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Zwischen Hörsaal und Training

Die wenigsten Spitzensportler haben nach ihrer aktiven Karriere ausgesorgt. Wie lassen sich Hochleistungssport und Studium vereinbaren, um im späteren Berufsleben Fuß zu fassen?

Zwischen Hörsaal und Training SN/wolkerstorfer
Der Badmintonspieler David Obernosterer studiert an der WU Wien.

Den ersten Federball schlug David Obernosterer mit sieben Jahren über das Netz. Mit elf war er bereits im österreichischen Nachwuchskader, einige Jahre später wurde aus dem Hobby sein Beruf. Der Vorarlberger ist professioneller Badmintonspieler und beim Bundesheer als Leistungssportler angestellt, zuletzt qualifizierte er sich für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. An sechs von sieben Tagen pro Woche steht der 27-Jährige in der Trainingshalle und bereitet sich auf Turniere vor. Nebenbei studiert er BWL an der Wirtschaftsuniversität (WU) in Wien. "Das ist nicht immer leicht zu koordinieren. Allerdings ist es mir wichtig, ein zweites Standbein zu haben", sagt Obernosterer.

Damit Hochleistungssport und Studium leichter vereinbar sind, kooperiert die WU Wien seit 2012 mit dem Verein KADA. KADA bedeutet "Karriere danach" und unterstützt die duale Karriere von Leistungssportlern vor und während ihrer aktiven Laufbahn sowie ihre berufliche Integration danach. Die Gründerin des Vereins war selbst Spitzensportlerin: Die ehemalige Skirennläuferin Roswitha Stadlober erklärt, dass es wichtig sei, die berufliche Ausbildung neben der sportlichen Karriere möglichst früh zu thematisieren. "Am Ende der Sportlaufbahn ist der Berufseinstieg für viele schwierig, wenn sie keine Vorerfahrung oder Qualifikationen vorweisen können."

Nur einer von 50 Hochleistungssportlern hat nach seiner aktiven Karriere finanziell ausgesorgt. Gleichzeitig besitzen 43 Prozent der Athleten am Ende ihrer Sportlaufbahn keine abgeschlossene Ausbildung. KADA versucht den Sportlern durch die indivi duelle Betreuung eine doppelte Laufbahn zu ermöglichen. Denn unabhängig vom finanziellen Erfolg benötigen die Athleten laut Stadlober nach ihrer Karriere eine sinnvolle Aufgabe.

Momentan studieren etwa 220 Spitzensportler, die das Programm "Studium Leistung Sport" von KADA nutzen, an einer österreichischen Hochschule. David Obernosterer ist einer von ihnen. "Der Beruf als Leistungssportler ist ein Vollzeitjob. Deshalb ist es nicht leicht, auch im Studium schnell voranzukommen", sagt er. Seit er das Angebot von KADA in Anspruch nimmt, klappt dies besser. Er steht kurz vor seinem Bachelorabschluss.

Doch wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen KADA und den Studierenden? Das Programm "Studium Leistung Sport" beinhaltet eine sportspezifische Studienberatung und Partnerschaften mit österreichischen Hochschulen. In jedem Bundesland ist ein KADA-Coach dafür verantwortlich, die Trainings- und Wettkampfpläne der Athleten mit den Lehrveranstal- tungen zu koordinieren. Gemeinsam mit den Sportlern filtern sie, welche Vorlesungen pro Semester machbar sind. Danach werden die Universität informiert und die Zeiten, in denen die Athleten abwesend sind, individuell mit den jeweiligen Professoren besprochen. "Es geht dabei nicht um Geschenke, sondern um Lösungen", sagt Stadlober. "Dafür ist eine realistische Planung im Vorfeld wichtig, die mit den Trainings- und Wettkampfzeiten der Sportler abgestimmt ist."

Auch Dominik Kraihamer entschied sich neben seiner Karriere als Autorennfahrer für ein BWL-Studium an der WU Wien. "Es ist mir wichtig, neben dem Sport geistige Beanspruchung zu haben", sagt der 26-Jährige. Herausfordernd sei es für ihn, durch die vielen Reisen immer wieder aus dem Alltag herausgerissen zu werden. "Ich war vergangene Woche in Japan bei einem Rennen. Diese Woche bin ich in Österreich und nächste in Schanghai", erzählt er. KADA unterstützt ihn dabei, Prüfungen zu koordinieren oder zu verlegen, wenn er nicht in Wien ist. Kraihamer plant, den Bachelor in einem Jahr abzuschließen. Als Ansporn dafür hat er mit seinem Team vereinbart, erst dann ein monatliches Gehalt zu bekommen, wenn er das Studium abgeschlossen hat.

Für David Obernosterer gehören Langstreckenflüge rund um den Globus ebenso zum Alltag. Während der Olympiaqualifikation saß er innerhalb eines Jahres 120 Mal im Flugzeug. "Badminton steht immer an erster Stelle", sagt der 27-Jährige. Vor allem zu Beginn des Bachelors war es für ihn he rausfordernd, die richtige Balance zwischen Sport und Studium zu finden. "Ich habe einen hohen Anspruch an mich selbst. Mein Ziel ist es, während der aktiven Karriere das Studium abzuschließen, auch wenn ich dafür drei Mal so lang brauche", sagt er.

Doch nicht nur auf die spätere Karriere hat das Studium einen positiven Einfluss. Auch während der aktiven Laufbahn wirkt sich die duale Karriere auf die sportlichen Leistungen der Athleten aus. Dies belegt eine Studie der Australian Football League Players Association. Jene Football-Spieler, die sogenannten "off-field activities" nachgingen, wozu auch ein Studium gehört, verbesserten ihre Leistung um 13 bis 21 Prozent im Vergleich zu jenen Spielern, die sich ausschließlich auf den Sport konzentrierten. "Es ist wichtig, neben dem Sport einen Ausgleich zu haben", sagt Obernosterer. "Das Studium hilft, den Horizont zu erweitern und manche Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen."

Umgekehrt bringen Hochleistungssportler Fähigkeiten ins Berufsleben mit, die sie sich durch das langjährige Training, die Wettkämpfe und die damit verbundenen Erfahrungen aneignet haben. "Spitzensportler sind wertvolle Mitarbeiter. Sie sind belastbar, strukturiert, teamfähig, diszipliniert und bringen eine Work-Life-Balance mit", sagt Stadlober. Auch David Obernosterer schätzt die Erfahrungen, die er durch seinen Beruf als Badmintonspieler sammeln konnte. "Durch die vielen Reisen lerne ich immer wieder neue Kulturen kennen", sagt er. Dies helfe ihm, offen mit neuen Situationen umzugehen. Nach seiner aktiven Karriere plant er, in der Privatwirtschaft tätig zu werden. Er will auch dem Sport als Trainer erhalten bleiben. "Ich möchte das Wissen, das ich über die Jahre gesammelt habe, an die Nachwuchsspieler weitergeben."

Quelle: SN

Aufgerufen am 17.11.2018 um 10:13 auf https://www.sn.at/schlagzeilen/zwischen-hoersaal-und-training-917380

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