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WM 2018

Brasiliens Tite-Revolution: Heilsbringer mit falschem Namen

Als Tite im Juni 2016 das brasilianische Fußball-Nationalteam übernahm, lag die Stimmung im Land des Rekordweltmeisters im Keller. Vorgänger Dunga war gerade zum zweiten Mal seit der WM 2014 bei der Copa America gescheitert, Umfragen verorteten die Unterstützung für die "Selecao" auf einem historischen Tiefstand. Doch der neue Trainer kam, sah und siegte - und machte Brasilien wieder zu Brasilien.

Tite lässt Brasiliens Fußballfans jubeln SN/APA (AFP)/OLI SCARFF
Tite lässt Brasiliens Fußballfans jubeln

Mit Tite an der Seitenlinie gewannen die Brasilianer neun Qualifikationsspiele in Folge, im März 2017 stand man als erste Nation neben Gastgeber Russland als WM-Teilnehmer fest. Der neue Coach verwandelte noch dazu die Identität der Mannschaft, indem er das Zentrum stärkte und die Abhängigkeit von Neymar reduzierte. Vor allem seinetwegen erinnert Brasilien wieder an längst vergangene Zeiten des schnellen, trickreichen Kombinationsfußballs, für den Namen wie Pele, Socrates, Zico oder Falcao stehen.

"Ich hätte nie gedacht, dass das so gut funktioniert", meinte der inzwischen 57-jährige Tite, den laut aktuellen Umfragen gut 15 Prozent der Brasilianer zum Präsidenten wählen würden. Angesichts einiger seiner zentralen Eigenschaften wäre eine politische Karriere gar nicht so abwegig. Der grauhaarige Sir aus dem südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul ist belesen, weltmännisch und glänzt mit seiner geschliffenen Rhetorik.

Seinen Ruf als Trainer hat der ehemalige Mittelfeldspieler hauptsächlich bei Corinthians begründet. Mit dem Club aus Sao Paulo gewann er 2011 und 2015 die landesweite Meisterschaft und 2012 die Copa Libertadores. Vor der Heim-WM 2014 galt er schon als aussichtsreicher Anwärter für den "Selecao"-Posten, wurde jedoch vom Nationalverband zugunsten von Luiz Felipe Scolari übergangen.

Zum Weltmeister-Trainer von 2002 hat Tite eine besondere Beziehung. Scolari war erst sein Teamkamerad und Mentor, dann Rivale. Und er verdankt ihm seinen Rufnamen, der im größten Land Südamerikas so ähnlich wie "Tschitschi" ausgesprochen wird. Sein bürgerlicher Name ist Adenor Leonardo Bachi. Als er in den 1970ern mit seinem Freund Tite zu einem Probetraining bei Caxias antanzt, verwechselt Abwehrspieler Scolari aber die Spitznamen: Tite wurde zu Ade, Ade zu Tite. Der Name blieb seitdem haften.

Als Scolari-Nachfolger Dunga bei der "Selecao" Geschichte war, ließ Tite das Personal im Wesentlichen unverändert, sorgte aber für ein neues Wir-Gefühl. Um die Harmonie zu fördern, verzichtete er auf einen fixen Kapitän und schickte in jedem Spiel einen anderen mit dem Armband aufs Feld.

In Sachen Taktik gelang ihm mit einem Wechsel zu einem flexiblen 4-3-3 der entscheidende Schachzug. Tite brach mit der langjährigen "Selecao"-Tradition der Doppel-Sechs und installierte im zentralen Mittelfeld ein Trio. Dabei schenkte er zwei alten Bekannten aus seiner Corinthians-Ära das Vertrauen: Renato Augusto, der zum zurückhängenden Spielmacher nach dem Muster Andrea Pirlo umgemodelt wurde, und Paulinho. Die beiden bilden mit Casemiro von Real Madrid das Herzstück der neuen Auswahl.

Die Umstellung nahm viel Druck von Neymar, der meistens über die linke Seite kommt. Die Abhängigkeit von ihrem Topstar, bekannt als "Neymardependencia", war lange das Hauptproblem der "Selecao". Allein Dunga verschliss fast ein Dutzend Neuner, um für Entlastung zu sorgen, doch erst Tite fand mit Gabriel Jesus einen passenden Kandidaten. Auch Willian und Philippe Coutinho, die sich als Rechtsaußen abwechselten, präsentierten sich in Torlaune. "Wenn der Ball zu Neymar kommt, wird er zugedeckt, aber die andere Seite wird dadurch offener", erklärte Tite.

Nach 2002 hatte bei Weltmeisterschaften stets der europäische Fußball die Nase vorne. Nur einmal, bei der Club-WM 2012, setzte sich mit Corinthians im Endspiel gegen Chelsea (1:0) eine südamerikanische Mannschaft durch. Ihr Trainer: Adenor Leonardo Bachi, genannt Tite. Auch deshalb trauen ihm seine Landsleute zu, die brasilianische Renaissance in Russland mit dem WM-Pokal zu krönen.

Quelle: APA

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