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WM 2018

Englands Harry Kane: Erst zu klein, nun "Captain Fantastic"

Er war zu klein und zu langsam für Arsenals Nachwuchs. Der Rückschlag sollte Harry Kane eine ewige Motivationsspritze sein, die den Stürmer bis zum "Captain Fantastic" aufzusteigen ließ. Mit seiner Antizipation und einer beeindruckender Abschlussstärke gehört Kane längst zu den gefürchtetsten Angreifern im Weltfußball. Wird er Englands Trumpf auf dem Weg zum zweiten WM-Titel nach 1966?

In 28 Spielen markierte der 24-Jährige 19 Tore SN/APA (AFP)/IAN KINGTON
In 28 Spielen markierte der 24-Jährige 19 Tore

Er ist fürs Toreschießen in Englands Team zuständig und erfüllt diese Aufgabe bisher hervorragend. Mit sechs Treffern - drei davon aus Elfmetern - führt Kane die WM-Schützenliste an. Der Schnitt ist nicht überraschend: In 153 Liga-Spielen für Tottenham Hotspur erzielte Kane 108 Tore. Mit 0,71 Treffern pro Match konnten in der jüngeren Vergangenheit auf der Insel einzig Sergio Aguero (0,69) und Thierry Henry (0,68) mit dem 1,88 m großen Stürmer mithalten.

Im Dress der "Three Lions" scort er ähnlich regelmäßig. In 28 Spielen markierte der 24-Jährige 19 Tore. "Bis jetzt läuft es gut für mich. Ich hoffe, es geht so weiter", erklärte Kane zuletzt. Geht es Kane gut, geht es England gut - dank seiner Treffersicherheit rechnen die euphorischen Fans aus dem Mutterland des Fußballs wieder einmal mit dem Allergrößten.

Geboren in einer passionierten "Spurs"-Familie wuchs Harry nur fünf Meilen von der White Hart Lane - der Heimstätte Tottenhams - im Norden Londons auf. Als Achtjähriger spielte er für die Ridgeway Rovers, den gleichen Club wie David Beckham, dann fiel er einem Arsenal-Scout auf.

Er verbrachte ein Jahr in der Akademie der "Gunners", bis er eines Tages mit seinem Vater in den Park ging, wie Kane im Februar der "Players Tribune" anvertraute. "Mein Dad legte seinen Arm auf meine Schulter und sagte: 'Also, Harry ... Arsenal hat dich freigestellt.' Ich weiß nicht mehr, wie ich in diesem Moment fühlte - ich war zu jung. Aber ich weiß, wie mein Vater reagierte. Er kritisierte nicht mich. Er kritisierte nicht Arsenal. Er sagte nur: 'Mach dir keine Sorgen, Harry. Wir werden härter arbeiten und wir werden einen anderen Club für dich finden, ok?'"

Zwei Jahre später nahm sich Tottenham der Ausbildung des Zehnjährigen an. Doch fast wichtiger war das Verständnis des Vaters auf der Parkbank und dessen Optimismus, den der mittlerweile zweifache Premier-League-Torschützenkönig verinnerlichte. Es half ihm später in den durchwachsenen Anfangsjahren als Profi, meistens in Englands zweiter Liga. "Die herausragendste Qualität schon in der Jugend war sein unbändiger Glaube an sich selbst", sagte Les Ferdinand, Kanes ehemaliger U21-Trainer bei Tottenham. "Er wusste immer ganz genau, was er wollte." Kane: "Rückblickend war die Arsenal-Sache das beste, was mir je passiert ist. Es gab mir einen Drive, der vorher nicht da war."

Während seiner Leih-Engagements bei Leyton Orient, Millwall, Norwich und Leicester City war Kane kein schlechter Stürmer - aber kein herausragender. Es waren die Erfahrungen, welche er dort machte, die ihn erst zum Torjäger machten. Und offenbar eine Doku über Football-Superstar Tom Brady. Dieser war wegen seiner nicht speziellen Physis bei der Talenteauswahl ("Draft") der National Football League (NFL) 2000 von den New England Patriots nur an 199. Stelle gezogen worden. Als Quarterback führte Brady die Patriots zu fünf Super-Bowl-Titeln, er wurde einer der bekanntesten Sportler weltweit.

"Ich war hin und weg", sagte Kane ob des Gesehenen. "Es war, als ob an diesem Tag ein Licht in meinem Kopf aufging. Dort, auf meiner Couch in Leicester." Im folgenden Sommer lehnte Kane weitere Leih-Angebote ab. "Es war, als könnte ich meinen Kindheitstraum für Tottenham zu spielen vor meinen Augen sehen." Coach Tim Sherwood gab ihm die erste Chance, unter Nachfolger Mauricio Pochettino ("ein spezieller Mensch für mich") wurde Kane zum Stürmer von Weltformat. "Der Rest, würden die Leute wohl sagen, ist Geschichte", sagte Kane.

Auf der "Positiv aufgefallen"-Liste der WM-Endrunde steht Kane bereits weit oben. Noch ist sogar der Titel zum Spieler des Turniers in Reichweite - doch dafür wird es entscheidende Tore von "Captain Fantastic" brauchen. "Die WM ist das größte Turnier im Fußball", betonte Kane vor dem Mega-Event. "Darum geht es, dafür arbeitest du als Kind schon hart, dafür trainierst du. Das ist die größte Bühne der Welt." Er bringt das Durchsetzungsvermögen mit, um diese Bühne auch zu nutzen.

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