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"Warum soll ich das lesen?"

Schreiber lernen schreiben. Mit Verantwortung, Hintergrundwissen und Stil. Seit 25 Jahren legt das Kuratorium für Journalistenausbildung Frauen und Männern in Medien Werkzeug für ihre Arbeit in die Hand. Profi-Kritik inklusive.Michaela Hessenberger

 SN/sn / kfj

Christoph Fasel steht vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des 25. Journalisten-Kollegs. In der Bergstraße 10 in Salzburg ist Spannung zu spüren. "Warum soll ich das jetzt lesen?", fragt der Journalismuslehrer. Sein Tonfall lässt keinen Zweifel: Er will Argumente hören. Argumente, warum ein Text, eine Geschichte für den Leser spannend ist. Reihum liefern ihm die Zuhörer im Seminarraum Gründe, warum ihr Thema lesenswert ist. Fasel nickt.

Der Trainer hat für die "Bild"-Zeitung in Deutschland geschrieben, danach für den "Stern". Er war Chefredakteur des "Reader's Digest" und leitete die Henri-Nannen-Schule für Journalismus. Im Kuratorium ist er zu Gast, um den Kolleg-Teilnehmern Sprache und Stil für ihre Arbeit zu vermitteln. Und um zu lehren, dass Adjektive Texte schwächer machen, Verben sie hingegen stärken. Er ist jener Referent, der die besten Kritiken nach dem ersten von vier Modulen erhielt. Ihm attestierten alle, dass ihm die Arbeit mit jungen Menschen offensichtlich Freude macht. Sein "Warum soll ich das lesen?" wurde nicht nur zum Bonmot zwischen den Teilnehmern - viele nahmen diese Frage mit in ihren Alltag in die Redaktionen und Büros. Sie stellen sie, wenn sie abwägen, ob eine Idee, Presseaussendung oder Information einen Artikel wert ist - oder eben nicht.

"Warum soll ich das lesen?" ist auch der Name der WhatsApp-Gruppe, zu der sich die Kolleg-Teilnehmer zusammengeschlossen haben. Der Chat auf den Smartphones ist Plattform für Austausch und Feedback. Beinahe täglich kommen Nachrichten auf die Handys. Sätze wie "Habt ihr schon einmal erlebt, dass . . .?" oder "Wie geht es euch mit . . .?" eröffnen Wortwechsel. Junge Kollegen helfen und beraten einander. Oder tauschen Scherze aus.

Bereits nach dem ersten Modul, das zwei Wochen in Salzburg stattfand, hat ein Umdenken begonnen. "Seit ich im Kolleg bin, achte ich wieder mehr auf meine Arbeit. Ich bin selbstkritischer, lese mehr und bin weniger gleichgültig. Das Kuratorium schärft also auch wieder das Gefühl für guten Journalismus", sagt Michael Egger. Er ist 23 Jahre alt und ist Redakteur bei der "Kleinen Zeitung" im Regionalbüro in Lienz. Profitiert habe er auch von Gesprächen mit seinen Kolleg-Kollegen: "Es tut gut, sich mit Leuten aus Salzburg oder Wien auszutauschen - speziell wenn man das ganze Jahr über in einer 12.000-Einwohner-Stadt wie Lienz arbeitet." Schön sei, dass nicht nur die Vortragenden gute Inhalte einbrächten, sondern auch die Teilnehmer. "Mein einziger Kritikpunkt ist, dass richtig gute Beiträge gut und gerne länger dauern könnten. Mit Christoph Fasel, Paul Kraker oder Ulla Kramar-Schmid hätte ich gerne mehr Zeit verbracht", sagt Egger.

In dieselbe Kerbe schlägt Eva-Maria Fankhauser. Die 27-jährige Lokalredakteurin bei der "Tiroler Tageszeitung" erklärt: "Für manche Einheiten war die Zeit zu kurz - wir waren zu wissbegierig." Ebenfalls einig ist sie sich mit Egger darüber, dass sie nicht nur viel von den Vortragenden lerne, sondern auch von den anderen Kursteilnehmern. "Ich habe viele neue Freunde gewonnen, die mir wertvolle Tipps geben. Sie stehen mir mit Rat und Tat in beruflichen Fragen zur Seite", sagt Fankhauser.

So wie dem aktuellen Jahrgang ist es bereits mehr als 500 Publizisten und Pressearbeitern aus dem ganzen Land gegangen. Das Österreichische Journalisten-Kolleg, eine berufsbegleitende Schule, nimmt Quereinsteiger ebenso auf wie Redakteure, die über Erfahrung verfügen. In vier Modulen zu je zwei Wochen wird Handwerkszeug vermittelt. Eine Woche bleibt für die Abschlussarbeit. Ein crossmediales Projekt soll entstehen. Die Module sind auf neun Monate aufgeteilt und werden durch E-Learning ergänzt. Preis für das Programm: 3420 Euro bzw. ermäßigt 2910 Euro. Manche Medienhäuser übernehmen die Kosten für ihre Angestellten. Außerdem gibt es Stipendien und Fördermöglichkeiten. Informationen gibt es unter www.kfj.at. Diese Aus- und Fortbildung ist etwa im Journalisten-Kollektivvertrag als Messlatte für die Ausbildung von Redakteuren verankert. Zu den bekannten Absolventen zählen etwa Armin Wolf, Ingrid Thurnher (beide ORF), Eva Weissenberger (u. a. "News", "Kleine Zeitung") oder Sylvia Wörgetter (SN).

Die Teilnehmer des aktuellen, des 25., Journalisten-Kollegs machen sich am kommenden Montag auf nach Wien. Am Schottenring findet am zweiten Standort des Kuratoriums das zweite Modul statt. "Den politischen Schwerpunkt in Wien empfinde ich als reizvoll. Wir werden das Bundeskanzleramt und das Parlament erkunden und Politiker interviewen. Eine Gelegenheit, die sich Lokaljournalisten abseits der Bundeshauptstadt nur sehr selten bietet", sagt Markus Feigl (31), Redakteur beim Magazin "Gesund&Leben" in Niederösterreich. Dann haben die Wissbegierigen wieder die Chance, Tricks von Profis zu lernen, an sich zu arbeiten, Wissen und Auftreten zu verbessern und brauchbare Sätze wie "Warum soll ich das lesen?" zu sammeln.

Quelle: SN

Aufgerufen am 21.09.2018 um 10:16 auf https://www.sn.at/schlagzeilen/warum-soll-ich-das-lesen-532516

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