Die Vorbildwirkung endet nicht auf dem Rasen

Frankreich verliert das EM-Finale gegen Portugal. Aber der Grande Nation ist trotzdem großer Respekt zu zollen.

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Sport | Fußball, Eishockey, Wintersport, Tennis, Motorsport, Formel 1 Richard Oberndorfer

Wie meinte der Rekord-Verteidiger der glorreichen französischen Weltmeister-Mannschaft von 1998, Marcel Desailly, vor der Fußball-EM im eigenen Land: "Wir dürfen uns nicht wegen der Terrorgefahr in Angst zurückziehen. Wir müssen der Welt zeigen, dass wir uns nicht verstecken wollen," sagte er in einem SN-Interview.

Wie wahr. Frankreich hat ein sehr gutes Turnier hingelegt. Vielleicht nicht ganz auf dem Rasen nach der unerwarteten 0:1-Niederlage am Sonntag im Endspiel gegen Portugal. Aber nach den Anschlägen im November hat niemand der Grande Nation ernsthaft ein Turnier ohne größere Probleme bei der Organisation zugetraut. "Die Sicherheitsvorkehrungen werden die Stimmung im Land vermiesen und sogar zusätzliche Unsicherheit verbreiten", hieß es. Chaos würde regieren, weit entfernt würde man von einem Fußballfest sein. Die Drohungen der Terrormiliz "Islamischer Staat" vor und während der Europameisterschaft würden die Angst verschärfen. Die großen Fanmeilen in Europa würden leer bleiben.

Doch Frankreich hat das Gegenteil vorgelebt. Diese Bilanz kann auch der vergebene dritte EM-Titel nicht schmälern. Es ist ein kleiner Trost, aber die Veranstaltung war "à la bonne heure", wie der Franzose gern sagt.

Und doch erlebten wir bei dieser EM Situationen, die ein Land wieder schmerzlich aus dem Gleichgewicht hätten bringen können: Schlägertrupps aus Russland zerstörten mit brutalen Aktionen beim Vorrundenspiel gegen England die gute Laune. Wie in einem Bürgerkrieg wurde laut Augenzeugenberichten in Marseille geprügelt und zerstört. Noch Tage danach sollten Menschen in den Stadien zusammenzucken, wenn Böller in den Arenen gezündet wurden oder Fans auf den Rängen panisch zusammenliefen. Es sollte bei diesen wenigen Vorfällen bleiben. Gott sei Dank.

Frankreich war ein umsichtiger und freundlicher Gastgeber - das übertrug sich auch auf die meisten Fans. Kontrollen waren angemessen allgegenwärtig, weil notwendig, aber nie unangenehm. Die abschreckenden Szenarien haben gewirkt.

Wir alle müssen den Franzosen dankbar sein. Sie haben uns vorgelebt, wie das Leben - beeinträchtigt durch Einschüchterungen von außen - weitergehen kann. Sogar weitergehen muss. Den Terrordrohungen zum Trotz. Das ist vorbildlich. Das vermittelt Lebensfreude. Dafür hat Frankreich am Sonntag eigentlich auch eine EM-Trophäe verdient.

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