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Lust und Frust beim Praktikum

Praktika sind einerseits für den Berufseinstieg sinnvoll und notwendig, ihnen haftet andererseits oft auch ein gewissen schaler Beigeschmack an. Die WU Wien hat sich mit den gängigsten Vorurteilen beschäftigt.

Lust und Frust beim Praktikum SN/bilderbox

"Generation Praktikum" - das ist eine Bezeichnung, die nicht nur positive Empfindungen auslöst. Denn Praktika sind zwar sinnvoll und wichtig, viele Unternehmen bieten aber nicht die Qualität und Obsorge, die sich die Einsteiger wünschen, und verwenden die Praktikanten als billige oder sogar gratis arbeitende Hilfskräfte. Damit ist an sich niemandem geholfen, trotzdem gibt es genügend Beispiele, wie man es nicht machen sollte.

Allerdings bemühen sich auch viele Firmen um Praktikanten. Das sind vor allem jene Unternehmen, die längst erkannt haben, dass man sich im Sinn des "Employer Branding" einem möglichen zukünftigen Mitarbeiter als attraktiver Arbeitgeber präsentieren sollte. Solche Betriebe haben dann auch weniger oft Sorge um den Nachwuchs.

Das ZBP Career Center der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) hat sich näher mit den positiven und negativen Vorurteilen gegenüber einem Praktikum auseinandergesetzt.

Im Praktikum muss man nur kopieren
und Kaffee kochen.

Voller Elan startet man ins Praktikum. Man will bewegen, das Wissen von der Uni in der Praxis anwenden. Und dann die Enttäuschung. Die erste Aufgabe: das Kopieren von Unterlagen. Diese Vorstellung verfolgt wohl viele Praktikanten. "Und das zu Unrecht. Sind doch viele Praktikumspositionen für angehende Akademiker vollwertige Stellen mit einem verantwortungsvollen Aufgabenprofil", erklärt Ursula Axmann, Geschäftsführerin des WU ZBP Career Center.

Schließlich möchten die meisten Unternehmen von dem aktuellen Wissen aus dem Studium profitieren und bei entsprechender Leistung auch langfristig Mitarbeiter gewinnen. Denn nicht selten nützen Firmen Vergabe von Praktika, um junge Talente frühzeitig mit bevorstehenden Aufgaben vertraut zu machen und einen "Talentepool" aufzubauen. "Wobei an dieser Stelle auch deutlich erwähnt werden muss: Ein bisschen Demut schadet nicht! Denn auch kopieren oder Akten schlichten gehört zum vollen Spektrum einer Aufgabe dazu. Eine Hands-on-Mentalität ist ein absolutes Muss für die weitere Karriere", betont die WU-Expertin.

Für ein Praktikum müssen ein bis zwei
Monate reichen.

"Gut Ding braucht Weile", in Bezug auf die erste Praxiserfahrung trifft das Sprichwort in jedem Fall zu. Denn je länger diese andauert, umso mehr werden Praktikanten davon profitieren. Umso wahrscheinlicher werden sie eigenständige Arbeiten übernehmen dürfen oder vielleicht sogar selbstständig in Projekten eingebunden sein. Arbeitet man hingegen nur ein bis zwei Monate in einem Unternehmen, werden wohl kaum qualifizierte Aufgaben übergeben werden. Zu groß ist das Risiko für Fehler, zu zeitintensiv die Einarbeitungsphase. Laut WU ZBP Career Center dauerten die dort angebotenen Praktika zu nahezu 69 Prozent vier Monate oder länger.

Unternehmen nützen Studierende
doch nur aus.

Immer wieder taucht die Vermutung auf, dass Unternehmen Praktikanten tendenziell für vollwertige Positionen einstellen, aber ein hoch dotiertes Gehalt umgehen. Akademiker und Studierende werden demnach ausgenützt. "Abgesehen von der Tatsache, dass echte Praktikanten laut Gesetz eigentlich gar nicht entlohnt werden dürfen, belegen auch Studien, dass die Generation Praktikum ein Mythos ist, zumindest für Studierende aus dem wirtschaftswissenschaftlichen Kontext", betont Axmann. "Man muss auch bedenken: Das Gefühl des Ausnützens ist subjektiv. Man selbst definiert, wann man sich ausgenützt fühlt. Praktikanten bekommen neben einem Verdienst auch wertvolle, praktische Erfahrungen für die weitere Karriere. Und diese Erfahrung ist für die weitere Karriere wahrscheinlich mehr wert als die Höhe der Bezahlung."

Der Sommer ist die ideale Zeit
für ein Praktikum.

Die Sommermonate sind meist die ideale Gelegenheit, um Praxiserfahrung zu sammeln, oft fehlt das passende Angebot. "Ja, natürlich gibt es Praktika im Sommer, aber nicht so viele wie gewünscht. Das ist auch nicht weiter verwunderlich: Aufgrund gehäufter Urlaube während der Sommermonate spricht man gern von einem Sommerloch", sagt Axmann. "Aber dieser tendenzielle Rückgang an Projekten, Aufträgen und Arbeit ist gerade für Praktikanten bitter. Schließlich wollen sie im Tagesgeschäft des Unternehmens die Entscheidungen miterleben." Besser wäre also ein Praktikum auch während des Semesters, im Idealfall gehen sich parallel sogar ein paar Lehrveranstaltungen aus.

Je mehr, desto besser!

In viele Branchen "hineinschnuppern", mehrere Aufgabenprofile kennenlernen und für sich selbst herausfinden, welche Tätigkeiten einem wirklich liegen, das sind mit Sicherheit angenehme Nebeneffekte von Praktika. Laut Axmann gilt jedoch das "je mehr, desto besser" nur bedingt. "Qualität zählt vor Quantität. Ein Lebenslauf mit ein bis drei fundierten Praktika bringt in einem Bewerbungsprozess wahrscheinlich mehr Pluspunkte als ein Lebenslauf mit zehn Praktika ohne Aussagekraft", weiß die Expertin: "Denn Job-Hopping ist auch bei Praktika nicht gern gesehen, eine gewisse Konstanz ist gefragt." Interessenten sollten sich also bei der Bewerbung für eine Praxistätigkeit überlegen, welchen Mehrwert sie durch welche Tätigkeit für ihre Karriere haben.
 

Aufgerufen am 18.01.2022 um 01:31 auf https://www.sn.at/schlagzeilen/lust-und-frust-beim-praktikum-3723787

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