Es sind die verlogensten Spiele aller Zeiten

Die Probleme im Vorfeld von Olympia wurden von den Verantwortlichen einfach weggelächelt.

Autorenbild
Sport | Fußball, Eishockey, Skifahren und Co. Richard Oberndorfer

Eines ist schon am Eröffnungstag fix, und es mutet irgendwie skurril an: IOC-Präsident Thomas Bach kennt bereits seine Abschlussworte - ohne zu wissen, wie die 31. Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro gelingen werden. Der Deutsche wird von den "besten Spielen aller Zeiten" reden. Dieser Satz hat schon Tradition: In Sydney 2000 sprach der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch erstmals diese Worte. Probleme werden vom IOC zumeist negiert, weggelächelt und nur hinter den Kulissen verhandelt. Ein System.

Die Wahrheit schmerzt. Denn wir erleben in der brasilianischen Metropole vermutlich die verlogensten Spiele aller Zeiten. Es ist einfach der falsche Zeitpunkt für die Olympischen Spiele in Rio.

Russland, das seit Jahrzehnten mit einem staatlich geförderten Doping-System seine Athleten zu Großereignissen schickt, wird dennoch mit 271 Athletinnen und Athleten vertreten sein. Eine Doping-Kollektivschuld mit Ausschluss der gesamten Mannschaft wollte niemand aussprechen. Dabei liegt sie nahe: Wie sollen die Doping-Fahnder einen positiven Nachweis erbringen, wenn Tests verhindert oder manipuliert wurden? Für viele war es auch ein Kniefall des IOC vor Kremlchef Wladimir Putin. Bei Trinidad und Tobago wäre ein Ausschluss sicher leichter gefallen.

Terrorgefahr lässt die Spiele zu einer Hochsicherheitszone werden. 85.000 Sicherheitsleute - darunter die Hälfte Militärs - sollen für Ordnung sorgen. Da passt es nicht dazu, wenn einen Tag vor der Eröffnung die Polizei von einer Einbruchsserie und von Überfällen am Strand gegen Olympiateilnehmer berichtet. Bandenkriege und Polizeigewalt sind in Rio allgegenwärtig. Noch nie fanden Spiele in einem so gefährlichen Land statt.

Der "brasilianische Patient" taumelt. Bei der Vergabe vor sieben Jahren an Rio jubelten viele. Brasilien galt durch die Erdölfunde als aufstrebendes Land. Davon ist heute nichts mehr übrig. Im Gegenteil. Die Schere zwischen Arm und Reich ist so groß wie noch nie. Mindestens zehn Milliarden Euro werden die Olympischen Spiele in Rio kosten, während die Bevölkerung nach besserer medizinischer Betreuung und mehr Bildung giert. "Wir leben in der Erwartung eines Traums", sagt ein Einwohner Rio de Janeiros, ein Carioca, in einem TV-Interview. Die Hoffnung auf eine bessere Welt aber schwindet.

Bürdet die Welt dem Projekt Olympia zu viel auf? Olympia als positives Allheilmittel?

Ab hier beginnt der gute Teil: Faktum ist, dass Olympia für Völkerverbindung steht. Im Athletendorf wohnen alle Nationen auf engstem Raum. Auch die zerstrittenen. Das Flair - davon berichten die Athletinnen und Athleten - ist einzigartig. Medaillen gelten bei Olympia für die Ewigkeit. Es gibt ein kollektives Aufatmen, wenn endlich erstes Edelmetall im Land ist. Das ist Gesprächsthema, das schweißt nicht nur die Stammtischphilosophen zusammen. Das gilt auch für Österreich. Laut US-Sportmagazin "Sports Illustrated" dürfen wir uns über Silber und Bronze der Segler freuen. Nach der Pleite von London 2012 ohne Medaillen wäre das eine Wohltat.

Rio 2016 kann trotz aller Probleme wegweisend sein. Es gilt Missstände regelmäßig aufzuzeigen, strengere Doping-Richtlinien zu erstellen, dem Gigantismus eine Absage zu erteilen und eigene Befindlichkeiten der IOC-Granden hintanzustellen. Dann hätte die Verlogenheit weniger Chancen.

Aufgerufen am 22.09.2018 um 01:11 auf https://www.sn.at/sport/es-sind-die-verlogensten-spiele-aller-zeiten-1185208

Schlagzeilen