Das Unbegreifliche fasziniert am Skispringen

Warum wir mit Stefan Kraft jubeln und die Popularität dieser Randsportart ungebrochen ist.

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Sport | Fußball, Eishockey, Skifahren und Co. Michael Unverdorben

Sind Sie schon einmal, als Sie sich für einen kurzen Moment unbeobachtet fühlten, im Stiegenhaus die letzte Stufe heruntergesprungen und mit abgewinkelten Beinen, also einem Telemark, gelandet? Schätzen Sie die vom Skispringer erzielte Weite, noch bevor sie im Display eingeblendet wird? Oder haben Sie sich bei der nordischen WM einfach nur mitgefreut mit diesem sympathischen Salzburger, dem neuen ÖSV-Star Stefan Kraft? Irgendwo steckt doch in den meisten von uns ein Skispringer, dabei hat es kaum jemand selbst ausprobiert. Aber wie kann eine Randsportart, die von wenigen Tausend, professionell gar nur von knapp 400 Menschen weltweit ausgeübt wird, uns so in ihren Bann ziehen?

Zuallererst ist da der Traum vom Fliegen, der auch nach 100 Jahren kommerzieller Luftfahrt nichts von seinem Zauber eingebüßt hat. Dass sich kleine Männer mit langen Ski riesige Schanzen hinunterwuchten und auf einem unsichtbaren Luftpolster bis zu 250 Meter weit fliegen können, übt auf viele Menschen eine Faszination aus. Und wir Österreicher schauen natürlich auch gern zu, weil wir erfolgreich sind. Weil es in dieser Sportart schon immer öster reichische Helden gab und sich seit der Ära von Baldur Preiml in den 1970er-Jahren auch eine gewisse Skisprung-Kultur entwickelt hat.

Das eigentliche Erfolgsgeheimnis ist aber, dass es die Nordischen geschafft haben, was bei den Alpinen - zumindest für die Skination Österreich - ganz selbstverständlich ist: ein breites Publikum zu begeistern. Die letzte Treppe springt das Schulkind genauso hinunter wie der rüstige Pensionist. Daran ist ein ausgeklügeltes Format "schuld": Skispringen hat, wie etwa auch ein Slalom im alpinen Rennsport oder ein 20-Kilometer-Bewerb im Biathlon, einen perfekten Spannungsbogen. Der Beste kommt immer zum Schluss und das Springen darf laut dem findigen FIS-Renndirektor Walter Hofer maximal so lange dauern wie ein Fußballspiel. Nach eineinhalb Stunden nimmt die Aufmerksamkeit des TV-Sportkonsumenten nämlich deutlich ab, belegen Studien.

Mit ständig angepassten Materialrestriktionen wirkt der Internationale Skiverband zudem darauf ein, dass die Sportart trotz rasant fortschreitender Entwicklung immer ihr gewohntes Erscheinungsbild behält. Es gibt keine Experimente, keine übertriebenen Showelemente und auch keine allzu exotischen Austragungsorte. Dem Skispringen reichen die Kernkompetenzen, um modern zu bleiben: das Wagemutige, das Unbegreifliche, das am Ende doch so einfach aussieht. Zumindest dann, wenn wir Doppelweltmeister Stefan Kraft bewundernd zusehen.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 10:03 auf https://www.sn.at/sport/das-unbegreifliche-fasziniert-am-skispringen-210964

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