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Zuwandern ist Abwandern anderswo

Wie entwickelt sich die Migration im nächsten Jahrzehnt in Österreich und auf dem Balkan? Regionalentwickler und Statistiker aus Serbien schildern an der Fachhochschule Salzburg, wie ihr Land unter Abwanderung leidet.

Zuwandern ist Abwandern anderswo SN/robert ratzer

In Österreich fürchten sich viele Menschen vor Zuwanderung oder haben Unbehagen damit. Doch in den Herkunftsländern der Zuwanderer bringt die Abwanderung Probleme in umgekehrter Richtung. Branimir Dzenopoljac von der Regionalen Wirtschaftsagentur der zentralserbischen Region Sumadja und Pomoravlja sagt: "Wir haben einen riesigen ,Braindrain‘." Er ist für eine Region mit 600.000 Menschen tätig, zu der mit Kragujevac Serbiens viertgrößte Stadt gehört, die ungefähr so groß wie die Stadt Salzburg ist. Vor allem gut ausgebildete jüngere Menschen wie Ärzte, Pflegepersonal oder Ingenieure suchen Arbeit im Ausland, weil zu Hause die Perspektive fehlt. Die Zahlen dazu nennt Mirjana Popovic vom serbischen Statistikinstitut: "Wir haben zwischen den letzten beiden Volkszählungen 2001 und 2011 340.000 Menschen verloren, und das bei 7,5 Millionen Einwohnern."

Eine ihrer Kolleginnen betont: "Wir investieren in die Ausbildung und andere Länder profitieren von unseren Absolventen."

Umgekehrt wächst die Bevölkerung in Österreich seit geraumer Zeit ausschließlich durch Zuwanderung. In Österreich leben rund 200.000 Serben, nach Deutschland ist es das wichtigste Herkunftsland für Zuwanderer. Rund ein Drittel der Serben ist in Österreich eingebürgert. Den Migrationsströmen in Österreich und Norditalien sowie in mehreren Balkanstaaten und Griechenland ist ein Forschungsprojekt der Europäischen Union gewidmet, an dem für Österreich das Zentrum für Zukunftsstudien an der Fachhochschule Salzburg (FH) in Puch-Urstein teilnimmt.

Diese Woche waren mehrere Projektteilnehmer aus Serbien und Slowenien bei ihren Kollegen in Salzburg. Ziel des Projekts ist, Szenarien für die künftige Entwicklung der Wanderungsbewegungen in den beteiligten Regionen zu entwerfen. Koordiniert wird die Arbeit durch die Regionalregierung in der Emilia-Romagna (Italien), mit eingebunden sind auch Ministerien in Bulgarien und Rumänien sowie die Verwaltung der griechischen Insel Kreta. Markus Pausch, stellvertretender Leiter des Zentrums in Urstein: "Die Datenlage ist in diesen Ländern eher schlecht." Daher gehe es auch darum, dass sich Statistiker und Regionalentwickler über die in den EU-Ländern etablierten Methoden informieren.

In Serbien etwa fehlen exakte Zahlen über die Abwanderung, weil es nur alle zehn Jahre eine Volkszählung gibt. Generell gebe es seit zwei bis drei Jahrzehnten Abwanderung, betonte Dzenopoljac. Nur während des Krieges in den Neunzigerjahren seien Landsleute aus Kroatien, Slowenien, Bosnien und dem Kosovo nach Serbien zurückgekehrt. Es gelte noch viele Projekte zu entwickeln, sagt eine der serbischen Statistikerinnen. Die Hoffnungen ruhen dabei auch auf den EU-Beitrittsverhandlungen, die im Jänner begonnen haben. Die Regierung in Belgrad hofft auf eine Mitgliedschaft ab 2020. Projekte wie jenes unter Mitarbeit der FH dienen dazu, Beitrittskandidaten an europäische Standards heranzuführen. Das Projekt "Making Migration Work for Development" läuft seit knapp zwei Jahren und noch bis Oktober 2014. Insgesamt 3,6 Mill. Euro fließen aus dem EU-Regionalfonds, davon entfallen rund 200.000 Euro auf die FH.

Am Beispiel Rumäniens, eines der Armenhäuser des Kontinents, zeigen sich die Probleme durch Abwanderung besonders stark. Die Einwohnerzahl schrumpfte in den vergangenen 20 Jahren um rund drei Millionen auf rund 20 Mill. Menschen - und mehr als zwei Millionen Rumänen arbeiten derzeit dauerhaft im Ausland (aus sprachlichen Gründen hauptsächlich in Italien und Spanien), weil sie bei Durchschnittslöhnen von 500 Euro keine Perspektive sehen.

Zurück zu Serbien. Regionalentwickler Branimir Dzenopoljac hofft, mit den Erfahrungen aus dem EU-Projekt "die Zukunft besser planen zu können". Es gehe nicht nur um Abwanderung ins Ausland, sondern auch um die Binnenwanderung von ländlichen Regionen in die Hauptstadt. Belgrad ist für Serbien ein noch stärkerer Wasserkopf als Wien für Österreich. Leider habe die für Flüchtlinge und Migration zuständige Abteilung im Innenministerium in Belgrad aber an dem EU-Projekt kein Interesse gezeigt, bedauert Dzenopoljac. Ein weiteres Problem sei die "schlechte Verbindung zwischen Universität und Industrie", wie auch seine Kolleginnen bestätigen. Es gebe keine Kooperation, die Bildungsstätten seien passiv. Das sei gerade in Kragujevac, der ältesten Industrieregion Serbiens, ein Problem. In der Stadt gibt es neben Nahrungsmittelindustrie und Maschinenbau auch den traditionsreichen Auto- und Waffenhersteller Zastava, den Fiat 2008 übernahm. Heute ist das Fiat-Werk der größte Exporteur Serbiens.

Migration ist der entscheidende Faktor, wie sich die Einwohnerzahlen in einer Region oder in einem Land entwickeln. "Bei der Fruchtbarkeit und der Sterblichkeit bleiben die Trends relativ gleich", sagte Demograf Wilko Schrötter, der an dem Projekt an der FH mitarbeitet. Die FH erstellt drei Szenarien für die Entwicklung in Wien. Das Hauptszenario geht von einer sich etwas abschwächenden Zuwanderung aus, aber dennoch einem Anstieg der Bevölkerung von 1,75 auf über 1,85 Millionen bis zum Jahr 2020.

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