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Liverpools Mentalitäts-Giganten und das "Wunder von Anfield"

Die legendäre Anfield Road hat am Dienstag einen Abend der Superlative erlebt. "Das ist schwer in Worte zu fassen", sagte Liverpools Matchwinner Divock Origi, der die 4:0-Aufholjagd gegen den FC Barcelona und den Finaleinzug in der Fußball-Champions-League perfekt machte. Mit Mut, Wille und Gewitztheit setzte Jürgen Klopps Team Barca schachmatt und bereitete den Katalanen den nächsten CL-Albtraum.

Was für ein Abend an der Anfield Road SN/APA (AFP)/PAUL ELLIS
Was für ein Abend an der Anfield Road

Nach dem 3:0 im Hinspiel war der erste CL-Finaleinzug Barcas seit dem Titelgewinn 2015 eigentlich aufgelegt. Auch oder gerade wegen des warnenden Beispiels aus dem Vorjahr. Da hatte Barca nach dem 4:1 gegen die AS Roma mit einer 0:3-Auswärtsniederlage den CL-Halbfinaleinzug verspielt. Doch Geschichte wiederholt sich. "Wir können denselben Fehler nicht in zwei Jahren hintereinander machen", stöhnte ein ungläubiger Barca-Stürmer Luis Suarez. Gerade der vierte Gegentreffer infolge eines völlig unerwartet abgespielten Eckballs von Trent Alexander-Arnold, ließ den Uruguayer zweifeln: "Da haben wir uns wie Schulbuben verhalten." Selbst Klopp zeigte sich vom Geistesblitz seines Kickers aber überrascht: "Das war eine Idee von Trent Alexander-Arnold, 20 Jahre alt - was für ein Kerl."

Die entscheidenden Phasen des "Wunders von Anfield" (die Tageszeitung Daily Mail) fielen in den Beginn der beiden Spielhälften. Da setzten die "Reds" um Ex-Salzburger Sadio Mane den Gegner enorm unter Druck und kamen zu je zwei Treffern, die aus Sicht der Hausherren auch für einen idealen Matchverlauf sorgten. Dabei hatte Klopp vor Übermut gewarnt. "Wenn wir volles Risiko gehen, ist das Spiel nach fünf Minuten entschieden", lautete seine Ansage vor der Partie. Die Intensität machte sich aber bezahlt. "Als sie getroffen hatten, und uns hoch angepresst haben, war es sehr schwer", bestätigte Barca-Mittelfeldmann Sergio Busquets. Noch dazu "in dieser Atmosphäre". Trainer Ernesto Valverde, der sich wohl wachsender Kritik stellen muss, rang nach Worten: "Wenn du 0:4 verlierst, gibt es keine Entschuldigung." Ebenso ratlos klang Club-Präsident Josep Maria Bartomeu: "Dafür gibt es keine Erklärung."

14 Jahre nach dem denkwürdigen CL-Finale, bei dem Liverpool trotz eines 0:3 zur Pause gegen den AC Milan im Elferschießen noch als Sieger vom Platz ging, schenkte man seinen Fans einen weiteren unvergesslichen Europacupabend - obwohl die beiden Offensivstützen Mohamed Salah und Roberto Firmino fehlten. "Das ist einer der schönsten Momente in meiner Karriere. Dies wird in Erinnerung bleiben", sagte Origi, und Kapitän Jordan Henderson fügte hinzu: "Der Glaube in unserer Kabine ist großartig. Wir wussten, dass wir etwas Spezielles erreichen können. Das ist eine besondere Nacht." Der 51-jährige Klopp hoffte sogar, "dass ich mich in 50 Jahren daran noch erinnern kann".

Für den derzeit arbeitslosen Starcoach Jose Mourinho ist Klopp die zentrale Figur des Erfolgs. "Es geht da nicht um Taktik oder Philosophie. Es geht um das Herz und die Seele und das fantastische Klima, das er mit diesen Spielern geschaffen hat", erklärte der Portugiese dem Sportsender beIN. Glaubt man den Worten Klopps, hält er seine Truppe tatsächlich für etwas ganz Besonderes. "Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Aber weil ihr es seid, glaube ich an die Chance", habe er ihnen vor Anpfiff erklärt. "Das sind Mentalitäts-Giganten."

Wenn Liverpool im Finale in Madrid am 1. Juni auf Ajax Amsterdam oder Tottenham (Hinspiel: 1:0) trifft und vom ersten Königsklassen-Titel seit 2005 träumen darf, ist es auch die Chance für den begnadeten Motivator Klopp, seine Finalbilanz aufzubessern. Es ist es das dritte CL-Endspiel, mit Borussia Dortmund (2013) und Liverpool im Vorjahr hatte er kein Glück. Insgesamt stand Klopp auf nationaler und internationaler Ebene in sieben Finali, die letzten sechs davon hat er allesamt verloren.

Quelle: Apa/Dpa/Ag.

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