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Musiktheater trifft Pädagogik

Kunst ist ein starker Brückenbauer - ihre Vermittlung wesentlich für die Gesellschaft. Der weltweit bislang einzigartige Universitätslehrgang Musiktheatervermittlung des Mozarteums bildet Kunstpädagogen speziell aus.

Musiktheater trifft Pädagogik SN/jan windszus photography
Das Projekt „Oper sucht Klasse“ wird jährlich auf der großen Bühne der Komischen Oper Berlin mit 15-jährigen Schülerinnen und Schülern durchgeführt. Studierende des Uni-Lehrgangs Musiktheatervermittlung lernen die inhaltlichen und organisatorischen Voraussetzungen, um Opernprojekte mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen durchzuführen.

Eine Hornistin, eine Pianistin, eine Flötistin, eine Geigerin - aber auch eine Kulturmanagerin, zwei Lehrerinnen, eine Regisseurin und eine Tänzerin: Sie alle wurden kürzlich zu ersten Absolventinnen des Universitätslehrgangs Musiktheatervermittlung der Uni Mozarteum, dem in dieser Form einzigen weltweit. Ziel des Lehrgangs ist es seit 2014, Studierende zur pädagogisch und künstlerisch kompetenten Vermittlung von Oper, Operette und Musical in unterschiedlichen Kultur-, Bildungs- und Sozialeinrichtungen zu befähigen. Alle erforderlichen kulturwissenschaftlichen, pädagogischen und psychologischen Kompetenzen sollen unter besonderer Berücksichtigung der Methoden der Szenischen Interpretation praxisnah gelehrt werden. Die Lehrveranstaltungen werden an der Universität Mozarteum Salzburg, an der Staatsoper Berlin und an der Komischen Oper Berlin abgehalten.

Aber halt - Musiktheater, was ist das eigentlich genau? Sprechtheater (Schauspiel), Figurentheater und Tanztheater (Ballett) sind die drei Geschwister des Musiktheaters, gemeinsam bilden sie die vier klassischen Sparten des Theaters. Das Musiktheater hat seinen Ursprung in der Oper, dazu gehören alle Formen, die dramatische Handlung in Bewegung und Sprache mit Musik verbinden. Der Lerneffekt des Lehrgangs geht aber darüber hinaus - in Richtung Pädagogik.

"Die größte Erkenntnis war für die Teilnehmer, zu begreifen wie der Mensch Kunst und Kultur lernt", sagt Anne-Kathrin Ostrop, Musiktheaterpädagogin an der Komischen Oper Berlin und eine der Lehrgangsverantwortlichen aufseiten der Berliner Kooperationspartner. "Dass jeder sich seine Wirklichkeit aufgrund seiner Lebenserfahrung kreiert und konstruiert. Man kann nicht einfach Wissen nehmen und in jemand anderen hineinverpflanzen, sondern man muss einen Erfahrungsraum mit Kunst und Kultur zur Verfügung stellen. Die Frage lautet: Wie kann ich einen Raum schaffen, in dem Menschen jeder Herkunft, jeden Alters, jeden Bildungsstands eine eigene Erfahrung mit Kunst, Kultur, Musik und Musiktheater machen können? Dadurch haben alle Teilnehmer mit einem geschärften Blick und klarem Ohr in die Vorstellung zu gehen - um zu sehen, zu hören, wie da Kunst auf die Bühne gebracht wird."

Eine Herausforderung im Lehrgang sei diesmal das Thema "Flüchtlinge" gewesen, das auch den Lehrgang geprägt habe, erzählt Rainer Brinkmann, ebenfalls Lehrgangsverantwortlicher und Leiter der Jungen Staatsoper der Deutschen Staatsoper Berlin. "Flüchtlinge haben in den letzten Monaten in der inhaltlichen Arbeit immer wieder eine Rolle gespielt - als eine Zielgruppe, der man sich zuwenden will. Wo man sich total neu auf etwas einstellen muss, wo man auch nonverbal reagieren muss, wo man immer auch den eigenen Hintergrund infrage stellen muss, um sich dem Thema zu nähern." Der Bereich sei nicht völlig neu, ergänzt Ostrop, Interkulturalität sei immer schon Teil des Lehrgangs gewesen, aber dieser habe eben politisch getrieben eine "Verschärfung" erlebt, die auch im Lehrgang angekommen sei. Brinkmann: "Da werden wir auch dranbleiben."

Zielgruppe des Lehrgangs sind neben Mozarteum-Absolventen vor allem Lehrer oder Erzieher, die etwas mit Musik zu tun haben. "Voraussetzung ist: Die Teilnehmer brauchen zuvor einen Abschluss, entweder im pädagogischen oder im musikalischen Bereich oder auch im theaterpädagogischen Bereich mit einer musikalischen Grundbildung", betont Anne-Kathrin Ostrop. "Darin liegt auch eine der Herausforderungen", sagt Rainer Brinkmann. "Der Lehrgang bringt Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen zusammen. Das macht es komplex, aber dadurch lernen wir alle auch viel."

Ziel des Lehrgangs sei es, sagt Ostrop, dass "wir einerseits Musiktheatervermittler ausbilden, die entweder an Opernhäusern arbeiten können oder auch an Veranstaltungshäusern, wo Opern und Konzerte stattfinden, andererseits aber auch Menschen, die in pädagogischen Bildungseinrichtungen oder auch in sozialen Einrichtungen arbeiten und dort zum Beispiel ein ganz anderes Publikum ansprechen können. Das hat sich ganz wunderbar beim Abschlussprojekt der letzten Lehrgangsklasse in Salzburg gezeigt. Da haben die Absolventinnen und Absolventen des Lehrgangs bewiesen, dass sie mit den unterschiedlichsten Gruppen arbeiten können: mit Senioren, Studierenden, Flüchtlingen, Intellektuellen."

Was waren die wertvollsten Erfahrungen der Absolventen? "Die Pädagogen meinten, dass sich ihr Blickfeld ins Künstlerische geweitet habe, und die Künstler nannten als wichtige Erfahrung, dass sie ihren Blick nun auf die pädagogische Stringenz fokussieren können. Das war das spannendste Ergebnis der Abschlussreflexionen - bei den einen weitet es sich, bei den anderen fokussiert sich der Blick", sagt Anne-Kathrin Ostrop. Sehr positiv wahrgenommen worden sei auch die Tatsache, dass "wir uns auf der einen Seite am Mozarteum Salzburg - mit dieser hoch konzentrierten musikalischen Power - treffen, und dass wir auf der anderen Seite in Berlin sind, wo die musiktheaterpädagogische Praxis stattfindet. Dieser ständige Wechsel von Ausbildungsstätte zu Umsetzungsstätte, das ist sehr fruchtbar."

Der Bedarf an Musiktheatervermittlung in der Kunst- und Kulturszene "steigt derzeit noch", sagen die Lehrgangsverantwortlichen Ostrop und Brinkmann. "Was das Musiktheater anbelangt, ist es ja ein super-neuer Bereich. Die Theaterpädagogen und die Konzertvermittlung waren da ein bisschen früher dran, aber im Bereich Musiktheater kam die Initialzündung von uns - und seitdem steigt das Interesse. Schon seit Jahren fragt man uns immer wieder: ,Kennt ihr wen für diesen Bereich?' Und wir konnten vor der Gründung dieses Lehrgangs immer nur sagen: ,Niemanden, der es gelernt hat, denn man kann es nicht lernen.'"

Dabei gebe es genügend Stellen in diesem Bereich. Und auch "die Häuser registrieren, dass plötzlich Leute mit solch einem Abschluss kommen. Die haben auch schon zuvor registriert, dass es eine ,kleine' Spielleiterausbildung in Berlin gab. Wer die gemacht hatte, hatte schon einmal einen Bonuspunkt. Demgegenüber ist aber jetzt solch ein universitärer Lehrgang eine ganz deutliche Qualitätsanhebung im Lebenslauf. Diesen Abschluss haben bislang nur ganz wenige Leute, die sich aktuell auf solche Jobs bewerben - aber die ganze Szene weiß: Es gibt den Studiengang."

Der viersemestrige Lehrgang Musiktheatervermittlung beginnt wieder im Oktober, Anmeldeschluss ist der 15. September.

Quelle: SN

Aufgerufen am 14.11.2018 um 04:27 auf https://www.sn.at/schlagzeilen/musiktheater-trifft-paedagogik-1188439

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