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Mehr Geld oder weniger Informatikstudenten

Nicht einmal das Informatikstudium ist vor Zugangsbeschränkungen gefeit. Gleich drei Universitäten führen heuer ein Aufnahmsverfahren durch. Dabei werden Informatiker auf dem Arbeitsmarkt händeringend gesucht. Alexandra Parragh

Mehr Geld oder weniger Informatikstudenten SN/sn / kato / fotolia

Ob es um die Entwicklung von Handy-Apps, von ausgeklügelten Robotern, die Betriebssoftware für ein Auto oder auch nur um die Erstellung einer neuen Website geht: Informatiker haben heutzutage überall ihre Hände im Spiel. Entsprechend gefragt ist diese Berufsgruppe auch auf dem Arbeitsmarkt. Von einer "Katastrophe" ist da bei den Interessenvertretern in der Wirtschaftskammer die Rede, aber auch von einem "völlig falschen Signal für Österreichs Zukunft" und davon, dass "Österreichs IT-Motor abgewürgt wird". Obwohl Österreich Jahr für Jahr mehr Informatiker braucht, halbiert die Technische Universität (TU) heuer ihre Studienplätze. Statt 1100 nimmt sie nur mehr 600 Studienanfänger auf. Der Zugang wird über Aufnahmsverfahren geregelt.

Seitdem das bekannt wurde, kann sich Dekan Hannes Werthner vor Medienanfragen kaum erwehren. "Mir ist bewusst, dass dieser Schritt angesichts der Nachfrage nach Informatikern völlig unlogisch erscheint", sagt er. Dabei ist die TU Wien weder die erste, noch die einzige Uni in Österreich, die das so macht. Auch die Unis Wien und Innsbruck entschlossen sich dazu, nachdem auch ihre Studienanfängerzahlen in den vergangenen Jahren in die Höhe schnellten. Die Uni Innsbruck hielt bereits vor einem Jahr ihren ersten Aufnahmstest ab, nachdem sich 194 Bewerber für die 170 Studienplätze angemeldet hatten. Es zeigte Wirkung. Weil nur 147 Kandidaten tatsächlich antraten, konnte jeder im Wintersemester 2015/16 zu studieren beginnen. Heuer rittern in Innsbruck 189 Studierende um die 170 Plätze.

Auf eine solche "Bereinigung" hofft auch Wolfgang Klas, der Dekan der Fakultät für Informatik an der Uni Wien. Seine Uni bietet 360 Studienplätze, für die sich 400 Studienwillige anmeldeten. Er verweist auf das Medizinstudium, für das es bereits seit 2005 Aufnahmstests gibt. "Der Test hat zu einem gewissen Commitment geführt, dass diejenigen, die zum Aufnahmsverfahren antreten, es auch ernst nehmen mit ihrer Studienwahl", sagt er im SN-Gespräch.

Tatsächlich ist die Zahl der Studienabbrecher in Medizin seither massiv gesunken. Sie liegt an der Medizinischen Universität Wien aktuell bei 5,5 Prozent. Statt 2000 werden jedoch auch nur mehr 740 Studienanfänger pro Jahr zugelassen. Einen ähnlichen Effekt wünscht sich Dekan Klas auch für die Informatik an der Uni Wien. Er erzählt, dass sich die Studienanfängerzahl während der vergangenen Jahre von 250 auf über 1000 mehr als vervierfacht habe. Lediglich 30 Prozent davon hätten ihr Studium in Folge auch tatsächlich abgeschlossen. "Wir haben eine Drop-out-Quote von gut

70 Prozent. Die einen hören auf, weil sie mit den falschen Vorstellungen zu studieren beginnen, die anderen, weil sie vor ihrem Abschluss bereits einen Job bekommen."

Auch an der TU warfen in der Vergangenheit 60 bis 70 Prozent der Informatikstudenten vorzeitig das Handtuch. Die Ursachen dafür lässt Dekan Werthner gerade in einer Studie wissenschaftlich erheben. "Informatik ist ein sehr formales Studium, in dem es vor allem um Mathematik, um Logik und algorithmisches Denken geht. Das Studium ist durchaus fordernd und arbeitsintensiv, ein Umstand, den Studierende gern unterschätzen", sagt er.

Das Argument des Wissenschaftsministers, dass der Andrang auf das Informatikstudium ein "lokales Problem" sei, das vorrangig auf die Hauptstadt Wien beschränkt sei, will er aber nicht gelten lassen. Ebenso wenig wie das Argument, dass Studierende ja an die Fachhochschulen ausweichen könnten, deren Studienplätze kontinuierlich ausgebaut würden. "Wir, Universitäten, wollen Leute ausbilden, die mehr als anwendungsorientiert programmieren und codieren können. Unsere Aufgabe ist es, technologisch basierte Innovation voranzutreiben", betont Werthner. Das könne jedoch nur mit den notwendigen finanziellen Mitteln gelingen. Werthner verweist auf die renommierte ETH Zürich, an der ein Professor gerade einmal für 43 Studierende zuständig sei. An der TU liege das Verhältnis hingegen bei 1 zu 120. "Wenn man von uns verlangt, uns mit der ETH zu messen, muss man uns auch das Geld dafür geben, um entsprechende Rahmenbedingungen schaffen zu können", betont Werthner.

In dieselbe Kerbe schlagen Uni-Wien-Rektor Heinz Engl und Oliver Vitouch, der amtierende Präsident der Universitätenkonferenz (uniko). Beide glauben, dass es letztlich nur zwei Lösungen für die vertrackte Situation an den Unis gibt: Entweder mehr Geld durch Einführung der viel diskutierten Studienplatzfinanzierung oder Zugangsregeln. Das letzte Wort scheint ohnedies noch nicht gesprochen worden zu sein. Bundeskanzler Christian Kern will mit dem Uni-Management reden. Er zeigte sich über die Aufnahmsverfahren "nicht sehr glücklich".

Dekan Klas von der Uni Wien kann dazu nur mit den Schultern zucken. "Was sollen wir tun, wenn unser größter Hörsaal 205 Plätze fasst? In einer Art Massenabfertigung können wir unmöglich die hoch qualifizierten Arbeitskräfte hervorbringen, die der Arbeitsmarkt verlangt."

Quelle: SN

Aufgerufen am 18.11.2018 um 05:51 auf https://www.sn.at/schlagzeilen/mehr-geld-oder-weniger-informatikstudenten-1144561

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