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Jüngere Frauen wollen die Wahl - ältere Frauen wissen, es geht ums Rechnen

Selbstbestimmt ... SN/thomas wizany
Selbstbestimmt ...

Zum Weltfrauentag am 8. März: Zwei Frauen, zwei Generationen, zwei Blickwinkel - aber ein gemeinsames Streben.



Jüngere Frauen
wollen die Wahl haben

Katharina Maier



Ältere Frauen wissen,
es geht ums Rechnen

Karin Zauner

Jüngere Frauen wollen die Wahl haben

Leitartikel von Katharina Maier

Frauen bestimmen selbst über ihren Körper. Sie nehmen an Wahlen teil. Sie gehen arbeiten, ohne ihren Mann um Erlaubnis zu bitten. Und sie managen: im Beruf, in der Politik, in der Familie. Es sind diese großen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte, die jungen Frauen heute wie selbstverständlich über die Lippen kommen.

Diese Selbstverständlichkeit ist bezeichnend dafür, wie junge Frauen über Gleichberechtigung denken. Sie haben den Kampfmodus abgelegt und bezweifeln in keiner Sekunde mehr, dass ihnen die exakt selben Rechte zustehen, die auch Männer genießen. Ja, braucht es dann überhaupt noch einen Weltfrauentag ?

So einfach ist es nicht. Diese Selbstverständlichkeit ist ein zweischneidiges Schwert. Sie lässt hoffen, dass manche Dinge tatsächlich irgendwann normal werden, wenn man sie nur lange genug als normal betrachtet. Jedoch ist die Gefahr groß, dass tagtäglich stattfindende Diskriminierung "übersehen" wird: Ein spöttisches Grinsen von älteren Kollegen, eine blöde Bemerkung über den zu kurzen Rock oder das ständige Unterbrechen bei Gesprächen: Junge Frauen können ein Lied davon singen. Die Schikane hört bei vermeintlichen "Ausrutschern" nicht auf: Die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen ist in vielen Bereichen immer noch riesig. Frauen, die Kinder bekommen, werden erstmal ein paar Jahre abgeschrieben. Frauen, die keine Kinder bekommen, aber Karriere machen, müssen sich ständig rechtfertigen. Und Frauen, die trotz Kindern Vollzeit arbeiten, werden sowieso als gespenstisch abgetan. Eines hat sich also seit 100 Jahren nicht geändert: Egal was Frauen tun, irgendwie machen sie es immer verkehrt.

Junge Frauen erwarten vom Arbeitgeber mehr als nur einen Schreibtisch und einen Lohnzettel. Sie wollen Entfaltungsmöglichkeiten, Selbstbestimmung und ja - sie wollen Zeit fürs Leben. Wenn das bedeutet, als Managerin in Teilzeit zu gehen, um mehr bei der Familie zu sein, ist das Feminismus pur. Es kann auch feministisch sein, den sicheren Bürojob hinzuschmeißen und eine Strickschule aufzumachen. Denn was junge Frauen heute wirklich wollen, ist Wahlfreiheit: Sie wollen die Wahl haben, eine steile Karriere hinzulegen, genauso wie sie die Wahl haben wollen, daheim bei ihren Kindern zu bleiben. Gleichberechtigung bedeutet auch, dass jede Frau so leben kann, wie sie es möchte.

Es braucht viel Mut, um den eigenen Bedürfnissen zu folgen. Mut hatten die großen Kämpferinnen der letzten Jahrzehnte. Und Mut haben junge Frauen heute. Das ist eine Selbstverständlichkeit, die sich nie ändern wird.


Ältere Frauen wissen, es geht ums Rechnen

Leitartikel von Karin Zauner

Frauen verdienen um 15 Prozent weniger als Männer, sie leisten zwei Drittel der unbezahlten Fürsorgearbeit, ihre Pensionen liegen um 39 Prozent unter jenen der Männer, und diese bilden in den Führungsetagen immer noch Boysclubs. Bekommt eine Frau ein Kind, erreicht sie über einen Zeitraum von zehn Jahren um 51 Prozent weniger Einkommen als vor der Geburt.

Als Frau mit drei Jahrzehnten Arbeitserfahrung fragt man angesichts der Zahlen: Hat sich tatsächlich nichts für Frauen gebessert? Und trifft man dann die geschiedenen Freundinnen, die jahrelang im guten Glauben für die Familie da waren, nun keinen Job finden und sich auf Altersarmut einstellen, oder man hört jungen Frauen zu, die nach dem erfolgreichen Technikstudium zur eigenen Erfüllung lieber Brot backen statt konstruieren wollen, ist man geneigt, die Frage mit "nein, es hat sich nichts geändert" zu beantworten. Doch das wäre nur die Drittel-Wahrheit.

Denn abseits von fehlenden Frauen in entscheidenden Führungspositionen und abseits der ungleichen Bezahlung für gleichwertige Arbeit hat sich in den vergangenen Dekaden etwas verändert. Wenn heute selbst den Firmenpatriarchen die weibliche Form von Mitarbeiter wie selbstverständlich über die Lippen kommt, dann zeigt das, dass Frauen und ihre Leistungen gesehen werden. Sprache verändert die Bilder im Kopf und auch Realitäten. Noch Anfang der 1990er-Jahre war die gläserne Decke für Frauen ein Panzerglas. Heute sind sie keineswegs verschwunden, aber immer öfter Fensterglas mit Sprüngen. Die Zahl der Unternehmen, in denen Frauen Führungsaufgaben übernehmen, werden mehr.

Herablassende Erklärungen von Männern, wenn Frauen sprechen, dumme Männerwitze und sexistisches Gehabe sind nicht ausgerottet, aber sie stehen nicht mehr auf der Tagesordnung und werden von Teammitgliedern oft als das enttarnt, was sie sind: peinlich, unzumutbar, unerwünscht.

Die Vorurteile gegenüber Frauen in gewissen Berufen oder Positionen halten sich hartnäckig. Aber junge Frauen haben heute einen Vorteil. Sie haben weibliche Vorbilder in der Arbeitswelt, können von ihnen lernen und im besten Fall von ihrer Unterstützung profitieren.

Nicht geändert hat sich, dass Frauen eines tun sollten: rechnen. Rechnen, wie sie gut, selbstbestimmt und selbsterhaltend ihr Leben bestreiten können - auch im Alter. Und dann alles Nötige selbst dafür tun und von anderen einfordern.

Quelle: SN

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