender der uniko.

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Quelle: SN

Aufgerufen am 17.11.2018 um 10:18 auf https://www.sn.at/schlagzeilen/es-geht-um-erkenntnis-und-bildung-3076642

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