Die aufgewühlten Seelen nach Klein-Córdoba

Warum Fußball-Erfolge gegen Deutschland besonders Spaß machen und in Österreich Glücksgefühle auslösen.

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Standpunkt Richard Oberndorfer

Nein, Córdoba, das sich am 21. Juni zum 40. Mal jährt, ist deshalb nicht vergessen, wie ÖFB-Spieler Marko Arnautovic nach dem überraschenden 2:1-Testspielsieg in Klagenfurt gegen Deutschland launig meinte. Es ist im besten Fall ein "Klein-Córdoba". Trotzdem: Noch zwei Tage nach dem ersten Sieg einer österreichischen Fußball-Nationalmannschaft nach 32 Jahren gegen den oft zitierten "Lieblingsnachbarn" herrscht noch immer Verzückung im Land. Es ist ein Gesprächsthema, das weit über die Stammtische hinausgeht. Emotionen werden auch bei jenen ausgelöst, die sonst mit Fußball wenig zu tun haben wollen. Fast eine Million TV-Zuschauer
in Österreich verfolgten am Samstag dieses Match.

In Deutschland dagegen regiert zwölf Tage vor dem ersten WM-Spiel in Russland gegen Mexiko Katzenjammer. Viele Medien zerlegten am Wochenende in harschen Worten die DFB-Elf von Bundestrainer Joachim Löw.

Warum machen Erfolge gegen den viermaligen Weltmeister besonders Spaß? Nun. Der "große Bruder" und die mit Weltstars gespickte Mannschaft ist fast gegen jeden Gegner Favorit. Gegen Österreich sowieso. Der Spruch "Ein Match dauert 90 Minuten und am Ende gewinnen immer die Deutschen" hat Ruhm erlangt und deshalb sind Manuel Neuer und Co. in jedem Spiel die Gejagten. Ein Sieg gegen Deutschland ist also mehr als eine Genugtuung. Trotz Testspielcharakter. Noch dazu wird von vielen deutschen Beobachtern die österreichische Liga als Operettenliga tituliert, aus der kaum ernst zu nehmende Spieler hervorgehen. Wohl ohne zu wissen, dass viele ÖFB-Stammkräfte wie David Alaba, Kapitän Julian Baumgartlinger oder Martin Hinteregger längst wertvolle Leistungsträger in ihren Vereinen in Deutschland geworden sind. Und ganz ehrlich: Das dezente Leiden der Deutschen nach einer solchen Niederlage gefällt uns doch. Oder nicht?

Nach fehlenden Erfolgen oder verpasster WM-Qualifikation der heimischen Kicker gibt es damit keinen besseren Gegner, um das Selbstwertgefühl rasant zu steigern. Obwohl es nur ein Fußballspiel ist: Jeder Sieg gegen Deutschland tut der österreichischen Seele gut. Aber keine Sportart sonst löst so ein Wirgefühl unter Nationen aus, wie es der Fußball in diesen Tagen kann. Gemeinschaftlich können wir uns freuen. Die da draußen auf dem grünen Rasen vertreten mich und dich. Ohne Rücksicht auf Herkunft oder Hautfarbe wird mitgefiebert. Diese Freude zählt doppelt.

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