Fußball

Serbien-Albanien abgebrochen: Was sind die Konsequenzen?

Eine Drohne mit albanischer Flagge flog über das Fußballstadion in Belgrad. Die Empörung ist groß, doch was sind die Folgen?

Ein Zwischenfall beim EM-Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Albanien am Dienstagabend in Belgrad hat zu Ausschreitungen und dem Abbruch des Spiels geführt und die Frage nach möglichen Folgen aufgeworfen. Der für den 22. Oktober geplante Besuch des albanischen Premiers Edi Rama in der serbischen Hauptstadt sei nicht infrage gestellt, hieß es am Mittwoch aus Tirana.

Ausgelöst wurde der Zwischenfall bei dem Fußballmatch durch eine Drohne mit einer großalbanischen Flagge, die in den Schlussminuten der ersten Halbzeit über das Spielfeld flog. Es kam zu einem Handgemenge, nachdem ein serbischer Spieler die Flagge an sich nahm. Auch einige Zuschauer stürmten auf den Platz und griffen vereinzelt albanische Spieler an. Die Partie, zu der albanische Fans nicht zugelassen worden waren, wurde schließlich beim Stand von 0:0 abgebrochen.

Gegen die plötzlich heranschwebende Drohne mit der großalbanischen Fahne konnten auch 3500 serbische Polizisten am Boden nichts mehr ausrichten. Der Abbruch des Spiels hat plötzlich wieder die gespannten Beziehungen der beiden Nachbarn in den Mittelpunkt gerückt und FIFA-Präsident Joseph Blatter sowie UEFA-Boss Michel Platini gleichermaßen entsetzt. Beide Verbandschef warnten, der Fußball solle niemals für politische Botschaften benutzt werden.

"Ich missbillige zutiefst, was letzten Abend in Belgrad geschehen ist", schrieb Blatter, der Schweizer Boss des Fußball-Weltverbandes, am Mittwoch via Twitter angesichts der Jagdszenen im Partizan-Stadion. Platini erinnerte daran, dass der Fußball die Menschen zusammenbringen und nicht mit Politik jeglicher Art vermischt werden solle. "Die Szenen in Belgrad waren unentschuldbar", erklärte der Franzose.

Hat Bruder des albanischen Premiers die Drohne gelenkt?Serbische Medien berichteten in der Nacht unter Berufung auf das Innenministerium in Belgrad, dass die Drohne von Olsi Rama, dem Bruder des albanischen Ministerpräsidenten, gesteuert worden sei. Rama selbst bestritt dies nach seiner Rückkehr nach Tirana. Er sei in Belgrad auch nicht festgenommen worden.

"All dies ist eine Fehlinformation serbischer Medien gewesen", versicherte Rama demnach in einem Telefongespräch gegenüber dem TV-Sender Klan Kosova. Laut früheren serbischen Medienberichten soll Rama, der das Match von einer VIP-Loge aus verfolgte, die Drohne, an der die Flagge befestigt war, per Fernbedienung gesteuert haben. Zu der Aktion hat sich unterdessen eine albanische Fußball-Fangruppe aus Mazedonien bekannt. Das Fußballspiel war letztlich abgebrochen worden.

Mit Vorwürfen, hinter den Geschehnissen im dem Belgrader Stadion zu stecken, musste sich auch die EU-Kommission auseinandersetzen. In serbischen Medienberichten hieß es, dass einige albanische Schlachtenbummler trotz ursprünglichen Verbotes ins Stadion gelassen worden seien und dass dies nach der Intervention des Vertreters der EU-Kommission in Belgrad, Michael Davenport, geschehen sei.

"Es hat keinen Sinn, die Erfindungen zu kommentieren", erklärte der EU-Vertreter in einer Reaktion. Auch sei es nun an den Regierungen in Belgrad und Tirana, Mut und Verantwortungsbewusstsein an den Tag zu legen und sich durch solche Zwischenfälle nicht vom europäischen Weg ablenken zu lassen.

Auch die EU-Kommission wies Anschuldigungen in Medien zurück. "Wir sind sehr enttäuscht über den Abbruch des Fußballspiels", unterstrich am Mittwoch eine Sprecherin der Außenbeauftragten Catherine Ashton in Brüssel. Der schwedische Außenminister Carl Bildt twitterte, er hoffe, dass die Ministerpräsidenten Serbiens und Albaniens die Notwendigkeit einsehen würden, die bilateralen Beziehungen zu fördern.

Politiker hüllen sich in SchweigenWeder Serbiens Präsident Tomislav Nikolic, der dem Fußballmatch selbst beiwohnte, noch Ministerpräsident Aleksandar Vucic kommentierten den Zwischenfall zunächst. Auch der serbische Innenminister Nebojsa Stefanovic hüllte sich in Schweigen.

Der serbische Außenminister Ivica Dacic erklärte zu den Vorkommnissen im Stadion, dass es sich um eine "im Voraus vorbereitete politische Provokation" gehandelt habe. Sein Bündnispartner, Arbeitsminister Aleksandar Vulin, brachte den Zwischenfall mit dem am Donnerstag stattfindenden Belgrad-Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Verbindung.

"Und was, wenn hinter dem Zwischenfall einer unserer Sicherheitsdienste stehe? Es wäre nicht das erste Mal", hieß es am Mittwoch in einem der zahlreichen serbischen Internet-Kommentare.

Die albanische Verteidigungsministerin und enge Vertraute Edi Ramas, Mimi Kodheli, versicherte am Mittwoch, der Zwischenfall bei dem Match werde den geplanten Besuch des Premiers in Serbien nicht infrage stellen. "Die Entscheidung, Belgrad nach so vielen Jahrzehnten (zuletzt hatte dies Enver Hoxha im Jahre 1947 getan, Anm.) zu besuchen, ist ein wichtiger Schritt für alle am Balkan", sagte Kodheli laut Medienberichten.

Polizei musste auch in Wien ausrückenZu einem größeren Polizeieinsatz aufgrund drohender Zusammenstöße zwischen Serben und Albanern kam es in der Nacht auch in Wien-Ottakring. Durch die große Präsenz konnte laut Polizei verhindert werden, dass die beiden Gruppen aufeinandertrafen. Laut einer ersten Bilanz gab es keine Verletzten und keine Festnahmen. Allerdings wurden etwa 30 Anzeigen wegen Verwaltungsübertretungen erstattet.

UEFA ermittelt gegen VereineDie UEFA ermittelt gegen beide Verbände wegen der Prügeleien zwischen den Spielern und Zuschauern. Ein Eintreffen der vollständigen Sonderberichte des Schiedsrichters und der Spielbeobachter wurde aber erst im Laufe des Mittwochs erwartet. Die Verbände haben jedenfalls bis nächsten Mittwoch Zeit für eine Antwort.

Zumindest in serbischen Medien wurde eine Mitschuld der UEFA diskutiert. Während politische Kontrahenten wie zum Beispiel Spanien und Gibraltar in verschiedenen Gruppen spielten, habe man im Falle Serbiens und Albaniens den Auftritt der jahrzehntelangen politischen Erzfeinde in einer gemeinsamen Ausscheidung zugelassen. Allerdings waren in Belgrad keine albanischen Fans erlaubt.

Quelle: SN

Aufgerufen am 20.11.2018 um 06:44 auf https://www.sn.at/sport/fussball/serbien-albanien-abgebrochen-was-sind-die-konsequenzen-3097969

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