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"Mein Vater war bei der Waffen-SS. Da ist nichts beendet"

Wie mit der Geschichte der eigenen Familie umgehen, wenn sie in den NS-Terror verwickelt war?



Der Theologe und Psychotherapeut Uwe Böschemeyer über Versöhnung, Gerechtigkeit und die Güte.

SN: Ihr Vater war bei der Waffen-SS. Was heißt das für den Sohn, wenn er über Versöhnung spricht?
Böschemeyer: Für mich bedeutet das eine nicht zur Ruhe kommende Frage: Wer war mein Vater? Er war einer der Söhne einer Tischlerei. Der Älteste bekam den Betrieb, er selbst wollte offenbar mehr aus seinem Leben machen. Er ließ sich 1934 von der Wehrmacht locken, dann kam das Angebot - wie man sagte -, der Eliteeinheit beizutreten, der Waffen-SS.

1938 war mein Vater für einige Monate "tätig" - das Wort kommt mir nicht leicht über die Lippen - im Konzentrationslager Sachsenhausen. Er ist oft mit einem dunklen Gemütszustand nach Hause gekommen. Was hat er im Konzentrationslager gemacht? Meine Mutter hat ihn manchmal gefragt, und er hat darauf geantwortet: Ich sage es dir lieber nicht.

Ich habe mich in der Literatur und in Fernsehdokumentationen zur Waffen-SS umgesehen. Ich bin mit dieser Frage, wer mein Vater war, nicht zur Ruhe gekommen. Es bleibt eine leere Stelle im Nachdenken über mein Leben. Ich weiß, dass ich den Nationalsozialismus von ganzem Herzen verabscheue, aber ich verabscheue nicht meinen Vater. Wäre ich selbst in diese Zeit hineingeboren worden, ich könnte nicht sicher sagen, ich wäre immun gewesen.

SN: Sind Sie mit Ihrem Vater versöhnt?
Ich kann darauf kein klares Ja sagen. Ich sehe auf der einen Seite die Geschichte seines Lebens, warum er in diese sogenannte Eliteeinheit geraten ist. Ich habe andererseits - ich war erst sechs, als mein Vater gefallen ist - einige wenige persönliche Eindrücke von ihm aus meiner Kindheit. Die waren sehr positiv. Ich trage seit einiger Zeit ein Foto meines Vaters in meiner Brieftasche mit mir. Auf diesem Bild ist er außerordentlich liebenswert.

Aber wenn ich einen Film sehe zum Beispiel über die Geschwister Hans und Sophie Scholl (die beiden Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose wurden am 22. Februar 1943 hingerichtet, Anm.), dann kocht etwas in mir auf. Es ist nicht Hass, es ist Zorn, und das Gefühl, ich kann absolut nichts ändern.

SN: Worauf bezieht sich dieser Zorn?
Darauf, dass mein Vater in dieser schrecklichen Waffeneinheit mitgemacht hat. Da steigt Empörung in mir auf. Da ist nichts beendet.

SN: Sie sprechen am Samstag darüber, was Versöhnung ist und wie man sie findet. Spricht da ein Mensch, der selbst noch wund ist?
Das kann man so sagen. Ich bin mit vielem in meinem Leben ausgesöhnt. Was meinen Vater betrifft, ist noch nicht gänzlich Versöhnung geschehen. - Wobei: Ich bin entsetzt über den Nationalsozialismus, in dem mein Vater mitgemacht hat. Aber ich selbst habe mit ihm nie einen Konflikt gehabt. Ich habe keinen konkreten Menschen, mit dem ich mich versöhnen könnte. Mir hat mein Vater nichts getan.

SN: Er hat Ihnen seine Geschichte hinterlassen, die Sie bis heute belastet und nicht loslässt.
Ja, mein Vater hat mir seine Geschichte hinterlassen, mit einem riesigen Fragezeichen. Daher frage ich mich, werde ich jemals frei in meiner Beziehung zu meinem Vater?

SN: Ist der Kern Ihres Problems, dass es auch damals kein richtiges Leben im falschen gegeben hat? Dass es kein gutes Leben in der Waffen-SS hat geben können?
Ja, das ist der Kern. Ich kann leider nicht sagen, wie konnte er nur auf diesen schrecklichen Haufen reinfallen?! Wenn ich vor seinem Grabstein stehe - darauf steht, er sei vermisst -, dann habe ich nicht dieses Gefühl, wie konnte er nur?! Es ist vielmehr so, dass mich eine große Traurigkeit überkommt. Ich habe keinen Grund, meinen Vater zu verurteilen, und trotzdem hat er mir, wenn ich Ihr Wort aufnehme, diese seine Geschichte hinterlassen.

SN: Sie haben die Geschwister Scholl erwähnt. Was kann Menschen in einer derartigen Ausnahmesituation die Kraft geben, nicht mitzumachen?
Für mich ist das die Besinnung auf die Qualität des Menschseins, die Besinnung auf die Verantwortlichkeit, die Besinnung auf die Möglichkeit, freier zu sein, als wir denken.

Dietrich Bonhoeffer (der lutherische Theologe wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet, Anm.) sagte, man müsse in einer solchen Zeit ein Qualitätsgefühl für das Menschsein entwickeln. Wir müssen hinsehen auf das, was uns bedrängt, bedroht, was wir nicht wollen. Das ist die eine Seite, da dürfen wir uns nichts vormachen. Auf der anderen Seite geht es um die Besinnung darauf, wer der Mensch ist, was ich von mir erwarte, wie meine konkrete Verantwortlichkeit aussieht und meine Möglichkeit, freier zu sein.

SN: Wir wähnen uns heute sehr frei. Warum fehlt es dann an allen Ecken und Enden an Versöhnung? Warum können wir in dieser Hinsicht unsere Freiheit nicht besser gebrauchen?
Weil es stimmt, was Goethe gesagt hat: Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust. Das ist bittere Realität, dass die dunkle und die helle Seite in unserer Seele wohnen. Der Mensch lebt im Spannungsfeld dieser beiden Pole.

Nun kommt es darauf an, worauf ich primär sehe. Wenn ich auf Dauer gegen einen Menschen grolle, wenn ich ihm wüte, wenn ich ihm nachtrage, was mich verletzt hat, dann fühlt nicht nur der andere meinen Hass, sondern ich spüre diesen Hass auch selbst. Ich schädige nicht nur den anderen, sondern mich selbst. Meine Seele wird grau, weil sie nur noch um das Objekt ihrer Ablehnung kreist. Sie verliert die Freude am Leben, es kommt ihr die Zuversicht abhanden, es vermindert sich das Sinngefühl, es leidet sogar das Immunsystem, der Organismus, der ganze Mensch.

SN: Bringt es nicht auch einen seelischen Gewinn, an der Wut festzuhalten?
Derjenige, der dem anderen seine destruktive Aggressivität nachträgt, fühlt sich moralisch überlegen. Er fühlt sich im Recht und will sein vermeintliches Recht nicht preisgeben. Er fühlt sich als Richter, er spricht das Urteil über den anderen. Sich selbst spricht er frei.

Wer an seiner Wut festhält, macht den anderen klein und damit sich selbst groß.

SN: Wenn er aber recht hat? Wenn er tatsächlich zutiefst verletzt wurde?
Dann geht es um die Frage, welche Rolle spielt Gerechtigkeit, welche Rolle spielt Versöhnung.

SN: Gibt es Versöhnung ohne Gerechtigkeit?
Ja, es gibt Versöhnung, ohne dass ich zu meinem Recht komme. Es gibt ein Existenzial - ein zu jedem Menschen gehörendes Phänomen -, das bei den meisten verdeckt, verkappt, verschlüsselt ist. Dieses Existenzial ist die Güte. Die Güte ist stärker als die Gerechtigkeit. Das vollzieht sich aber nicht so, dass ich den Mantel der Güte über das lege, was war. Ich muss mir vielmehr noch einmal klar vergegenwärtigen, was das gewesen ist, das mich so tief verletzt hat. Das kommt vor dem Verzeihen.

Wenn ich meine Verletzung aber klar vor Augen habe, stehe ich vor der Frage: Bleibe ich in meiner Verletzung und in meiner Aggression und schädige damit meine Seele? Oder versuche ich, das Beste in mir zu finden, das stärker ist als meine Verletzung. Das ist die Güte. Durch Güte kommt Wärme ins Herz.

Quelle: SN

Aufgerufen am 17.11.2018 um 11:24 auf https://www.sn.at/schlagzeilen/mein-vater-war-bei-der-waffen-ss-da-ist-nichts-beendet-3101665

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