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#18 "Manche Menschen spüren sich nicht mehr": Stress-Expertin Angelika Platzek im Gespräch

Wer nichts zu tun hat, muss sich mit sich selbst auseinandersetzen. Davor haben viele Menschen Angst - und gönnen sich deshalb keine Pausen, sagt Stress-Expertin Angelika Platzek in einer neuen Podcast-Folge "Die gefragte Frau".

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Die gefragte Frau Katharina Maier

Angelika Platzek weiß, wie sich ihre Klienten fühlen, wenn sie zu ihr in die Beratung kommen: Die Salzburgerin steckte selbst im Burnout, ist ein Jahr ausgefallen. "Ich habe Raubbau an mir selbst betrieben", schildert sie diese schwierige Zeit. Heute gibt sie als Lebensberaterin, Mediatorin und Wingwave-Coach ihr Wissen an andere weiter. In einer neuen Folge des SN-Podcasts "Die gefragte Frau" plädiert sie für mehr Langeweile und erklärt, warum manche Menschen scheinbar nie zur Ruhe kommen.

Ist Stress für Manche schon ein alltäglicher Begleiter geworden? Angelika Platzek: Es ist mittlerweile modern geworden, zu sagen: "Ich bin so gestresst, ich bin im Burnout". Wenn ich keinen Stress habe, sagen die Anderen: Das ist ein fauler Mensch, der tut überhaupt nichts.

Was ist der Unterschied zwischen Stress und Burnout? Stress ist bis zu einem gewissen Maß eine normale, gesunde Sache. Stress hat man eine beschränkte Zeit und danach kommt wieder eine Erholungsphase. Im Burnout wird hingegen das Stresshormon Cortisol gar nicht mehr produziert. Deshalb hört man auch oft, dass Burnout-Patienten in der Früh nicht mehr aus dem Bett kommen. Da funktioniert gar nichts mehr. Die sind wirklich arm.

Woran erkennt man, dass man überlastet ist? Es gibt grob drei Verhaltensweisen, die darauf hinweisen können: depressiv, aggressiv oder ängstlich. Dann gibt es noch die körperlichen Symptome. Am häufigsten erzählen meine Klienten von Schlafproblemen. Außerdem vergessen Burnout-Betroffene viel und können sich nur mehr schwer konzentrieren. Aber auch Nackenschmerzen, Rückenschmerzen, oder häufiges Kranksein zählen zu den Anzeichen.

Es gibt unzählige Ratgeber gegen Stress, Ernährung gegen Stress oder Sportarten gegen Stress. Sollten wir nicht eher daran arbeiten, zu viel Stress gar nicht erst entstehen zu lassen? Das wäre natürlich optimal. Jedoch lassen das die äußeren Umstände manchmal nicht zu - aber auch die inneren nicht. Es gibt Verhaltensweisen, mit denen man aufgewachsen ist, die man immer mitbekommen hat und die auch Stress auslösen können.

Wir sind also so erzogen worden, dass wir Stress haben? Glaubenssätze wie "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" oder "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen" werden von Generation zu Generation weitergegeben. Mit denen wird man groß. Diese Sätze haben natürlich auch etwas Positives, allerdings muss man wissen, wo sie einen weiterbringen und wo nicht. Die Schwierigkeit ist, das herauszufinden.

Welche einfachen Entspannungstechniken für Zwischendurch empfehlen Sie? Man kann sich mit Atemtechniken beruhigen, wie eine Art Kurz-Meditation. Zum Beispiel indem man länger ausatmet, als man einatmet. Man bekommt dadurch mehr Weitblick und kann sich besser konzentrieren. Der Atem ist ein Machtinstrument.

Manche Menschen wirken so rastlos, dass man den Eindruck hat, dass sie sich gar keine Pause gönnen wollen. Das stimmt. Ich höre immer wieder: "Ich brauche nicht viel Schlaf. Mir reichen vier Stunden. Und ich muss immer was zu tun haben." Das wird sich irgendwann rächen. Wenn diese Menschen zur Ruhe kommen, fangen sie zum Nachdenken an. Davor fürchten sie sich, weil dann müssen sie sich mit sich selbst beschäftigen.

Verdrängen diese Menschen etwas Ja, sie haben Angst davor, das Problem zu erkennen. Sie sind hilflos und wissen nicht, was sie tun sollen, also arbeiten sie weiter und beschäftigen ihre Gedanken, nur um sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen.

Gleichzeitig scheint es jedoch, einen Trend hin zu mehr Achtsamkeit zu geben. Ich unterscheide gerne zwischen der Achtsamkeit gegenüber mir selber und Achtsamkeit gegenüber anderen. Das ist oft auch ein Frauenthema. Frauen nehmen sich eher zurück und sind für die anderen da. Frauen müssen deshalb eher lernen, achtsam gegenüber sich selbst zu sein. Ich stelle Klientinnen oft die Frage: Würdest du mit anderen so umgehen wie du mit dir selber umgehst? Da fangen sie zu denken an.

Viele Menschen scheinen nach außen hin ein glückliches Leben zu führen und sind dennoch unzufrieden und instabil. Woran liegt das? Manche Menschen spüren sich nicht mehr. Sie nehmen sich selbst zu wenig wahr: Was will ich, was brauche ich und was kann ich für mich selbst tun? Man muss wieder lernen, die eigenen Grundbedürfnisse zu erkennen.

Haben wir verlernt, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen Ich glaube wir haben verlernt, wahrzunehmen, was wir wollen. Vor lauter Hektik kommt man nicht mehr zum Nachdenken. Wir müssen wieder lernen, zu erkennen, was wir brauchen und wie unser Körper auf Situationen reagiert.

Wie sind Sie ins Burnout geraten und wie haben Sie es erkannt? Selbst erkannt habe ich es nicht. Man ist in der Situation und glaubt, dass alles normal ist. Ich bin über Jahre hinweg hineingeraten, habe Raubbau an meinem Körper betrieben. Außerdem gab es auch in meiner Familie viele Glaubenssätze, die mich getrieben haben. Zum Glück war mein Mann sehr aufmerksam und hat bemerkt, dass ich immer wieder Dinge vergesse. Ich konnte auch nicht mehr schlafen, aber ich habe einfach immer weitergemacht. Der Hausarzt hat mir dann das Messer angesetzt und gesagt: Entweder ich schreibe dich jetzt krank, oder du musst in ein paar Wochen ins Krankenhaus. Das hat mir dann die Augen geöffnet. Heute bin ich mir gegenüber sehr sensibilisiert. Ich verschreibe mir selbst Pausen. Manchmal schaue ich nur in die Luft und langweile mich. Gerade die Langeweile ist etwas sehr Wertvolles. Da fängt man erst zum Denken an und kann etwas Neues schaffen.

Aufgerufen am 15.10.2019 um 12:48 auf https://www.sn.at/snin/podcast/die-gefragte-frau-18-manche-menschen-spueren-sich-nicht-mehr-stress-expertin-angelika-platzek-im-gespraech-76774243

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